Interview

Norwegen Stoltenberg

Nach den Anschlägen in Norwegen "Die ganze Gesellschaft steht zusammen"

Stand: 26.07.2011 19:37 Uhr

Norwegen - eine offene liberale Gesellschaft: Das war vor dem 22. Juli 2011. Doch auch nach den Anschlägen soll sich das nicht ändern. Dafür macht sich vor allem Ministerpräsident Stoltenberg stark. Im Interview mit tagesschau.de spricht ARD-Korrespondentin Claudia Buckenmaier über seine Rolle und die Trauer einer Nation.

tagesschau.de: Norwegen hatte bislang keine Erfahrung mit dem Terror und daher auch keine Erfahrung mit dieser traumatisierenden Situation. Können Sie die Stimmung im Land kurz beschreiben?

Claudia Buckenmaier: Es gibt derzeit einen unglaublich großen Zusammenhalt im Land. Die Menschen gehen aufeinander zu, fassen sich an den Händen, umarmen und trösten sich. Sie versuchen, gemeinsam zu sein. Und immer mit dabei: die Königsfamilie, die Politiker quer durch alle Parteien. Sie sind sehr nahe bei den Menschen. Die ganze norwegische Gesellschaft steht zusammen. Ich habe das Gefühl, dass diese Gesellschaft sofort nach den Anschlägen den Weg gesucht hat, sich zu stützen. Nach dem Motto: Wir sind eine Nation und wir lassen uns davon nicht erschüttern.

tagesschau.de: Welche Rolle spielt die Politik dabei? Ministerpräsident Stoltenberg zum Beispiel sprach bislang nie von Rache, sondern immer von mehr Offenheit, Menschlichkeit und Demokratie.

Buckenmaier: Stoltenberg hat in diesem Zusammenhang eine sehr, sehr wichtige Funktion. Er ging sofort nach den Anschlägen vorneweg. Er ist zur Insel Utöya rausgefahren. Er hat sich mit den Eltern und den Angehörigen der Jugendlichen getroffen, er hat die erste Nacht mit ihnen verbracht, als noch nicht klar war, wer tot ist und wer vielleicht doch überlebt haben könnte. Er ist ganz nah bei den Menschen.

Trauert mit den Jugendlichen, die das Massaker auf Utöya überlebt haben: Norwegens Ministerpräsident Stoltenberg
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Trauert mit den Jugendlichen, die das Massaker auf Utöya überlebt haben: Norwegens Ministerpräsident Stoltenberg

Premierminister Jens Stoltenberg mit einer weißen Rose in der Hand
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Stoltenberg (Mitte) mit seiner Frau und dem Vorsitzenden der Arbeiterjugend Eskil Pedersen vor dem Gottesdienst am Sonntag

tagesschau.de: Man sieht ihm auch an, wie betroffen er ist.

Buckenmaier: Und das ist keine gespielte Betroffenheit. Er ist im Innersten getroffen und stand zunächst auch unter Schock. Sowohl während der Schweigeminute als auch bei der Ansprache am Abend war das sehr eindrucksvoll zu spüren. So wird das in der Bevölkerung auch wahrgenommen.

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Zur Person

Claudia Buckenmaier (46) ist Leiterin des ARD-Fernsehstudios in Stockholm. Seit 2007 berichtet sie für die ARD aus Skandinavien und dem Baltikum. Derzeit berichtet sie aus Norwegen. Bevor sie Leiterin des Studios in Stockholm wurde, arbeitete sie als Korrespondentin im ARD-Fernsehstudio London.

Auch Norwegen ist keine heile Welt

tagesschau.de: Tickt der Norweger denn anders? Wenn ich daran zurückdenke, wie George W. Bush nach den Anschlägen vom 11.September 2001 Rache geschworen und den Kampf gegen den Terror ausgerufen hat...Warum gibt es in Norwegen nicht einen ähnlichen Reflex?

Buckenmaier: Es gibt zwei Gründe. Zum einen herrschte hier sehr schnell die Überzeugung, dass es sich um einen Einzeltäter gehandelt hat - auch wenn der Attentäter selbst von mehreren Zellen im Ausland spricht. Die Polizei glaubt nicht daran. Und vor einem Einzeltäter kann man sich einfach nicht schützen. Zum zweiten sind die skandinavischen Gesellschaften - nach meiner Einschätzung - ein Stück weit anders. Man ist hier ein bisschen besonnener. Diskussionen wie in Deutschland über schärfere Sicherheitsgesetze gibt es bislang nicht oder nur ganz leise. Natürlich ist hier nicht heile Welt, hier ist auch nicht alles gut. Aber jetzt im Moment überlagert ein intensives Gemeinschaftsgefühl alle politischen Debatten.

tagesschau.de: Aber die Debatte über die Verschärfung des Strafmaßes wird doch geführt. Wenn der Attentäter wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wird, ist eine längere Haft möglich.

Buckenmaier: Ich glaube, man will so die besondere Grausamkeit dieser Attentate unterstreichen. Wer die Menschen auf den Straßen Oslos fragt, hört immer wieder: 21 Jahre - das ist nach norwegischem Recht die Höchststrafe - das ist doch zu wenig für das, was er getan hat. Die Taten des 32-Jährigen sind so unvorstellbar, dass man hier an eine Grenze kommt und sagt: die Gesetze müssen verschärft werden. Es gibt sogar ganz vereinzelte Rufe nach der Wiedereinführung der Todesstrafe.

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Anschläge in Norwegen: Das Land trauert

Das ganze Land trauert um die Opfer.

Menschen stehen um eine Blumenmeer herum

Ganz Norwegen trauert um die Opfer der Terroranschläge in Oslo und Utöya. Im Osloer Dom wurde am Sonntag ein Gedenkgottesdienst für die Opfer der Anschläge vom Freitag abgehalten. Vor der Kathedrale in Norwegens Hauptstadt legten die Menschen zahlreiche Blumen nieder.

tagesschau.de: Könnten die Rufe nach schärferen Gesetzen lauter werden, wenn die Namen der Toten veröffentlicht sind?

Buckenmaier: Auf jeden Fall wird dann noch mal ein großer Schock durch das Land gehen. Möglich ist auch, dass später noch eine Wutwelle durch das Land rollt. Aber im Moment überwiegt die Trauer.

Rückendeckung für Polizei

tagesschau.de: Aber es gibt auch erste Kritik - etwa am Einsatz der Polizei am Tag der Attentate. Es dauerte eine Stunde, bis die Polizei auf der Insel war. Es gab keine Boote, keine Helikopter.

Ein norwegisches Polizeifahrzeug
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Kritische Fragen muss sich die Polizei derzeit (noch) nicht anhören. Die Trauer überwiegt.

Buckenmaier: Diese Kritik wird zurzeit nur in den Medien geäußert. Und der Justizminister hat sich klar hinter die Polizei gestellt, aber auch eine kritische Bewertung des Polizeieinsatzes angekündigt. Später, nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Und auch bei den Menschen ist die Diskussion um den Polizeieinsatz noch sehr verhalten. Die Trauer überwiegt.

tagesschau.de: Wie werden die Überlebenden und die Angehörigen betreut? Welche konkrete Hilfe gibt es?

Buckenmaier: Draußen vor der Insel wurde ein Krisenzentrum eingerichtet. Seelsorger, Psychologen und Krankenschwestern kümmern sich um die Jugendlichen und um die Eltern. Und hier in Oslo ist die Domkirche zu einem ganz zentralen Ort der Trauer geworden. Das ist nicht staatlich organisiert. Ich war einen Abend dort - es ist unglaublich, was einem dort entgegenschlägt. Man kommt durch die Tür und es wird ganz warm, weil unendlich viele Kerzen angezündet sind. Es duftet nach Wachs und alles ist ganz, ganz ruhig. Hier suchen die Menschen Trost und finden ihn auch.

Menschen stehen um eine Blumenmeer herum
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Ganz Norwegen trauert um die Opfer der Terroranschläge in Oslo und Utöya. Im Osloer Dom wurde am Sonntag ein Gedenkgottesdienst für die Opfer der Anschläge vom Freitag abgehalten. Vor der Kathedrale in Norwegens Hauptstadt legten die Menschen zahlreiche Blumen nieder.

tagesschau.de: Die Anschläge werden Norwegen verändern. Ist die offene Gesellschaft, auf die Norwegen so stolz war, am Ende?

Buckenmaier: Was ist die Alternative? Ein hochgerüsteter Überwachungsstaat? Ich persönlich finde es sehr sympathisch, dass die Norweger es anders machen. Ich kann gut nachvollziehen, dass Ministerpräsident Stoltenberg schon Stunden nach den Anschlägen gesagt hat: Diese Taten dürfen unsere offene Gesellschaft nicht zerstören. Denn dann würden wir dem Täter nachgeben, dann hätte er sein Ziel erreicht. Und das wiederholt Stoltenberg seit Tagen wie ein Mantra. Dennoch: Natürlich werden die Anschläge das Land verändern. Im Herbst stehen Kommunalwahlen an. Vielleicht sieht man dann, wohin sich das Land verändern wird.

Das Gespräch führte Wenke Börnsen, tagesschau.de

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