"Katrina" im Netz Lokale Medien weichen komplett aufs Internet aus

Stand: 26.08.2007 04:34 Uhr

Die meisten Medien in New Orleans haben durch den Hurrikan Sendeanlagen oder Druckereien durch die Fluten verloren, die Journalisten arbeiteten direkt nach der Katastrophe nur noch für die Online-Ausgaben. Auch die großen Networks und Zeitungen bündelten das Wesentliche zu "Katrina" im Netz. Dort wurde auch über die Medienarbeit diskutiert. Ein Überblick.

Von Christian Radler für tagesschau.de am 31.08.2005

"Unter-Wasser"-Titel einer lokalen Zeitung
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"Unter-Wasser"-Titel einer lokalen Zeitung

Die "Times Picayune" titelt in ihrer aktuellen Online-Ausgabe schlicht "Unter Wasser". Sie prognostiziert in ihrem Leitartikel nicht Monate, sondern Jahre des Wiederaufbaus. Auch der lokale TV-Sender WGNO, der zum ABC-Network gehört, hat seinen Online-Auftritt erheblich ausgeweitet, während die Sendeanlagen und das Kabelfernsehnetz ausfielen. Unter anderem findet sich bei WGNO dieses Video, das den dieser Tage unvermeidlichen Reporter im Ölzeug zeigt.

"Das hier ist etwas völlig anderes"

Allerdings bleibt die Wirkung des Videos weit hinter dem einer etwa zehnminütigen Telefonschalte mit Reporterin Jeanne Meserve zurück, die bei CNN gesendet wurde und die zahlreiche Weblogs als Beispiel für ergreifenden Journalismus ohne sensationelle Bilder werten. "Wir Reporter sind manchmal bescheuerte Sucher nach Sensationen," sagt Meserve. "Aber wenn man im Dunkeln im Sturm steht und die Hilferufe der Menschen hört und ihnen nicht helfen kann, dann ist das etwas völlig anderes." Auch andere Reporter berichten von den teils traumatischen Erlebnissen. Besonders schlimm ist es für diejenigen, die aus der Region stammen, so wie ABC-Reporterin Robin Roberts. Sie brach bei einer Live-Schalte im Frühstücksfernsehen vor Millionen Zuschauern zusammen, als sie nach dem Befinden ihrer Familie gefragt wurde. "USA Today" hat eine Übersicht zum Thema "das Leid der Reporter" erstellt. Dort nicht erwähnt wird ein Vorfall bei CNN, der dokumentiert, dass auch in der Senderzentrale in Atlanta die Nerven blank lagen: In den "Katrina"-Weblogs macht jetzt ein Video-Clip die Runde, in dem Wettermann und Moderatorin heftig aneinandergeraten.

"Degradiert zum Voyeur"

Ob das amerikanische Fernsehen seine Sache gut machte, ist eine Frage, die vor allem im Netz diskutiert wird. Viele Kommentatoren beklagen, das Programm habe überall gleich ausgesehen, wie im Text von Medienjournalist Jon Friedman, der bei "MarketWatch" normalerweise über die Quartalszahlen von Disney, Time Warner und Co. schreibt. Seine Hauptklage: Er habe sich zum Voyuer degradiert gefühlt. Da viele technische Einrichtungen traditioneller Medien in der Hurrikan-Region zerstört sind, schlägt momentan auch wieder die Stunde der "Citizen Reporter" ("Bürger-Reporter"). Das Portal msnbc.com hat eine der größten Sammlungen von Bildern, Videos und E-Mails aus dem betroffenen Gebiet zusammengetragen. Auch cnn.com sammelt auf ähnliche Weise Eindrücke seiner User.

Boom der unbekannten Websites und Blogs

Luftaufnahme des überfluteten New Orleans mit dem Superdome-Stadion
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Luftaufnahme des überfluteten New Orleans mit dem Superdome-Stadion, in das sich die Menschen zu zehntausenden flüchten.

Auch kleinere und bisher eher unbekannte Online-Auftritte haben dank "Katrina" über Nacht große Bedeutung erlangt. "Lost Remote" ("Verlorene Fernbedienung"), wo bisher eher über Technologiethemen gebloggt wurde, hat seit Tagen nur noch ein Thema: Wo gibt es in Fernsehen, Radio und Internet die besten Infos über "Katrina"? Der aktuelle Rat an die amerikanischen Networks fällt eindeutig aus: Weniger von den sensationellen Live-Einblendungen ans Meer oder ins Hinterland und einen seriöseren Ton im Studio. Praktisch hier ist vor allem die Linksammlung zu Livestreams und Blogs der lokalen Zeitungen und Sender.

Als zweites wichtiges Medien-Weblog ist tvnewser.com zu nennen. Auch hier laufen relevante Links zusammen. Das Wetterblog Stormdigest.com listet unter anderem auf, was alles bereits in den Fluten versunken ist. Die Liste umfasst Dutzende Straßen, Häuserblocks und Sehenswürdigkeiten.

Und dann sind noch die überwiegend privaten Blogs und schwarzen Bretter zu nennen. Metroblogging New Orleans gibt statt der üblichen Freizeittipps Hinweise zum Traumamanagement und verlinkt auf die spontan bei nola.com (Motto: "Everything New Orleans") eingerichtete Infozentrale für vermisste Angehörige.

Die Online-Gemeinde von craigslist.org hat eine schlichte aber sehr nützliche Linksammlung der verschiedenen Hilfsorganisationen sowie ein schwarzes Brett für Vermisstendienste und Notunterkünfte ins Netz gestellt. Das Weblog "Samtene Brunst" posted lokale Notrufnummern, Bulletins von der Universität Tulane, Wasserstände und verlinkt natürlich auf andere Weblogs, wie dieses Sammel-Blog von Livejournal, in dem sich User unter anderem über den ersten bewaffneten Zwischenfall im überfluteten New Orleans austauschen.

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