Papst Franziskus vor dem EU-Sternenkranz | Bildquelle: dpa

Papst-Rede in Straßburg Sorge um die Seele Europas

Stand: 25.11.2014 14:00 Uhr

Papst Franziskus hat vor dem EU-Parlament zu einer Rückbesinnung auf die Werte der Europäischen Union aufgerufen: zur Achtung der Menschenwürde und zur Solidarität mit den Armen. Erneut kritisierte er die Flüchtlingspolitik.

Von Karin Bensch, WDR-Hörfunkstudio Brüssel

26 Jahre ist es her, dass ein Papst vor dem Europaparlament gesprochen hat. Damals war es Papst Johannes Paul II. Das war 1988, kurz vor dem Mauerfall, dem Ende des Kalten Krieges. Vieles hat sich seitdem in Europa verändert, sagte Papst Franziskus: "Es existieren nicht mehr die gegensätzlichen Blöcke, die damals den Kontinent in zwei Teile teilten."

Auf die Krise in der Ukraine und das angespannte Verhältnis zwischen der EU und Russland ging der Papst in seiner Rede vor dem Parlament allerdings nicht ein. Vielmehr sprach er über Europa und seine Menschen: Über den hemmungslosen "Konsumismus", die Wegwerfkultur und den egoistischen Lebensstil, der sich breit gemacht habe.

Papst fordert von der EU mehr Hilfe für Flüchtlinge
tagesthemen 22:30 Uhr, 25.11.2014, Bettina Scharkus, ARD Brüssel

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"Europa gleicht einer Großmutter"

Viele kümmerten sich nur noch um sich selbst, seien gleichgültig gegenüber Alten und Armen. Europa müsse jünger und frischer werden, sagte Franziskus. "Man gewinnt den Eindruck der Müdigkeit und der Alterung, dass Europa eine Großmutter ist und nicht fruchtbar und lebendig."

Seiner Ansicht nach hängt die Zukunft Europas davon ab, ob die Menschen zwei Dinge wiederentdecken: den Himmel als Symbol für die Welt der Ideen, und die Erde als konkrete Wirklichkeit. Geschieht das nicht, bestehe die Gefahr, dass Europa allmählich seine Seele verliere und seinen humanistischen Geist, meint der Papst.

Konkret wurde das katholische Kirchenoberhaupt, als es um Alltägliches ging. Er hob die Familie hervor als "grundlegende Zelle" jeder Gesellschaft. Er nannte Schule und Universitäten, die nicht nur fachliche, sondern ganzheitliche Kenntnisse vermitteln sollen. Auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit in der EU ging er wider erwartend nicht ein.

Der Mensch als Hüter der Erde

Besonderes Augenmerk legte Papst Franziskus auf die Umwelt. Unsere Erde brauche Aufmerksamkeit und jeder trage persönliche Verantwortung, sagte er. Mit der "Bewahrung der Schöpfung" meinte der Papst ganz konkret den Umweltschutz. Menschen seien Hüter, nicht Herren der Erde. Alternative Energien seien ein großer Nutzen für den Umweltschutz.

Franziskus wurde von Parlamentspräsident Martin Schulz empfangen. | Bildquelle: dpa
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Franziskus wurde von Parlamentspräsident Martin Schulz empfangen.

Das Mittelmeer dürfe kein Friedhof werden

Zum Schluss seiner Rede kam er auf ein Thema, auf das viele gewartet hatten: das Flüchtlingsproblem. Der Papst sagte vor dem EU-Parlament in Straßburg: "Man kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird. Auf den Kähnen, die tagtäglich an den europäischen Küsten landen, seien Männer und Frauen, die Aufnahme und Hilfe brauchen."

Ein klares Bekenntnis zur einer gemeinsamen europäischen Flüchtlings- und Asylpolitik. Damit ist klar, es war eine stark politische Rede, die der Papst vor dem EU-Parlament gehalten hat.  

Wiedersehen mit einer alten Bekannten

Am Rande seines Kurzbesuchs in Straßburg traf Papst Franziskus übrigens eine alte Bekannte: eine 97-jährige Deutsche aus Boppard am Rhein. Der Papst hatte Mitte der 1980er-Jahre bei ihr zur Untermiete gewohnt, als er am dortigen Goethe-Institut deutsch lernte. Damals hieß er allerdings nicht Franziskus, sondern Jorge, und war argentinischer Priester und nicht Papst.   

Franziskus ist der zweite Papst, der die europäischen Institutionen in Straßburg besucht. Als erstes Oberhaupt der katholischen Kirche sprach im Oktober 1988 Johannes Paul II. vor dem Europaparlament. Der gebürtige Pole plädierte damals - ein Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer - für ein geeintes, christliches und nach Osten hin geöffnetes Europa.

Papst Franziskus spricht vor dem EU-Parlament
K. Bensch, WDR Brüssel
25.11.2014 13:21 Uhr

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