Interview

Mit einer US-Flagge geschmückte Farm in Iowa | Bildquelle: AFP

Interview zum US-Wahlkampf "Wer gewinnen will, muss den Spagat schaffen"

Stand: 02.02.2016 19:34 Uhr

Die amerikanischen Parteianhänger sind unzufrieden und verunsichert - das meint Politologe Christian Lammert nach der Vorwahl in Iowa. Im Interview mit tagesschau.de warnt er aber vor voreiligen Schlüssen. Auch in den USA würden Wahlen in der Mitte entschieden.

tagesschau.de: Das Ergebnis aus Iowa dürfte bei Demokraten wie bei Republikanern eine Überraschung gewesen sein, denn beide Favoriten haben schlechter abgeschnitten als erwartet. Was sagt das über die grundsätzliche Stimmung der US-amerikanischen Wähler?

Christian Lammert: Man kann nicht mehr richtig einschätzen, wie die Wähler zurzeit über Politik nachdenken. Deswegen waren auch viele Umfragen im Vorfeld wenig aussagekräftig. Die Umfrageinstitute haben Schwierigkeiten, aus kleinen Stichproben einzuschätzen und hochzurechnen, was wirklich bei Wahlen als Ergebnis auf dem Tisch liegt.

Die Hauptbotschaft von Iowa lautet: Viele Parteianhänger – und die sind es ja, die bei den Vorwahlen gefragt sind – sind mit den traditionellen politischen Eliten unzufrieden. Deswegen werden Kandidaten wie Donald Trump bei den Republikanern und Bernie Sanders bei den Demokraten nach oben gepusht, auch wenn die jetzt nicht gewonnen haben. Das spiegelt die Verunsicherung und die Fragmentierung der Basis bei beiden Parteien wider.

alt Christian Lammert

Zur Person

Christian Lammert ist Professor für Nordamerikanische Politik am John F. Kennedy Institut der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen politische Systeme in Kanada und den USA, vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung, Steuer- und Sozialpolitik, Nationalismusforschung und Multikulturalismus.

tagesschau.de: Die Republikaner in Iowa haben mit ihren Stimmen für Ted Cruz sehr rechts gewählt, die Demokraten ein starkes linkes Votum für Sanders abgegeben. Warum diese Voten für die extremen Kandidaten?

Lammert: Auf der demokratischen Seite sehen wir die Nachwirkungen dessen, was sich auch durch die Occupy-Wallstreet-Bewegung ausgedrückt hat: Die Parteianhänger lehnen den massiven Einfluss von Geld und die wachsende Ungleichheit ab. Sie  fordern eine Politik, die hier gegensteuert.

Die Republikaner arbeiten sich noch an Barack Obama ab, den viele nicht gemocht haben. Jetzt werden die Kandidaten hofiert, die den stärksten Gegenentwurf zu Obama darstellen. Das sind eben Cruz und Trump. Außerdem beobachten wir seit den 1990er-Jahren eine stärkere Polarisierung der politischen Debatte; eine Entwicklung, die sich bei den aktiven Parteianhängern noch einmal potenziert.

Marco Rubio | Bildquelle: AP
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US-Senator Rubio hat Iowa zwar nicht für sich entschieden, könnte aber am Ende gegen Clinton antreten und womöglich ins Weiße Haus einziehen.

tagesschau.de: Manch einer vermutet, die Republikaner spielen über Bande: Trump verhindern, indem man Cruz nach vorne schiebt, um an Ende Marco Rubio ins Rennen zu schicken, der als gemäßigt gilt und vielleicht die größten Chancen gegen die Demokratin Hillary Clinton hat. Kann diese nicht unkomplizierte Strategie am Ende aufgehen?

Lammert: Zumindest ist sie in den Äußerungen der republikanischen Parteieliten erkennbar. Da fanden auch schon Planspiele statt, welche Optionen für den Parteitag im Juli zur Verfügung stehen, um Trump sozusagen in letzter Minute zu verhindern. Die republikanische Partei ist also nicht nur zwischen mehreren Kandidaten gespalten, sondern auch zwischen Basis und Spitze. Die dürfte immer noch Jeb Bush favorisieren, der aber so gut wie gar nicht mehr vorkommt, weil er bei den Wählern nicht ankommt. Ähnliches gilt für John Kasich, den Gouverneur von Ohio. Auch er hat mit seinen moderaten Positionen bei der radikalisierten Anhängerschaft keine Chance.

Hillary Clinton | Bildquelle: AFP
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Auch wenn sie nach außen hin strahlt: So richtig glücklich kann Clinton mit dem Ergebnis aus Iowa nicht sein. Nur hauchdünn gewann sie vor Sanders.

tagesschau.de: 2008 hat Clinton in Iowa gegen Obama verloren, diesmal nur knapp gegen Sanders gewonnen. Was lässt sich aus dem Ergebnis der Iowa-Vorwahl für den weiteren Verlauf dieses Wahljahres ableiten?

Lammert: Iowa stellt nur ein Prozent der Delegierten und ist von der demografischen Zusammensetzung der Wählerschaft her nicht repräsentativ. Iowa hat aber eine hohe Symbolkraft. Bei den Demokraten zeichnet sich nach dieser Vorwahl wie 2008 eine lange Entscheidungsphase für Clinton und Sanders ab, die womöglich ausgesprochen kräftezehrend für alle Beteiligten ist. Es besteht auch die Gefahr, dass über einen solchen Zeitraum Fehler passieren, die dann den Republikanern in die Hände spielen. Trotz aller Unwägbarkeiten sehe ich derzeit Clinton als Kandidatin. Sie hat die bessere Organisation, das professionellere Team, die größeren Mittel und die Unterstützung der Partei.

Bei den Republikanern ist die Frage, welche Gruppe zuerst aufgibt. Ein Rückzug der Ex-Managerin Carly Fiorina oder des früheren Neurochirurgen Ben Carson würde Trump helfen. Gehen die gemäßigten wie Bush und Kasich, kommt das Rubio zugute. Ich sehe tatsächlich einen Trend zu Rubio.

Beide Bewerber für das Weiße Haus müssen am Ende den Spagat schaffen, denn Wahlen werden nicht am Rand, sondern in der Mitte gewonnen. Rubio hat das Potenzial dazu. Als Kubaner hat er auch den Vorteil, die Hispanics mobilisieren zu können. Das ist in einigen Staaten eine wichtige Wählergruppe.

Das Interview führte Ute Welty, tagesschau.de

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