Interview

Interview zu den Anschlägen in Kopenhagen "Der Druck auf Muslime wird größer"

Stand: 16.02.2015 17:45 Uhr

Die Dänen lassen sich durch die Anschläge ihren Optimismus nicht nehmen, sagt ARD-Korrespondent Tilmann Bünz im Interview. Allerdings sei die Gesellschaft gegenüber Muslimen nicht besonders offen. Und so wachse das Misstrauen auf beiden Seiten.

tagesschau.de: Wie gehen die Menschen zwei Tage nach den Anschlägen in Kopenhagen mit der Situation um?

Tilmann Bünz: Die Straßen sind voll. Es ist nicht so, dass die Menschen geschockt zu Hause sitzen und Angst haben, sondern man überwindet das dadurch, dass man sich seinen Lebensstil nicht verderben lässt. "Hyggelig" ist das dänische Wort für diese besondere dänische Lebensart, das ist mit "gemütlich" ein bisschen umschrieben: Man ist gelassen, und man ist im Zweifel optimistisch. Und das will man sich nicht so leicht nehmen lassen. Man will genau so frech und munter und meinungsfroh sein wie immer.

Die Dänen leben ja seit zehn Jahren mit dieser Terrorangst, seit die "Jyllands-Posten" die Mohammed-Karikaturen veröffentlichte. Seitdem gab es schon mindestens ein halbes Dutzend vereitelte Anschläge. Die dänische Gesellschaft hat das irgendwie auch verarbeitet und überwunden. Ich glaube daher nicht, dass sich hier jetzt radikal was ändert.

Eine Frau legt eine Blume vor der Synagoge in Kopenhagen nieder | Bildquelle: REUTERS
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Eine Frau legt eine Blume vor der Synagoge in Kopenhagen nieder.

tagesschau.de: Werden die Anschläge weitere Auswirkungen auf die Gesellschaft haben, etwa auf die Offenheit und die Toleranz, auf die die Dänen so stolz sind?

Bünz: Das Besondere an Dänemark ist ja schon länger eine gewisse Ungastlichkeit gegenüber Einwanderern, solange diese muslimischen Glaubens sind. Denen gegenüber ist dieses Land nicht sehr offen und tolerant. Und dieses Klima wird sich wahrscheinlich noch verstärken.

Eine mögliche Konsequenz könnte daher sein, dass die Dänische Volkspartei noch stärker wird, vielleicht sogar stärkste Fraktion. Die Dänische Volkspartei ist "Pegida" hoch drei. Die waren immer schon stark, die sehen sich als Stimme der schweigenden Mehrheit.

"Der Anpassungsdruck wird größer"

tagesschau.de: Was bedeutet das für die Muslime?

Bünz: Ich glaube, dass der Anpassungsdruck auf Einwanderer der zweiten und dritten Generation noch stärker wird, sich zu Dänemark zu bekennen. Denn diese treffen auf eine zunehmend misstrauische dänische Gesellschaft, die Taten sehen will, weil sie anhand irgendwelcher Einzeltäterattacken das Vertrauen verliert, dass man miteinander leben kann. Wenn du dich aber als Muslim so ungeliebt fühlst, dann integrierst du dich auch nicht - oder die Anpassung bekommt etwas Kriecherisches.

Die muslimische Gemeinde in Dänemark muss nun anfangen, sich um diese jungen Leute zu kümmern, die da heranwachsen, um zu verhindern, dass die Richtung IS und Radikalität abdriften. Ein erster Schritt könnte sein, dass die Imame zum Beispiel anfangen, auf Dänisch zu predigen. Es geht darum, sich mit der Gesellschaft zu identifizieren, in der man lebt und aufwächst.

alt Tilmann Bünz

Zur Person

ARD-Korrespondent Tilmann Bünz berichtete fünf Jahre lang von Stockholm aus über Skandinavien und das Baltikum.

tagesschau.de: Der Attentäter war offenbar erst seit kurzem radikalisiert, er hat nicht in Syrien oder dem Irak gekämpft. Was bedeutet das?

Bünz: Dass er kein Rückkehrer war, dass er also nicht militärisch ausgebildet wurde im Irak und in Syrien, ist möglicherweise ein großer Glücksfall. Denn er ist nicht in die eigentlichen Veranstaltungsräume gekommen, weder in die Bar-Mitzwa-Feier in der Synagoge noch in die Diskussionsveranstaltung im "Pulverfass", wie der Kulturklub übersetzt heißt. Dort waren ja jeweils 80 bzw. 50 Menschen versammelt.

Die andere Frage ist aber: Was ist, wenn die aktiv werden, die diese entsprechende Ausbildung gehabt haben?

tagesschau.de: Noch einmal zurück zum Attentäter: Was weiß man über ihn?

Bünz: Eigentlich könnte man sagen, da ist einer in der Mitte der Gesellschaft groß geworden, 22 Jahre alt, Kopenhagener, der hat doch eigentlich eine ganz gute Perspektive gehabt. Der war Thai-Boxer, der hatte eine vielversprechende Boxerlaufbahn vor sich. Dann ist er allerdings abgedriftet in die Bandenkriminalität, und möglicherweise im Gefängnis infiziert worden mit den Gedanken des Dschihad und des Islamismus.

Ein Detail, das die Heimtücke des Attentäters deutlich zeigt, ist ja auch, dass er sich als Betrunkener getarnt hat, der die Straße entlang getorkelt ist, und deshalb den Wachleuten der Synagoge nicht als ungewöhnlich aufgefallen ist.

Zahlreiche Blumen und Fahnen liegen vor der Synagoge in Kopenhagen | Bildquelle: REUTERS
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Zahlreiche Blumen und Fahnen liegen vor der Synagoge in Kopenhagen.

"Es gibt keinen dänischen Antisemitismus"

tagesschau.de: Ein Attentat galt der jüdischen Gemeinde. Wie ist die Situation der dänischen Juden?

Bünz: Dieser Anschlag zeigt keinen dänischen Antisemitismus, sondern für den Attentäter als palästinensisches Flüchtlingskind war das Thema Israel ein rotes Tuch. Es gibt in der dänischen Gesellschaft, soweit ich das weiß, so gut wie keinen Antisemitismus.

Der ehemalige Oberrabbiner von Dänemark, Bent Melchior, hat uns gesagt, "wir gehen hier nicht weg, wir sind hier seit vielen Jahrhunderten." Das Attentat sei kein Grund, jetzt nach Israel auszuwandern, wie das der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gefordert hat. Angst sei sowieso ein schlechter Ratgeber. Er sagt, "wir fühlen uns hier integriert und willkommen - schauen Sie sich doch mal die ganzen Blumen an, die hier gerade vor der Synagoge niedergelegt werden." Es gibt auch, soweit ich weiß, keine Forderung nach besserer Bewachung. Kann aber sein, dass es dazu kommt.

"Freiwilliger Verzicht auf Pressefreiheit"

tagesschau.de: Neben der Synagoge galt der Anschlag einer Diskussion über Meinungsfreiheit. Wie ist es fast zehn Jahre nach Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in Dänemark darum bestellt?

Bünz: Wir haben gerade mit Flemming Rose gesprochen, dem Kulturchef der "Jyllands-Posten", der damals den Karikaturenwettbewerb in Bewegung gesetzt hat. Der spricht inzwischen von einer stillschweigenden Anpassung und einem freiwilligen Verzicht auf Pressefreiheit.

Was er meint, ist etwa, dass seine eigene Zeitung seit 2008 keine Karikaturen mehr druckt, die den Islam betreffen, und auch zum Beispiel die neueste Ausgabe von "Charlie Hebdo", also die nach dem Terroranschlag, nicht gedruckt hat, was er persönlich bedauert. Die Zeitung hat das auch erklärt und mit mangelndem öffentlichen Rückhalt begründet. Das klingt schon sehr resigniert.

Das Interview führte Kristina Kaul, tagesschau.de

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