Frankfurt: Skyline auf Banken | Bildquelle: picture alliance / dpa

Alpe-Adria-Pleite erschüttert deutsche Banken Lehman Brothers im Märklin-Format

Stand: 13.03.2015 11:32 Uhr

Es ist wie damals bei Lehman, nur kleiner: Weil Österreich die Alpe-Adria-Bank pleitegehen lässt, stellen sich auch viele deutsche Institute auf drastische Verluste ein - voran die BayernLB. Ein Lehrstück, wie der Kollaps einer Bank andere mitreißt.

Von Heinz-Roger Dohms, tagesschau.de

Selbst die Hypo Real Estate ist wieder mittendrin. Auch wenn sie inzwischen anders heißt. Zur Erinnerung: 2008 war die Großbank kollabiert. Der Bund fing das Institut auf und spaltete den "schlechten" Teil in eine "Bad Bank" ab, die den Steuerzahler seitdem rund zehn Milliarden Euro gekostet hat. Den "guten" Teil hingegen nannte man fortan Deutsche Pfandbriefbank - in der Hoffnung, mit dem Namen gleich das Erbe abzustreifen.

Bis vor einer Woche schien dieser Trick zu funktionieren. Die Pfandbriefbank modifizierte ihr Geschäftsmodell, machte bescheidene Gewinne, schien stabil genug, um aus der Obhut des Staates entlassen, sprich: reprivatisiert zu werden. Mitte Februar läutete die Bundesregierung den Verkaufsprozess ein. Doch dann wurde dieser Tage klar, dass die angeblich gute Bank einen ganzen Packen schlechter Papiere in den Büchern hat - nämlich Anleihen einer österreichischen Bank namens Hypo Group Alpe Adria. Vermeintlicher Wert: 395 Millionen Euro. Tatsächlicher Wert: vielleicht die Hälfte davon.   

Die Hypo Alpe Adria Bank in Klagenfurt | Bildquelle: dpa
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Nach Jahren des Missmanagements vor der Pleite: die Hypo Group Alpe Adria

  

Die Staatsgarantie soll nicht mehr gelten - ein Präzedenzfall

Die in Kärnten ansässige Hypo Group Alpe Adria ist eine Bank, die hierzulande niemand kennen würde, wäre sie nicht aus dreierlei Gründen ziemlich speziell: 1.) Sie war die Haus- und Hofbank Jörg Haiders. 2.) Sie gehörte zwischenzeitlich mal der Bayerischen Landesbank. 3.) Sie war über viele Jahre hinweg der Schauplatz eines unfassbaren Missmanagements. Dass es sich bei der Alpe Adria um eine tickende Zeitbombe handelte, wusste man. Dass die Bombe eine solche Sprengkraft entfalten würde, wusste man aber nicht. Und erst recht ahnte niemand, dass die Detonation in Deutschland tiefere Krater reißen würde als in Österreich.

Der Vorstandsvorsitzende der BayernLB, Werner Schmidt, und der Landeshauptmann von Kärnten, Jörg Haider, unterzeichnen am 21. Mai 2007 den Vertrag zur Übernahme der Hypo Alpe Adria durch die BayernLB in Klagenfurt. | Bildquelle: dpa
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Mai 2007: Der inzwischen verstorbene Jörg Haider (r.) verkauft die Alpe Adria an die BayernLB. Daneben deren Ex-Chef Werner Schmidt.

Was ist passiert: Wie Wirtschaftsprüfer feststellten, klafft bei der Alpe Adria ein bis zu 7,6 Milliarden Euro großes Finanzloch,  was unter anderem an horrenden Kreditausfällen auf dem Balkan liegen soll. Dennoch wiegten sich die meisten Gläubiger der Bank unlängst noch in Sicherheit. Schließlich hatte die Kärntner Landesregierung staatliche Garantien für die Schulden der Bank ausgesprochen. Am 1. März verkündete das österreichische Finanzministerium jedoch quasi per Dekret, dass die Haftung obsolet sei - ein Fall, wie es ihn so noch nicht gegeben hat. Es war ein Schock wie damals bei Lehman Brothers. Nur dass es seinerzeit um eine dreistellige Milliardensumme ging und heute bloß um eine einstellige. Ein Finanz-GAU im Märklin-Format, sozusagen.

Die Düsseldorfer Hyp sei ein "Notfall", heißt es in Finanzkreisen

Die Folgen der Alpe-Adria-Pleite kommen seit Tagen häppchenweise ans Tageslicht. Wie in einem Lehrfilm wird dem Publikum vorgeführt, wie sich der Kollaps einer Bank in die Bilanzen vieler anderer hineinfrisst. Denn genau wie Lehman finanzierte sich die Alpe Adria  über Anleihen, die von anderen Banken gezeichnet wurden - und die dann wiederum Anleihen emittieren, die dann wiederum bei anderen Banken landen.

Zunächst enthüllte der WDR vor einer Woche, bei der staatlichen NRW-Bank lägen Alpe-Adria-Anleihen im Wert von 276 Millionen Euro. Danach berichtete die Nachrichtenagentur "Bloomberg“, dass zum Beispiel auch die Deutsche Bank über ihre Fondstochter DWS betroffen sei. Anfang dieser Woche kam das Eingeständnis der Deutschen Pfandbriefbank. Und schließlich wurde bekannt, dass die Düsseldorfer Hypothekenbank so viele Alpe-Adria-Anleihen im Portfolio hat, dass das Institut nun sogar umzukippen droht. Von einem "aufsichtsrechtlichen Notfall" ist in Finanzkreisen die Rede. Die Finanzaufsicht Bafin und die Bank selber wollen sich nicht äußern.  

Die Verluste seien "händelbar", sagt Fitch - aber für jeden?

Auch wenn die Alpe Adria zu klein ist, um das Finanzsystem zu gefährden - die  Auswirkungen sind gravierend. So schreibt die Ratingagentur Fitch, dass die deutsche Banken "erhebliche Verluste" davontragen könnten. Der Fall demonstriert, welche Risiken auch heute wieder drohen würden, geriete eine größere Bank in Schieflage. Er demonstriert aber auf der anderen Seite auch, dass die meisten Institute ihr Eigenkapital (also ihren Verlustpuffer) soweit aufgepolstert haben, dass sie zumindest die Märklin-Pleiten auffangen können. Fitch prognostiziert, dass der Alpe-Adria-Schock den deutschen Bankensektor "nicht mehr als 15 Prozent seines harten Kernkapitals kosten wird". Die Verluste seien darum "händelbar".

Ob das auch für die Düsseldorfer Hypothekenbank gilt, ist allerdings fraglich. Ende 2013 hatte die Bank Alpe-Adria-Anleihen im Wert von 348,1 Millionen Euro in den Büchern - bei einem Kernkapital von damals 258 Millionen Euro. Selbst wenn man davon ausgeht, dass der Bestand seitdem reduziert wurde, könnten die Puffer der Düsselhyp zu dünn sein, um den derzeit diskutierten 50-prozentigen Schuldenschnitt bei der Alpe Adria zu absorbieren.

Besonders problematisch: Die Düsselhyp refinanziert sich über spezielle Pfandbrief-Anleihen, zu deren Käufern neben Banken vor allem Versicherer und Pensionskassen gehören - und damit indirekt jedermann. Fitch hält es deshalb für möglich, dass der Bund beziehungsweise die Einlagensicherung wieder einmal einspringen müssen. Auch dies wäre, verglichen mit den "Bail-Outs" von 2008, zwar eine Rettung im Miniaturformat. Aber trotzdem ärgerlich.

Wien sei ein Problemfall wie Athen, poltert Söder.

Am stärksten dürfte es derweil die bayerischen Steuerzahler treffen, die ohnehin schon zig Milliarden Euro in die verlustträchtige BayernLB gesteckt haben. Denn als Folge der einstigen Liaison mit der Alpe Adria ist die Münchner Landesbank deren mit Abstand größte Gläubiger. Mehr als zwei Milliarden Euro schulden die Kärntner den Bayern.

Markus Söder | Bildquelle: dpa
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Vergleicht Österreich mit Griechenland: Markus Söder

Die Sache dürfte in den nächsten Monaten noch zum alpenländischen Politikum werden. Wie vergiftet die Atmosphäre jetzt schon ist, zeigt eine Äußerung, mit der es der bayerische Finanzminister Markus Söder diese Woche nach ganz vorn in den österreichischen Nachrichtensendungen schaffte: "Die Art und Weise, wie Wien auftritt, ist natürlich eine echte Schwachstelle in der europäischen Finanzarchitektur und könnte nach Griechenland zum nächsten großen Problemfall werden."

Und was wird aus der Hypo Real Estate, die heute Pfandbriefbank heißt? Das Management beharrt darauf, dass die Privatisierung trotz des Alpe-Adria-Desasters nicht gefährdet sei. Ob das stimmt, wird man sehen. Noch mehr schlechte Papiere sollten die Kaufinteressenten in den Büchern aber besser nicht finden. Nicht mal solche in Märklin-Größe.   

Schäuble in Wien - der Streit um die Hypo-Milliarden geht weiter
R. Borchard, ARD Wien
13.03.2015 02:19 Uhr

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