Interview

Ein iranischer Blogger in Israel "Mein Blog ist Rap-Musik"

Stand: 02.02.2006 09:39 Uhr

Er vergleicht seinen Blog mit moderner, schneller Musik: Der iranische Journalist Derakshan berichtet derzeit aus Israel, um seinen Landsleuten ein anderes Bild des Landes zu vermitteln. tagesschau.de sprach mit ihm über den Erfolg seines Blogs, gezielte Tabubrüche und über den Streit um den Atomkurs Irans.

tagesschau.de: In Iran gibt es eine Vielzahl von Weblogs. Etwa 20.000 Iraner lesen täglich die Beiträge in Ihrem Weblog. Wie kommt es zu diesem relativ großen Interesse?

Hossein Derakhshan: Ich versuche immer, über neue Dinge zu schreiben. Ich greife Themen auf, die die Menschen in Iran sonst nirgendwo finden können, über die in Iran nicht berichtet werden darf. Ich versuche dabei so zu schreiben, wie es zu meiner Generation passt. Außerdem habe ich in Iran als Journalist gearbeitet, bevor ich das Land verlassen habe. Ich war bereits einigermaßen bekannt. Das war sehr nützlich, als ich mit meinem Blog begonnen habe.

Hossein Derakshan in Toronto
galerie

Interkulturelle Berichterstattung: Hossein Derakshan alias "Hoder" in Toronto...

Hossein Derakshan in Teheran
galerie

Hossein Derakshan in Teheran

tagesschau.de: Über welche Tabus schreiben Sie zum Beispiel?

Derakhshan: Westliche Musik ist ein wichtiges Thema für die jungen Menschen in Iran. Außerdem kritisiere ich die religiösen Autoritäten sehr offen. Ich habe mich über Dinge lustig gemacht, über die in Iran eigentlich niemand offen spricht. Auch Homosexualität ist ein Thema in meinem Blog - oder auch die Rechte von Frauen. Ein Hauptgrund für den Erfolg meines Blogs ist die Sprache, die ich benutze. Sie ist vollkommen anders als die in iranischen Magazinen und Zeitungen. Auf die Musik übertragen: Mein Blog ist Rap-Musik, die iranischen Zeitungen Klassik.

tagesschau.de: Sie berichten in ihrem Blog zurzeit aus Israel. Was wollen Sie erreichen?

Derakhshan: Es gibt nichts über Israel in den iranischen Medien, außer Berichten, wie schlecht sie die Palästinenser behandeln. Genau deswegen bin ich hier. Ich will das dämonisierende Bild von Israel brechen. Und gleichzeitig möchte ich den Israelis deutlich machen: Ahmadinedschad repräsentiert nicht das gesamte iranische Volk. Ich war sehr überrascht, wie positiv die Israelis gegenüber Iranern eingestellt sind – trotz der vielen negativen Berichte in den Medien. Sie sind sehr freundlich und offen – zumindest in Tel Aviv. Insgesamt sind die Israelis sehr neugierig, sie wollen wissen, was in Iran passiert. Das Beste, um dies herauszufinden ist, persönliche Kontakte zwischen den Menschen herzustellen. Die neue Technologie macht dies möglich.

"Der Präsident ist das Problem - nicht die Bombe"

tagesschau.de: Iran steht wegen des Atomprogramms international unter starken Druck. Will Teheran dieses Programm nutzen, um sich atomar zu bewaffnen?

Derakhshan: Davon gehe ich aus. Es ist legitim, diese Bombe besitzen zu wollen. Denn jeder weiß: Wenn man Atomwaffen hat, wird niemand mehr die Souveränität des Landes bedrohen – wie beispielsweise auch niemand Nordkorea angreift.

tagesschau.de: Was denken die Iraner über den Atomstreit mit der internationalen Gemeinschaft?

Derakhshan: Die westlichen Medien müssen eines anerkennen: Das iranische Volk unterstützt das Atomwaffen-Programm nicht, damit das derzeitige Regime in Teheran diese Waffen nutzen kann. Die Bedrohung ist nicht die Bombe an sich, die Bedrohung ist derjenige, der über diese Waffe verfügt. Wenn die jetzige Regierung Atomwaffen besitzen sollte, wäre das natürlich sehr gefährlich und bedrohlich. Aber sehen Sie: Auch Israel hat Atomwaffen – und niemand ist darüber wirklich besorgt. Denn Israel ist ein vernünftiges Land mit demokratischen und offenen Strukturen.

tagesschau.de: Aber momentan heißt der Präsident Mahmud Ahmadinedschad.

Derakhshan: Wenn Sie die Menschen auf der Straße fragen: "Wollen Sie dass Ahmadinedschad Nuklearwaffen besitzt?", wird die Mehrheit mit „Nein" antworten. Jeder wartet gespannt auf die Ergebnisse aus den Verhandlungen zwischen Iran und der internationalen Gemeinschaft. Ich denke, die Gespräche erreichen jetzt einen kritischen Punkt, an dem Iran entscheiden muss, ob es die ganze Welt gegen sich haben will oder ob es Kompromisse bei seinem Atomprogramm eingeht. Ich glaube, das Regime hat sich in Iran in eine ungünstige Lage manövriert, die moderaten Kräfte haben in den vergangenen Wochen gewonnen, die Radikalen sind still geworden.

"Westen sollte Demokratisierung fördern"

tagesschau.de: Wie sollte die internationale Gemeinschaft mit Ahmadinedschads Streben nach der Bombe umgehen?

Derakhshan: Iran wird weiter versuchen, die Bombe herzustellen – heimlich. Niemand in Iran bezweifelt dies. Die internationale Gemeinschaft sollte versuchen, diesen Prozess zu verlangsamen und gleichzeitig mehr Geld investieren und Anstrengungen unternehmen, um die Demokratisierung des Landes zu fördern.

tagesschau.de: Aber wie viel Unterstützung hat Ahmadinedschad denn in Iran mit seinen antisemitischen Aussagen? Sind solche Parolen nicht auf vielen Massendemonstrationen zu finden?

Derakhshan: Es ist sehr schwierig darüber zu spekulieren, wie groß die Unterstützung ist, denn es gibt keine öffentlichen Umfragen. Aber wenn ich mir die Weblogs ansehe, die sicherlich die Mehrheit der Mittel- und Oberschicht und besonders die jungen Leute in Iran repräsentieren, finde ich keinen großen Rückhalt für die Dinge, die Ahmadinedschad äußert. Ganz im Gegenteil: Viele sind dagegen. Denn die Iraner sehen, dass Ahmadinedschads Äußerungen die nationalen Interessen bedrohen. Die Iraner sind sehr nationalistisch, nichts fürchten sie mehr, als eine Verletzung ihrer Souveränität.

tagesschau.de: Wie groß ist die Kluft zwischen den Generationen in Iran?

Derakhshan: Iran ist ein sehr junges Land. Und auf Grund der großen technischen Fortschritte in den letzten 20 bis 30 Jahren gibt es einen großen Generationskonflikt. Das zeigt sich darin, wie die jungen Menschen die Welt sehen – und vor allem welche Werte sie vertreten. Dies spiegelt sich auch in den Blogs wider. Die junge Generation ist viel toleranter.

Das Interview führte Patrick Gensing, tagesschau.de

Darstellung: