Mesale Tolu nach ihrer Freilassung | Bildquelle: dpa

Journalistin Mesale Tolu "Ich bin nicht eingeschüchtert"

Stand: 12.01.2018 20:43 Uhr

Vor drei Wochen wurde die Journalistin Mesale Tolu aus türkischer Untersuchungshaft entlassen. Im Interview mit der ARD spricht sie über ihre Festnahme, die Zeit im Gefängnis und über ihre Sicht auf die türkische Justiz.

ARD: Ihre Entlassung aus der Untersuchungshaft ist gut drei Wochen her. Wie geht es Ihnen?

Mesale Tolu: Mir geht es gut, ich verbringe sehr viel Zeit mit meiner Familie und mit meinem Sohn. Er braucht jetzt meine ganze Aufmerksamkeit, und ich glaube er braucht jetzt auch wieder neues Vertrauen und Geborgenheit, deswegen verbringe ich sehr viel Zeit mit meinem Sohn. Im eigenen Bett aufzuwachen ist ein ganz anderes Gefühl. Denn im Gefängnis schläft man auf 90 cm Breite, es ist sehr eng, und sehr kalt von der Räumlichkeit. Wieder zu Hause aufzuwachen ist natürlich ein sehr schönes Gefühl, aber auch ungewohnt nach acht Monaten.

ARD: Sie wurden im April 2017 festgenommen - drei Wochen nach ihrem Ehemann. Wie lief die Festnahme ab?

Tolu: Ich war alleine mit meinem Sohn. Nachts um halb fünf haben sie an die Tür gehämmert. Eine Spezialeinheit von der Anti-Terroreinheit. Sie sind gewalttätig in die Wohnung einmarschiert. Obwohl ich die Tür selbst aufmachen wollte, haben sie sie kaputtgeschlagen. Dreieinhalb Stunden wurde die Wohnung komplett durchsucht. Mein Sohn war neben mir, zeitweise hat er geweint. Es war sehr schockierend, gerade für ein kleines Kind.

ARD: War Ihnen direkt klar, dass es um Sie geht?

Tolu: Am Anfang dachte ich, es geht um meinen Mann, weil er ja zuvor schon festgenommen worden war. Ich dachte erst, es sei nur eine Routinedurchsuchung. Es wurde mir an dem Tag nur wenig mitgeteilt. Es hieß nur: Sie werden beschuldigt, Propaganda für eine Terrororganisation gemacht zu haben und deswegen werden sie festgenommen. Das war das einzige, was ich mitbekommen habe an diesem Tag.  

"Presse soll eingeschüchtert werden"

ARD: Ihr Vater hat Sie in Interviews immer wieder als Geisel, als Faustpfand bezeichnet. Es ginge nicht wirklich um Sie, sondern um Ihren deutschen Pass. Sehen Sie das auch so?

Tolu: Als ich festgenommen wurde, wusste ich anfangs nicht, was in der Außenwelt passiert. Als mein Name dann oft in der Presse fiel, dachte ich: Irgendwie rutscht mir jetzt alles aus den Händen, ich glaube, ich habe selber nicht mehr die Kontrolle darüber. Mir wurde klar, dass das nicht mehr nur mein Fall ist. Als direkte Geisel habe ich mich nicht gefühlt, aber die Türkei hat die Situation ausgenutzt. Wenn sie ein Rechtsstaat wäre, dann wäre ich nie festgenommen worden.

ARD: Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für Ihre Festnahme?

Tolu: Die Presse soll eingeschüchtert werden, sie ist seit Sommer 2015 im Visier des Staates. Seitdem wurden viele Fernseh- und Radiosender geschlossen, auch Nachrichtenagenturen. Die Presse soll vereinheitlicht und auf eine Linie gebracht werden. Alle, die sich dagegen wehren, sind der Repression des Staates ausgesetzt. Und ich denke, meine Verhaftung und die Vorwürfe haben auch damit zu tun.

ARD: Sind Sie eingeschüchtert?

Tolu: Nein, ich bin nicht eingeschüchtert. Aber ich denke, sehr viele Menschen im Land sind es. Untersuchungshaft ist eine Ausnahme in Rechtsstaaten. Aber in der Türkei ist es zum Regelfall geworden, dass jeder, der eingeschüchtert werden soll oder der nicht auf Linie ist, festgenommen und in U-Haft gebracht wird.

ARD: Sie meinen, dass U-Haft eine Taktik ist?

Tolu: Ich denke, für diejenigen, die inhaftiert sind, ist es vielleicht sogar leichter. Weil sie ja die Situation direkt erleben und sich nicht einschüchtern lassen. Sie wehren sich. Aber diejenigen, die nicht inhaftiert sind, haben viel mehr Angst, denke ich. Denn sie werden durch die Gefahr eingeschüchtert, dass sie festgenommen werden könnten. Also ich denke, das ist eine Taktik, die schon seit längerem praktiziert wird.

"Unabhängig und sozialistisch ausgerichtet"

ARD: In Deutschland ist relativ wenig über ihre Arbeit bekannt. Sie haben für eine türkische Nachrichtenagentur gearbeitet, die als links gilt.

Tolu: Die Etha-Agentur ist eine sich selbst finanzierende Nachrichtenagentur, die sich durch Spenden und durch ehrenamtliche Mitarbeiter finanziert. Sie ist eine sozialistische Nachrichtenagentur. Unabhängig, aber vom Gedankengut eher sozialistisch ausgerichtet.

ARD: Das heißt?

Tolu: Sie ist politisch gesehen nicht neutral. Die Mitarbeiter finden in anderen Agenturen keinen Platz, weil sie eben eine politische Meinung haben und nicht neutral sind. Aber in der Berichterstattung sind sie sehr objektiv. Sie versuchen, alles an die Menschen zu übermitteln. Meine Arbeit in der Nachrichtenagentur war eher die einer Übersetzerin: Ich habe Nachrichten aus aller Welt ins Türkische übersetzt. Sehr viel über Deniz Yücel, aber auch Themen aus Brasilien, dem Irak, dem Iran. Bei mir ging es um die ganze Welt.

ARD: Haben Sie auch eigene Stücke geschrieben?

Tolu: Ja, ich habe über die Armenier geschrieben, über die Frauenfrage. Und ich habe auch Interviews mit Abgeordneten geführt. Das letzte Interview war mit der deutschen Politikerin Frau Martina Michels von der Linkspartei. Sie war damals zu Besuch in der Türkei.

"Dafür darf man nicht bestraft werden"

ARD: Am 26. April geht der Prozess gegen Sie weiter. Es geht um den Vorwurf der Terrorpropaganda und die Mitgliedschaft in der linksextremen MLKP. Wie sehen Sie dem Prozess entgegen?

Tolu: Ich werde mich natürlich weiterhin vor Gericht verteidigen. Ich werde weiter für meinen Freispruch arbeiten. Denn die Inhalte, die in meiner Akte sind, mit denen will ich nicht bestraft werden. Das sind Inhalte, die mir nur vorgeworfen wurden, um mich festzunehmen. Es geht um Gedenkveranstaltungen, die ich besucht habe. (Anmerkung der Redaktion: Gedenkveranstaltungen der kurdischen YPG, die in der Türkei als Terrororganisation gilt). Die Veranstaltungen habe ich als Mensch, als Journalistin besucht, und dafür darf man nicht bestraft werden.

ARD: Vertrauen Sie dem türkischen Rechtssystem?

Tolu: Ich denke, dass alle Menschen das Vertrauen in dieses Rechtssystem verloren haben, weil man mit sehr willkürlichen Gründen festgenommen und bestraft wird. Und nicht nur die Person, die festgenommen wird, wird bestraft, sondern die ganze Familie. Wie Sie wissen, herrscht in der Türkei  das Notstandsgesetz und alles wird per Dekret beschlossen. Das führt dazu, dass die Menschen keine Demokratie mehr erleben.

ARD: Bis zum Prozess gilt für Sie eine Ausreisesperre. Was machen Sie in der Zeit? Können Sie wieder arbeiten?

Tolu: Ja, ich kann arbeiten, und ich will arbeiten, nur brauche ich jetzt ein bisschen Zeit, um mich mit meiner Familie wiederzufinden. Die Zeit auch mit meinem Sohn zusammen zu verarbeiten. Aber wie gesagt, meine Agentur und auch andere Agenturen haben mir angeboten, dass ich für sie arbeiten kann, dass ich schreiben oder auch übersetzen kann. Und ich will auch wieder arbeiten. Aber wie gesagt, erst muss ich mit meiner Familie alles klären.

ARD: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Tolu: Hoffentlich in Deutschland.

Das Interview führte Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul

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