Nordkoreas Gulags Angeblich 200.000 Menschen in Arbeitslagern

Stand: 28.08.2007 00:47 Uhr

Nordkorea foltert und sperrt seine Bevölkerung in Gulags ein. Dieser Vorwurf steht jährlich in den Berichten von Human Rights Watch und amnesty international. Bis zu 200.000 Menschen vegetieren in den Straflagern dahin, berichten die Organisationen. Das entspräche knapp einem Prozent der Bevölkerung. Pjöngjang weist die Vorwürfe als "ausländische Propaganda" zurück.

Von Claudia Ulferts, tagesschau.de

Kundgebung Pjöngjang
galerie

Demonstration von Massenloyalität gehört zur Selbstinszenierung Nordkoreas

Aus dem seit Jahrzehnten hermetisch abgeriegelten Nordkorea dringen kaum Informationen über die Menschenrechtssituation nach außen. Die wenigen verfügbaren Informationen stammen zumeist von Flüchtlingen. Hilfsorganisationen und Menschenrechtsgruppen werden entweder strengstens kontrolliert oder sie dürfen erst gar nicht in das Land einreisen, wie beispielsweise amnesty international.

Politische Opposition wird in Nordkorea nicht geduldet. Wer vom Standpunkt der herrschenden koreanischen Arbeiterpartei abweicht, muss Berichten zufolge mit schweren Strafen rechnen. Auch die Familienangehörigen des Abweichlers werden vielfach mit bestraft.

Problem: Horror-Meldungen überprüfen

Welche Bedingungen wirklich in den nordkoreanischen Gulags herrschen, kann kaum überpüft werden. Unabhängige Beweise sind schwer zu erbringen, es gibt allerdings zahlreiche Augenzeugenberichte. Suh Jae Jean vom Zentrum für Menschenrechtsstudien des renommierten "Korea Institute for National Unification (KINU) in Seoul hat in den vergangenen Jahren Hunderte von Flüchtlingen interviewt. Selbst wenn einige Schilderungen über grausame Verhältnisse übertrieben sein sollten, geht Suh von mindestens zehn riesigen Lagern mit etwa 200.000 politischen Häftlingen aus. Das entspräche einem Prozent der Bevölkerung.

Nicht zu unterschätzen ist auch, dass die Häftlinge in den Minen, Steinbrüchen, Wäldern und Produktionsstätten der Gulags einen nicht geringen Teil des nordkoreanischen Bruttoinlandsproduktes erwirtschaften. Das ist sicher ein nicht unerheblicher Grund für die Regierung, die Lager bestehen zu lassen.

Mehr als die Hälfte der Menschen unterernährt

Unterernährte Kinder in Nordkorea
galerie

Unterernährte Kinder in Nordkorea (Archivbild 1997)

Die staatlichen Repressalien sind bedrohlich und quälend genug. Hinzu kommt der Hunger. Einer der Hauptfluchtgründe für viele Nordkoreaner sind die katastrophalen Lebensbedingungen. Nach einer Studie der UN-Welternährungsorganisation (FAO) leiden in Nordkorea 13 von 22 Millionen Menschen an Unterernährung. Selbst die Regierung in Pjöngjang gibt zu, dass laut Statistik 45 Prozent der Kinder chronisch unterernährt sind. Bis 2002 war Nordkorea der größte Empfänger von Lebensmittelspenden.

Bis zu zwei Dritteln der Nordkoreaner erhielten Lebensmittel von der UNO und anderen Hilfsorganisationen. Doch die Spenden nehmen immer mehr ab. Zugleich hat Pjöngjang im Juli 2003 damit begonnen, das staatliche Lebensmittelverteilungssystem - das die Menschen ohnehin nur mit der Hälfte der international empfohlenen Nahrungsmenge versorgte - schrittweise abzuschaffen. Seither sind die Preise explodiert

Flüchtlingsziele China und Südkorea

Nordkoreanische Flüchtlinge rennen im September 2002 in die deutsche Botschaft in Peking
galerie

Flüchtlinge aus Nordkorea auf dem Gelände der deutschen Botschaft in Peking. (Archivbild vom September 2002)

Den Hungertod und die Unterdrückung vor Augen wagen immer mehr Menschen, die 1300 Kilometer lange Grenze nach China und Russland zu überqueren. Die meisten versuchen ihr Glück in China, weil dort viele ethnische Koreaner leben. Die Grenze ist porös, kein Stacheldraht, kein Zaun trennt die Länder. Im Sommer schwimmen oder waten die Menschen durch den schmalen Grenzfluss Tumen, im Winter gehen sie einfach über das Eis. Mancher Grenzbeamte ist bestechlich. Umgerechnet 21 Euro kostet die Passage, wenn man sich Menschenschmugglern anvertraut.

Auf der anderen Seite der Grenze sind die Nordkoreaner jedoch zu einem Leben im Untergrund verdammt, immer auf der Flucht von der chinesischen Polizei. Aus Angst vor der Abschiebung verkaufen sich viele Frauen und Mädchen an chinesische Menschenhändler. Auch Eltern sollen ihre Töchter als Sex-Sklavinnen verdingen, schreibt amnesty international Deutschland.

"Gewährt den Nordkoreanern keine Unterstützung" steht auf Schildern an der Grenze. Wer Flüchtlingen dennoch hilft, riskiert Geldstrafen bis zu 5000 Yuan, was für viele Chinesen mehr als ein halbes Jahresgehalt ist. Ein Abkommen zwischen der chinesischen und nordkoreanischen Regierung sieht vor, Flüchtlinge ohne Prüfung von Asylbegehren abzuschieben. Zurück in Nordkorea drohen ihnen dann lange Verhöre, Folterungen und das Straflager.

Flucht in die südkoreanische Botschaft in Peking

Besonders aussichtsreich erschien vielen Nordkoreanern die Flucht in die Seoul Botschaft in Peking. Hunderte versuchten im vergangenen Jahr, auf diese Weise ihre Ausreise nach Südkorea zu erzwingen. Derzeit bekommt jede Exil-Familie in Südkorea noch eine finanzielle Starthilfe sowie die südkoreanische Staatsbürgerschaft.

Die Botschaftsflüchtlinge sorgten für erhebliche diplomatische Verstimmungen zwischen Pjöngjang und Seoul. Inzwischen hat die chinesische Polizei Stacheldrahtzäune um die Botschaftsgelände errichten lassen und die Sicherheitsmaßnahmen verschärft.

Auf Landesflucht steht Umerziehungslager oder Tod

Menschenrechtlern und internationalen Beobachtern ist der Zugang zu den Grenzregionen zwischen Nordkorea und China strengstens verboten. Niemand weiß, wie viele Nordkoreaner sich in China versteckt halten. Südkoreanische Hilfsorganisationen sprechen von bis zu 100.000 Flüchtlingen. Westliche Diplomaten rechnen mit mehreren Zehntausend. Offizielle Zahlen gibt es nicht.

Nordkoreaner, die ihr Land ohne Erlaubnis verlassen, werden von den Behörden als "Verräter" und "Kriminelle" betrachtet. In Artikel 47 des Strafgesetzbuches heißt es: "Ein Bürger, der sich in ein fremdes Land absetzt oder mit der Absicht des Verrates an Land und Volk zum Feind übergeht, soll für mindestens sieben Jahre in ein Umerziehungslager eingewiesen werden. In Fällen, in denen eine Person eine besonders schwere Verfehlung begeht, soll sie zum Tode verurteilt werden."

Darstellung: