Interview

Interview zum Gifttod des Kreml-Kritikers Litwinenko "Warum sollte der Kreml dahinterstecken?"

Stand: 02.12.2006 00:33 Uhr

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ARD-Korrespondent Christoph Lütgert

Über die möglichen Hintermänner und Motive des Gifttodes Litwinenkos wird wild spekuliert. Der Kreml? Die russische Mafia? Oder gar der Geheimdienst selbst? tagesschau.de sprach darüber mit dem Londoner ARD-Korrespondenten Christoph Lütgert.

tagesschau.de: Herr Lütgert, gibt es Hinweise darauf, wie die britischen Behörden auf die Flugzeuge gestoßen sind, in denen sie dann auch die radioaktive Substanz Polonium 210 fanden?

Christoph Lütgert: In der Tat ist das eine der entscheidenden Fragen. Es sind ja nicht alle Maschinen der British Airways untersucht worden! Vielmehr hat man ganz gezielt wenige rausgegriffen und ist fündig geworden. Das lässt den Schluss zu, dass die ermittelnden Behörden mehr wissen oder ahnen als sie bisher nach draußen gelassen haben.

tagesschau.de: Gibt es darüber Spekulationen?

Alexander Litwinenko vor seiner Erkrankung | Bildquelle: AP
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Alexander Litwinenko vor seiner Erkrankung

Lütgert: Nein. Das wird in den hiesigen Zeitungen auch nicht thematisiert. Ohnehin beschäftigt man sich in den Medien hier mit diversen Fragen nicht. Zum Beispiel: Wie kann es überhaupt sein, dass diese radioaktiven Spuren in die Flugzeuge gekommen sind, wenn nicht durch den Vergifteten selbst? Zudem sind diese radioaktiven Spuren auch an Stellen gefunden worden, wo Litwinenko nie war - unter anderem in Gebäuden hier in London. Auf viele Fragen haben wir auch noch keine Antwort.

tagesschau.de: Der Leichnam Litwinenkos ist jetzt obduziert worden. Gibt es dazu Erkenntnisse, die schon nach außen gedrungen sind?

Lütgert: Nein. Auch da tappen wir im Dunkeln. Einige sagen, es werde bis nächste Woche dauern. Andere gehen davon aus, dass es sehr viel länger dauern könnte, bis etwas rausgelassen wird.

tagesschau.de: Welche Thesen, Spekulationen kursieren denn über die möglichen Motive und Hintermänner der Vergiftung Litwinenkos?

Lütgert: Da gibt es zahlreiche Theorien: In den Medien wird der Italiener Mario Scaramella genannt, die Kontaktperson Litwinenkos. Dann wiederum werden diese zwei Russen, mit denen er sich getroffen habe, verdächtigt - inzwischen wird von einem dritten gesprochen. Jede Zeitung hat eine andere Theorie. Was am wahrscheinlichsten erscheint, weil am seriösesten unterfüttert, ist, was der „Guardian“ heute berichtet. Danach gehen die ermittelnden Behörden definitiv nicht davon aus, dass russische Regierungskreise dahinter stecken könnten. Man vermutet vielmehr, dass es „wild gewordene“ Agenten oder Ex-Agenten des russischen Geheimdienstes gewesen seien.

tagesschau.de: Welche Motive sollten sie denn gehabt haben?

Lütgert: Das ist noch nicht so recht klar. Wichtig bei der These ist die Person Litwinenko als Ex-Geheimdienstagent. Zum Beispiel war bis vor kurzem nicht bekannt, dass er noch im Jahr 2000 selbst radioaktive Substanzen geschmuggelt haben soll. Er bewegte sich offenbar in Kreisen, die ihn jetzt - aus welchen Motiven auch immer - einholen.

tagesschau.de: Und wieso schließt man so sicher den Kreml als einen möglichen Strippenzieher aus?

 | Bildquelle: dpa
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Russlands Präsident Wladimir Putin

Lütgert: Anders gefragt: Warum sollte der Kreml zugeschlagen haben? Da gibt es keine Logik! Alexander Litwinenko kannte kein Mensch. Weder in London noch in Moskau spielte er eine Rolle. Und jetzt ist dieser Mann weltweit bekannt - ein vielfach bedauerter "Märtyrer". Also wenn sich der russische Präsident Wladimir Putin schädigen wollte, dann so. Das führt umgekehrt zu möglichen Motiven für den Geheimdienst: Putin war, wie wir alle wissen, auch Geheimdienstagent, und es wäre also denkbar, dass wiederum irgendwelche Geheimdienstleute, die eine offene Rechnung mit Putin haben, Litwinenko vergiftet haben.

tagesschau.de: Derzeit verdichten sich die Hinweise, dass auch der russische Ex-Ministerpräsident Jegor Gaidar möglicherweise Opfer eines Gitfanschlags geworden sein soll. Haben Sie Informationen darüber, dass ein Zusammenhang zwischen den beiden Fällen besteht?

Lütgert: Nein, diesen Zusammenhang kann man zum derzeitigen Zeitpunkt nicht herstellen. Man tappt ja selbst beim Fall Litwinenko noch im Dunkeln. Wie soll man da einen Zusammenhang zu einem anderen Fall herstellen, der auch noch völlig ungeklärt ist!? Nein, klar ist nur: Litwinenko wurde vergiftet. Von wem und warum, das wird sich zeigen. Allerdings halte ich es durchaus für möglich, dass am Ende die Wahrheit nie ans Licht kommt.

Das Gespräch führte Britta Scholtys, tagesschau.de

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