Fahndungsfoto al-Bakr | Bildquelle: Polizei Sachsen

Vorwürfe gegen sächsische Justiz Al-Bakrs Familie will Anzeige erstatten

Stand: 21.10.2016 18:38 Uhr

Die Familie des toten Terrorverdächtigen Al-Bakr will Strafanzeige gegen Beamte der sächsischen Justiz wegen fahrlässiger Tötung erstatten. Dies bestätigte der deutsche Anwalt der Familie NDR, WDR und SZ.

Von Georg Heil, Reiko Pinkert, Sebastian Pittelkow

Als Mitarbeiter der Leipziger Justizvollzugsanstalt am Mittwochabend der vergangenen Woche den Tod von Jaber Al-Bakr in seiner Zelle feststellen, ist ein Terrorverdächtiger tot - und für die Justiz der wichtigste Häftling Deutschlands gestorben. Für die Hinterbliebenen Al-Bakrs war er ein Familienmitglied. Jetzt wollen sie dessen Suizid rechtlich aufklären lassen und Strafanzeige gegen Beamte der sächsischen Justiz wegen fahrlässiger Tötung erstatten. Dies bestätigte der deutsche Anwalt der Familie der "Süddeutschen Zeitung", dem NDR und dem WDR.

Al-Bakr hatte sich mit einem T-Shirt seiner Häftlingskleidung an einem Zwischengitter in seiner Zelle erhängt. Hinterher hatte es Kritik an den Bediensteten der Justizvollzugsanstalt Leipzig gegeben, weil sie Anzeichen auf Selbstmordgedanken bei Al-Bakr nicht ernst genug genommen hätten.

Außenaufnahme der JVA Leipzig | Bildquelle: dpa
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Al-Bakr erhängte sich in der JVA Leipzig.

War es Fahrlässigkeit?

Der Anwalt der Familie, Alexander Hübner, will nun im Auftrag der Familie prüfen lassen, ob die Behörden fahrlässig handelten, als sie Dschaber al-Bakr in einem gewöhnlichen Haftraum allein ließen und nur alle 30 Minuten nachsahen, obwohl der Inhaftierte bereits die Lampe in seinem Haftraum zerstört und an den Steckdosen manipuliert hatte. "Dass das nicht lege artis gelaufen ist, wie auch unser Justizminister sagt, ist ja offensichtlich", sagte der Anwalt.

Der Bruder des Toten, Alaa Al-Bakr, der in Saasaa nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus lebt, zweifelte seit dem Freitod an, dass es sich überhaupt um einen Suizid gehandelt habe. "Selbst wenn er IS-Mitglied war: Die begehen keinen Selbstmord", hatte er der "Welt" gesagt. Das sei im Islam verboten. "Ich bin mir wirklich sicher, dass die Polizei ihn umgebracht hat." 

Von solchen Vorwürfen distanziert sich Anwalt Alexander Hübner. Den konkreten Abläufen der Ereignisse in der Haftanstalt müsse aber nachgegangen werden. Unklar ist bislang auch, warum die Bundesanwaltschaft, die für Terrorfälle zuständig ist, damals nicht darüber informiert wurde, dass Al-Bakr seine Lampe und Steckdosen in der Zelle manipulierte.

Pannen beim verpatzten Zugriff

Auch bei der versuchten Ergreifung des Terrorverdächtigen sind noch Fragen offen. Am Samstagmorgen, 8. Oktober, rückte ein Sondereinsatzkommando des sächsischen LKA nach Chemnitz aus. Die Federführung über den Einsatz lag damit schon bei der sächsischen Polizei. Dennoch war es wohl eine Observationseinheit der Verfassungsschützer, die um 7.04 Uhr zuerst bemerkte, dass Al-Bakr das Haus verließ.

Sofort wollen die Späher die Polizisten informiert haben - von denen sich aber zwei nicht einigen konnten, ob der fragliche Mann wirklich der Gesuchte Al-Bakr sei. Der Terrorverdächtige konnte letztlich entwischen. In der Chemnitzer Wohnung entdeckten die Ermittler verschiedene Chemikalien und Bauteile für eine Sprengstoffweste.

Der Bundesanwaltschaft wurde trotzdem nur mitgeteilt, man habe "Spuren" von Sprengstoff gefunden. Erst mehr als einen ganzen Tag später meldete das sächsische LKA, dass es sich um mehrere Hundert Gramm Sprengstoff handelte. Nach dieser Mitteilung über die Menge, so heißt es aus Karlsruhe, sei dann klar gewesen, dass die Schwelle zur Übernahme der Ermittlungen überschritten war - und die Bundesanwaltschaft konnte sich einschalten.

Leichnam noch nicht freigegeben

Inzwischen führt die Leipziger Oberstaatsanwältin Claudia Laube bereits routinemäßig ein Ermittlungsverfahren zur Todesursache Al-Bakrs. Es ist bislang nicht abgeschlossen. Nun könnte sich die syrische Familie Al-Bakrs als Nebenklägerin in dieses Verfahren einschalten. Das würde den Druck erhöhen.

Eine Obduktion des Leichnams von Al-Bakr ergab zwar bereits, dass der Terrorverdächtige "ohne Fremdeinwirkung" zu Tode gekommen ist. Noch hat die Staatsanwaltschaft den Leichnam allerdings nicht zum Begräbnis freigegeben. Auch werden die Abläufe in der Justizvollzugsanstalt vor dem Tod Al-Bakrs noch untersucht.

Recherchekooperation

Die investigativen Ressorts von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" kooperieren unter Leitung von Georg Mascolo themen- und projektbezogen. Die Rechercheergebnisse, auch zu komplexen internationalen Themen, werden für Fernsehen, Hörfunk, Online und Print aufbereitet.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Oktober 2016 um 21:00 Uhr.

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