Bei Anschlag in Berlin zerstörter Lkw  | Bildquelle: dpa

Attentäter von Berlin Behörden schätzten Amri falsch ein

Stand: 29.12.2016 07:55 Uhr

Ein automatisches Bremssystem in dem Lkw, mit dem Anis Amri den Anschlag in Berlin verübt haben soll, hat womöglich noch größeren Schaden verhindert. Ein Personenprofil Amris, das NDR, WDR und SZ einsehen konnten, gibt zudem Aufschluss, wie viel den Behörden über ihn bekannt war.

Von Georg Mascolo, NDR, und Georg Heil, WDR

Bei dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz am 19. Dezember ist es möglicherweise einer Sicherheitsvorrichtung des verwendeten Lkw der Marke Scania zu verdanken, dass es nicht noch mehr Opfer gegeben hat.

Wie die Sonderkommission "City" ermittelte, kam der Sattelschlepper nur deshalb nach rund 80 Metern zum Stehen, weil die Zugmaschine mit einem automatischen Bremssystem ausgerüstet war, das bei einem Aufprall eingreift. Dies erfuhren NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung". Aus Regierungskreisen hieß es dazu: "Diese Technik hat Leben gerettet."

Der mutmaßliche Attentäter Anis Amri soll noch aus dem Führerhaus gechattet haben. Nur Minuten vor der Tat schrieb er an einen Glaubensbruder, bei dem es sich womöglich um den gestern in Berlin festgenommenen Tunesier handeln könnte: "Mein Bruder, alles in Ordnung, so Gott will. Ich bin jetzt im Auto, bete für mich mein Bruder, bete für mich." Dann verschickte Amri offenbar noch ein Selfie von sich im Führerhaus des Lkw.

Polizist vor dem verwüsteten Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin | Bildquelle: dpa
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Der Lkw kam offenbar durch ein automatisches Bremssystem zum Stehen.

17 Seiten Informationen über Amri

Unterdessen wird offenbar, wie detailliert die Sicherheitsbehörden vor dem Anschlag über den mutmaßlichen Attentäter im Bilde waren. Am 14. Dezember, nur fünf Tage vor Tat, aktualisierten Sicherheitsbehörden in Nordrhein-Westfalen ein Personenprofil über Amri. Das Dokument listet nach Erkenntnissen der Recherchekooperation von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" auf 17 Seiten auf, was die Behörden über ihn wussten und für wie gefährlich sie ihn hielten.

So war den Behörden durch die Auswertung eines sichergestellten Handys von Amri bekannt, dass er im Internet nach Bauanleitungen für Rohrbomben und chemischen Formeln, die bei der Herstellung von TNT benötigt werden, gesucht hat. Zudem stand er offenbar schon Anfang Februar in Kontakt mit Vertretern der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) und soll sich dieser verklausuliert als Selbstmordattentäter angeboten haben.

Den Behörden lagen auch Bilder und Audionachrichten von Amri vor, aus denen seine radikal-salafistische Gesinnung hervorgeht. Unklar bleibt, wann und unter welchen Umständen das Handy sichergestellt worden war.

Haftbefehl gegen Kontaktmann Amris: Neue Erkenntnisse
Mittagsmagazin, 29.12.2016, Philipp Glitz, WDR

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Einschätzungen zum Risikopotenzial Amris

Aufgrund der Behördenerkenntnisse war die Person Amri zwischen Februar und November 2016 mindestens siebenmal Thema im Gemeinsamen Terrorismus-Abwehrzentrum (GTAZ) von Bund und Ländern in Berlin. Dabei wurde mindestens zweimal die Frage diskutiert, ob Amri konkret einen Anschlag in Deutschland plane. Beide Male wurde dies jedoch trotz der umfangreichen Erkenntnisse als unwahrscheinlich eingestuft.

Amri hatte bereits 2015 mehrfach gegenüber einer Vertrauensperson des Landeskriminalamtes in Nordrhein-Westfalen davon gesprochen, dass er Anschläge begehen wolle. Dies ergibt sich aus einer Ermittlungsakte, die NDR, WDR und SZ einsehen konnten.

Anis Amri
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Den Behörden lagen zahlreiche Informationen über Amri vor. Dass er einen Anschlag begehen würden, vermuteten sie offenbar nicht.

Konspiratives Verhalten

In dem Personenprofil ist zudem vermerkt, dass der als Gefährder eingestufte Amri mit acht verschiedenen Personalien und sechs verschiedenen Namen bekannt ist und mit dem IS sympathisiert. Er verhalte sich außerdem über das normale Maß hinaus konspirativ und wechselte ausweislich des Profils in Berlin regelmäßig die Schlafplätze.

Namentlich werden neun Kontaktpersonen von Amri aufgelistet, darunter die bereits im November festgenommenen Hasan C. aus Duisburg und Boban S. aus Dortmund. Beide gelten als Unterstützer des IS und zentrale Figuren des sogenannten Abu-Walaa-Netzwerks um den ebenfalls im November festgenommene irakischen Prediger Ahmad Abdulaziz Abullah A., der unter dem Namen Abu Walaa aktiv war.

Amri soll nach Ermittlungen der Polizei für das Abu-Walaa-Netzwerk als Nachrichtenüberbringer tätig gewesen sein und in den Räumlichkeiten der von Boban S. betriebenen sogenannten Madrasa, einer Art Islam-Schule, in Dortmund  sogar eine Zeit lang gewohnt haben.

Mitte Oktober zur Beobachtung ausgeschrieben

Zudem werden vier von Amri genutzte Mobiltelefonnummern und die vier offiziellen Anschlussinhaber aufgelistet. Es ist auch vermerkt, dass er neben Arabisch, Französisch, Italienisch auch Deutsch und Spanisch spreche und er sich nach eigenen Angaben auch schon einmal in Frankreich aufgehalten habe. Zudem wurde im Jahr 2015 fünf Mal eine sogenannte Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender (BÜMA) für ihn ausgestellt - dreimal in Nordrhein-Westfalen, einmal in Berlin und einmal in Hamburg.

Mitte Oktober 2016 wurde Amri dann auch ausweislich des Personenprofils zur verdeckten polizeilichen Beobachtung im Bereich islamischer Terrorismus ausgeschrieben. Polizeibeamte sollten demnach melden, wenn sie Amri kontrolliert hatten und Angaben zum Umstand der Kontrolle oder etwaigen Begleitpersonen weitergeben.

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Amri hätte die Einreise und der Aufenthalt im Schengen-Raum verweigert werden sollen.

Eine ähnliche Anweisung galt offenbar für Verfassungsschutzämter, die Erkenntnisse an das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln weiterleiten sollten. Ebenfalls vermerkt ist in dem Profil ein Eintrag im "Schengen-Informationssystem" (SIS) aus Italien, wo Amri zuvor gelebt und im Gefängnis gesessen hatte, demzufolge Amri die Einreise und der Aufenthalt im Schengenraum zu verweigern sei.

Das Personenprofil vom 14. Dezember wirft nun auch Fragen auf. So sind in dem Dokument zwei Berliner Adressen angegeben, an denen sich Amri "zurzeit" aufhalte -  hier bleibt unklar, wann die Behörden Amri letztmalig observiert haben.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. Dezember 2016 um 18:00 Uhr.

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