Nachruf Ende eines langen Leidensweges

Stand: 26.08.2007 18:05 Uhr

"Auch Jesus ist nicht vom Kreuz gestiegen" - mit diesen Worten hatte Papst Johannes Paul II. stets Fragen nach seinem Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen zurückgewiesen. Bis zu seinem Tod blieb er diesem Prinzip treu. Tapfer stellte sich Karol Wojtyla zeitlebens seinen zahlreichen Leiden, niemals wich er ihnen aus und bis zum Ende ließ er nicht zu, dass sie ihn von seinen Pflichten abhielten.

Auch in den letzten Wochen - als die Qualen am schlimmsten gewesen sein müssen - verbarg Johannes Paul II. sein Leid nicht vor der Öffentlichkeit. Vielen Beobachtern schien es fast so, als habe er in seiner Krankheit ein neues Instrument gefunden, das Evangelium zu verbreiteten. Die Herzen der Menschen hat dieser nicht unumstrittene Papst damit gewiss gewonnen.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Hörfunkstudio Rom

Papst Johannes Paul II. im Jahr 1997
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Papst Johannes Paul II. im Jahr 1997

In den letzten Jahren seines Lebens hat Johannes Paul gelitten. Die Parkinson-Krankheit, sein Hüftleiden, seine Arthrose machten es ihm immer schwerer sein Amt so zu führen, wie er es wollte. Zunächst musste er zum Stock greifen, dann konnte er sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen und seit dem Jahr 2001 fiel ihm auch das Sprechen immer schwerer.

Was angesichts der Leiden der letzten Jahre nur noch schwer vorstellbar ist: Als Johannes Paul II. am 16. Oktober 1978 gewählt wurde, war er der körperlich fitteste Papst seit Jahr­zehnten. Nur zwei Tage hatte das Konklave nach dem Tod von Johannes Paul I. gedauert, dann wurde der damals 58 Jahre alte Kardinal aus Krakau zum neuen Pontifex aus­gerufen.

Erster Slawe auf dem Papst-Thron

Die vielen zehntausend Gläubigen auf dem Petersplatz waren damals überrascht und verwundert. Denn mit Karol Woityla stieg zum ersten Mal ein Slawe, zum ersten Mal seit fast 500 Jahren ein Nicht-Italiener auf den Heiligen Stuhl. Die Überraschung verflog schnell, schon mit seinen ersten Worten als Papst eroberte er die Herzen der Gläubigen auf dem Petersplatz: Als er nämlich mit seinem hervorragenden Italienisch kokettierte und die Menschen bat, ihn zu korrigieren, falls er einmal einen Fehler begehen sollte.

Innerkirchlicher Konservativer bis zum Ende

Beten für den Papst in Brüssel
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Katholiken in aller Welt trauern um den Papst.

Schon drei Monate nach seiner Wahl trat Johannes Paul die erste seiner über hundert Auslands­reisen an, sie führte ihn nach Lateinamerika. Die Menschen erlebten einen jungen, dynamischen, einen volksnahen Papst, der die Türen der katholischen Kirche weit aufzustoßen schien. Als Johannes Paul kurz darauf seine erste Enzyklika verkündete, waren viele enttäuscht, die sich von dem jungen, dynamischen Papst auch eine inhaltliche Erneu­erung der Kirche erhofft hatten. In Redemptor hominis, seinem theologischen Grund­lagen­werk, machte der Papst in den Streitfragen Empfängnisverhütung, Zölibat und Frauen in Priesterämtern keine Zugeständnisse an die Reformer. Dabei blieb es bis zu seinem Tod: Innerkirchlich war Johannes Paul II. ein Konservativer.

"Die Mauer wäre deutlich später gefallen"

Politisch dagegen hat er die Welt verändert. Er war der Papst, der dem Kommunismus die Stirn bot. Durch seine Unterstützung der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc hat Johannes Paul einen entscheidenden Anstoß gegeben für die Umwälzung im Osten. Michail Gorbatschow sagt: Ohne Karol Woityla wäre die Mauer nicht oder zumindest deutlich später gefallen. Viel Anerkennung erhält der Papst auch Anfang 2003, als er die andere Weltmacht USA herausfordert, mit seinem klaren Nein zu einem Krieg im Irak. Angesichts des drohenden Blutvergießens bat Johannes Paul II. auf dem Petersplatz fast schreiend um das Geschenk des Friedens.

Leidensweg begann mit Attentat

Seine Krankheiten hatte Johannes Paul II. in diesen Monaten verdrängt, die Welt bewunderte ihn für sein Engagement trotz aller Leiden. Aber bereits ein halbes Jahr später, beim 25. Jahrestag seiner Wahl zum Papst, erlebten die Gläubigen einen Pontifex, dem die Kräfte fehlten, um seine Messen selbst zu lesen.

Der Leidensweg von Johannes Paul II. begann 1981. Es seien Schüsse auf dem Petersplatz gefallen, berichtete der Reporter von Radio Vatikan. Er habe nur gesehen, wie der Heilige Vater wankte und dann in die Arme seines Sekretärs fiel. In einer Notoperation konnte der Papst gerettet werden, an den Spätfolgen aber litt er noch Jahre.

1992 wurde ihm ein Darmtumor entfernt, 1993 brach er sich bei einer Audienz die Schulter, 1994 musste er sich nach einem Sturz im Bad eine Hüftprothese einsetzen lassen. Außerdem machten sich immer stärker die Symptome der Parkinson-Krankheit bemerkbar.

Aussöhnung zentrales Thema des Pontifikats

Trotz seiner gesundheitlichen Probleme aber nutze Johannes Paul II. das Heilige Jahr 2000 zu historischen Versöhnungsgesten. Er traf sich mit führenden Vertretern der Moslems und bat in einem aufsehenerregenden Mea Culpa um Vergebung für die Schuld der katholischen Christen bei der Judenverfolgung, aber auch bei den Glaubens­kriegen und der Inquisition.

Die Aussöhnung mit den anderen Religionen war für Johannes Paul II. eines der zentralen Themen seiner letzten Jahre. Sein theologisches Vermächtnis hat er zu seinem 25. Amtsjubiläum in dem apostolischen Schreiben Pastores Gregis hinterlegt. Karol Woityla schrieb darin die zentrale Rolle des Papstes in der katho­lischen Kirche fest und untermauerte sein Nein zu Reformen beispiels­weise für das Priesteramt.

Gleichzeitig betonte Johannes Paul II. in diesem vielleicht wichtigsten Schreiben seiner letzten Jahre: Die katholische Kirche müsse im Namen Christi immer auf der Seite der Armen, der Schwachen und der Unterdrückten stehen.

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