Interview

Cumhuriyet Chefredakteur Dündar

Can Dündar zur Lage in der Türkei "Die zivile Diktatur hat bereits begonnen"

Stand: 25.07.2016 10:32 Uhr

Can Dündar ist untergetaucht. Bei einer Rückkehr in die Türkei droht dem Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet" Haft. Auch mit dem Tode wird er bedroht. Cornelia Kolden hat Dündar getroffen und mit ihm über die Entwicklung in der Türkei gesprochen.

Von Cornelia Kolden, WDR

Wir treffen uns in einem Hotelzimmer irgendwo in Europa. Eigentlich wollte er nur Urlaub machen, der Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet". Jetzt hängt er am Internet, schaut fassungslos auf die Ereignisse in seiner Heimat.

"Es herrscht eine Atmosphäre der Angst im Land. Alle fürchten sich, zu sprechen, zu schreiben. Weil nicht nur die Regierungskräfte drohen, sondern auch einige militante AKP-Anhänger. Sie brüllen herum und schüchtern Menschen ein", sagt Dündar. "Und es kursieren viele Listen in den sozialen Netzwerken. Eine Liste der Journalisten, die verhaftet werden sollen. Eine Liste für Akademiker, für Bürokraten, ... . Das zeigt, dass sie schon auf so einen Putschversuch vorbereitet waren."

"Sind Sie auf einer Liste?", frage ich. "Ich stehe ganz oben", sagt Dündar.

Das hat ihn schon im Mai fast das Leben gekostet. Mit Erfolg ging Dündar vor Gericht gegen sechs Jahre Haft wegen Spionage vor. Und dann das: Vor dem Gerichtsgebäude in Istanbul wird auf ihn geschossen, er bleibt aber unverletzt. Der Angreifer ist AKP-Mitglied. Erdogan selbst hat Dündars Freilassung durch die Verfassungsrichter nie akzeptiert.

"Ich habe die Nachrichten nachts gesehen, dass Militär auf der Brücke in Istanbul steht. Das erste, was ich dachte, war: Wenn sie Erfolg haben, wird es furchtbar für uns. Wenn sie scheitern, ist es auch schrecklich. Denn, wenn sie Erfolg haben, wird es eine Militärdiktatur. Wenn nicht, wird es eine zivile Diktatur. Und die hat bereits begonnen", so Dündar.

Quo Vadis Türkei? - Interview mit Can Dündar, Chefredakteur Cumhuriyet
Europamagazin, 24.07.2016, Cornelia Kolden, ARD Brüssel

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"Wir verpassen eine Chance"

"Dieses Land ist für die Region und für Europa sehr wichtig, und wir verpassen eine sehr bedeutende Chance. Denn die Türkei war ein sehr gutes Beispiel für eine große muslimische Bevölkerung mit einem säkularen Hintergrund. Wir haben bewiesen, dass Demokratie und Islam in diesem Land zusammengehen können. Das ist einzigartig, und das verlieren wir jetzt leider", sagt der Journalist.

Die Verhaftungswelle hat mittlerweile Tausende Menschen erfasst. Was immer Erdogan jetzt entscheidet, wird unter dem ausgerufenen Notstand Gesetz.

"Erdogan spricht davon, die Todesstrafe wieder einzuführen. Und Leute auf der Straße rufen lautstark nach der Todesstrafe. Wenn das so kommt, was macht Europa dann? Sie würden doch wohl die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abbrechen. Was Erdogan gar nicht stört, aber für die türkischen Demokraten, für die Liberalen bedeutet es das Ende. So will die EU eigentlich Erdogan bestrafen, aber tatsächlich trifft sie die türkischen Demokraten", sagt Dündar.

Ein Dilemma, das die aufgepeitschte Menge auf der Straße gar nicht schert. Sie ist es, die das Türkeibild im Ausland prägt, obwohl das Volk gespalten ist.

"Wir brauchen Unterstützung aus Europa"

"Es gibt eine andere Türkei, viel näher an europäischen Werten wie Demokratie, Menschenrechte, Trennung von Religion und Staat, Gleichberechtigung zwischen Mann und Frauen, Rechtstaatlichkeit. Wir repräsentieren die westlichen Werte in der Türkei. Nicht Erdogan und seine Gefolgschaft. Wir brauchen die Unterstützung und Solidarität unserer europäischen Freunde. Kanzlerin Angela Merkel ist eine der wenigen Staatschefs, die mit Erdogan reden können, ihm etwas abverlangen könnten", sagt er. Aber das habe sie bis jetzt nicht getan.

"Sie ist immerhin fünfmal in fünf Monaten in die Türkei gereist. Leider hat sie nichts zur türkischen Demokratie und Menschenrechten gesagt - zumindest öffentlich. Vielleicht hat sie wenigstens was hinter geschlossenen Türen gesagt. Geholfen hat uns  das jedenfalls nicht. Ich war in Haft, und nichts hat sich für mich geändert. Aber spätestens jetzt sollten alle Klartext reden", fordert Dündar.

Vor Monaten haben sie in Istanbul noch Dündars Zeitung verteidigt. Und bis jetzt darf sie auch immer noch erscheinen, obwohl viele Zeitungen und Sender geschlossen wurden. Es gibt also doch Meinungsfreiheit in der Türkei?

"Die Türkei ist ein freies Land. Sie können alles sagen. Sie müssen nur den Preis dafür bezahlen", sagt Dündar.

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