Interview

Wladimir Putin | Bildquelle: REUTERS

Russland-Experte Reitschuster im Interview "Putin selbst ist russenfeindlich"

Stand: 02.09.2014 11:39 Uhr

Putin will einen autoritären Staat, seine aggressive Außenpolitik hat sich lange abgezeichnet, meint der Russland-Experte Reitschuster im Interview mit tagesschau.de. Putin sei zudem russophob, weil er meine, viele Russen seien unreif und bräuchten starke Führung.

tagesschau.de: Wofür steht der Begriff Neurussland, von dem Putin nun spricht?

Boris Reitschuster: Damit beschreibt er seine neue Ideologie, mit der er den Anspruch Russlands auf Teile der Ukraine manifestieren will. Putin bemüht dazu historische Begriffe. Das ist typisch für seine Sprachschöpfungen, mit denen er aggressive Politik legitimieren möchte.

tagesschau.de: Woher kommt der Begriff?

Reitschuster: Er stammt noch aus der Zarenzeit. Neurussland wurde damals für Teile der Gebiete verwendet, die Putin jetzt offenbar beansprucht.

alt Boris Reitschuster

Zur Person

Boris Reitschuster ist Journalist und berichtet seit vielen Jahren aus Moskau. Er hat mehrere Bücher über die russische Politik geschrieben, zuletzt veröffentlichte er den Titel "Putins Demokratur. Ein Machtmensch und sein System". Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Reitschuster leitet das Büro des "Focus" in der russischen Haupstadt.

tagesschau.de: War die strategische Zielsetzung, dass Russland offenbar expandieren will, bereits abzusehen?

Reitschuster: Das war seit mindestens zehn Jahren abzusehen. Als man damals gewarnt hatte, hieß es, das sei übertrieben. Putin will eine Restauration der Sowjetunion in neuer Form und er will den innenpolitischen Machterhalt. Denn mit äußerer Aggression lässt sich von der Unterdrückung und der enormen sozialen Ungerechtigkeit in Russland ablenken.

"Man hat hier ganz stark Ängste geschürt"

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tagesschau.de: Woran hätte man erkennen können, dass Putin eine aggressivere Politik plant?

Reitschuster: Es ging damit los, dass man hinter Problemen im eigenen Land immer wieder den Westen vermutete. Oder dass selbst kleinste Grenzstreitigkeiten zu einer Aggression des Westens hochgespielt wurden. Seit zehn Jahren erhält man in russischen Medien ständig den Eindruck, als ob vor allem Amerika nichts anderes zu tun habe, als eine Aggression gegen Russland vorzubereiten. Man hat hier also ganz stark Ängste geschürt - und bis zu einem gewissen Grad glaubt Putin wohl auch selbst an diese Szenarien.

Ganz drastisch wurde es 2012, als Putin im Wahlkampf plötzlich begann, vom Krieg und von der Verteidigung des Vaterlandes zu reden. Mein Eindruck ist, dass er sich spätestens seitdem in einem gefühlten Kriegszustand befindet.

tagesschau.de: Was hätte der Westen sinnvollerweise dagegen tun können? Wie hätte man Putin als Partner gewinnen können?

Reitschuster: Der Westen hat ja versucht, ihn als Partner zu gewinnen. Doch das war von Anfang an nicht möglich, weil Putin unter Partnerschaft auch Komplizenschaft verstand, in der man Menschenrechtsverstöße einfach übergeht. Als er für solche Vergehen kritisiert wurde, war das Tischtuch zerschnitten. Außenpolitisch war der Westen nachsichtiger und hat zahlreiche Verstöße, beispielsweise nach dem Georgien-Konflikt, ignoriert.

tagesschau.de: Und wie sieht es aktuell aus?

Reitschuster: Das gleiche ist nun bei der Krim passiert: Das Zögern geht weiter - und es kam bei Putin als grünes Licht an. Wir haben es in der Ukraine mit einer Invasion und einem Krieg zu tun - doch die Dinge werden nicht beim Namen genannt. Wir kommen Putin damit entgegen, wenn wir seinen Neusprech übernehmen und lediglich von Konflikt und Separatisten reden.

tagesschau.de: Wie sieht Putin US-Präsident Obama?

Reitschuster: Intern wird sich über seine Hautfarbe lustig gemacht. Putin hat wenig Respekt vor Obama, sieht ihn als schwachen Präsidenten und aus seiner Weltsicht als Marionette der Wall Street. Respekt hat er vor Merkel, weil sie in der DDR aufgewachsen ist und ihn daher durchschaut.

Das Persönliche mischt sich mit dem Politischen

tagesschau.de: Welche Rolle spielt die Niederlage im Kalten Krieg und der Zusammenbruch der Sowjetunion?

Reitschuster: Ein Hauptmotiv in der russischen Propaganda ist das Gefühl der Erniedrigung. Demnach war die Sowjetunion ein erfolgreicher Staat, wurde von Gorbatschow und der Perestroika aber verraten. Das große Narrativ in der russischen Propaganda lautet, dass sich Russland wieder von den Knien erheben müsse.

tagesschau.de: Glaubt Putin an diese Propaganda?

Reitschuster: Putin hat das verinnerlicht, bei ihm mischt sich das Persönliche mit dem Politischen. Er kommt aus einfachen Verhältnissen, wurde als Kind geschlagen. Darum dreht sich bei ihm immer alles um Stärke. Und das ist die Tragik, nämlich dass Putin nie verstanden hat, was die Sowjetunion wirklich zum Einsturz gebracht hat, sondern jetzt genau das restauriert, was letztendlich für den Zusammenbruch der Sowjetunion verantwortlich war.

"Der Staat steht über allem"

tagesschau.de: Welche Überzeugungen stehen hinter Putins Politik? Und warum ist er in Europa vor allem bei Nationalisten und Rechten angesehen?

Reitschuster: Das Land, der Staat, das Völkische steht über allem. Der Einzelne hat einen sehr geringen Wert. Dazu kommt das Prinzip der starken Führung. Solche Prinzipien sind mit denen der Rechten sehr kompatibel.

tagesschau.de: Welche Gemeinsamkeiten hat das Konzept von Neurussland mit dem Neo-Eurasismus, den beispielsweise der russische Publizist Alexander Dugin propagiert, der in rechtsradikalen Kreisen populär ist?

Reitschuster: Mein Verdacht ist, dass Dugin oft das ausspricht, was Putin aus politischen Gründen nicht sagen kann. Andere meinen, Putin verwende Dugin nur als abschreckendes Beispiel nach dem Motto: "Seht her, es gibt viel radikalere Kräfte als mich!" Doch die Denkweise von Dugin ist sehr weit in den herrschenden Kreisen verankert. Das sieht man auch daran, dass Dugin seine Ideologie oft in staatlich gelenkten Medien verbreiten kann.

tagesschau.de: Putin zog vor wenigen Tagen einen Vergleich zwischen der Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht, bei der mehr als eine Million Zivilisten starben, und den Kämpfen in der Ukraine. Was bezweckt er damit?

Reitschuster: Der Sieg im 2. Weltkrieg ist das große Nationalsymbol in Russland. Damit legitimiert Putin sein System. Diese Vergleiche sind allgegenwärtig, auch in den Medien. Es ist ständig von Faschismus die Rede, was sofort an den 2. Weltkrieg erinnert.

Putin vergleicht Vorgehen der Ukraine mit Nazi-Deutschland
tagesschau 20:00 Uhr, 29.08.2014, Udo Lielischkies, ARD Moskau

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Regieren wie "Stalin light"

tagesschau.de: Ist das, was wir derzeit erleben, eine Neuauflage des Kalten Kriegs?

Reitschuster: Es ist kein Kalter Krieg mehr, sondern in der Ostukraine haben wir einen heißen Krieg. Es ist bezeichnend, dass Putin dem Westen Kalte-Krieg-Rhetorik vorwirft, in Russland selbst aber die alte sowjetische Propaganda läuft. Ich meine, wir müssen die Dinge beim Namen nennen und nicht verdrängen. Die deutsche Reaktion erinnert mich an die Vogel-Strauß-Taktik. Die derzeitige Entwicklung ist noch gefährlicher als im Kalten Krieg, der von einer hohen Stabilität geprägt war.

tagesschau.de: Wo will Putin letztendlich hin? Wie sieht für ihn das ideale Russland aus?

Reitschuster: Putin will einen autoritären Staat. Er ist russophob, also das, was er anderen vorwirft: Er hat eine geringe Meinung von den Menschen in Russland, weil er sie für unreif hält und wie Kinder behandelt. Kinder, die stark geführt werden müssen und auch mal Prügel wollen. Er will regieren wie "Stalin light", aber leben wie der Multimilliardär Roman Abramowitsch. International soll Russland wieder eine Supermacht sein. Meine Sorge ist, dass er die traditionelle Partnerschaft zwischen den USA und Europa ersetzen will durch eine Zusammenarbeit zwischen Europa mit Russland. Seine Apologeten im Westen sprechen ja bereits von einer neuen Sicherheitsarchitektur. Putin sieht sich als Widerstandskämpfer gegen die US-Hegemonie, von der er die Welt befreien will.

tagesschau.de: Was erschreckt Putin denn so sehr an den USA?

Reitschuster: Er ist darauf getrimmt, dass der Westen das Böse sei. Das wird ihm schon sein Großvater, der Koch bei Stalin war, am Küchentisch erzählt haben. Beim KGB hat Putin diese Sicht dann verinnerlicht. Überspitzt gesagt: Was für katholisch erzogene Kinder der Teufel ist, stellt für Putin der Westen dar.

Das Interview führte Patrick Gensing, tagesschau.de

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