Interview

Flüchtling sitzt auf seinem Bett in einer Unterkunft in Bayern (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Debatte um "Ankerzentren" "Das kann die Politik nicht wollen"

Stand: 08.06.2018 08:43 Uhr

Die Innenminister beraten in Quedlinburg auch über die geplanten "Ankerzentren". Migrationsforscher Schiffauer wird im tagesschau.de-Interview deutlich: Diese "provozieren Konflikte, Kriminalität und Krankheit."

tagesschau.de: Was halten Sie von Horst Seehofers Plan der "Ankerzentren"?

Werner Schiffauer: Überhaupt nichts. Wir haben bereits in den 1990er-Jahren bei der ersten großen Flüchtlingswelle schlechte Erfahrungen mit Massenunterkünften gemacht und sind davon wieder abgerückt. Anfang der 2000er-Jahre wurde das sogenannte Leverkusener Modell der dezentralen Unterbringung ausgearbeitet - und die Kommunen sind gut damit gefahren. Jetzt wird die Uhr wieder zurückgedreht, hauptsächlich um der Abschreckung willen. Aber eine Migrationspolitik, die auf Abschreckung setzt, geht immer auf Kosten der Integration.

alt Werner Schiffauer | Bildquelle: privat

Zur Person

Werner Schiffauer ist emeritierter Sozial- und Kulturanthropologe der Europa-Universität-Viadrina in Frankfurt Oder. Er ist Vorsitzender des Rats für Migration, eines bundesweiten Zusammenschlusses von rund 150 Migrationsforschern.

tagesschau.de: Welche schlechten Erfahrungen sind das?

Schiffauer: Wir haben verschiedene Studien am Lehrstuhl Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie gemacht, wo wir die Auswirkungen und Belastungen in der Asylbewerbungszeit analysiert haben. Das ist eine ohnehin sehr belastende Lebenssituation, weil man zum Warten auf einen ungewissen Bescheid verurteilt ist. Die Lebenszeit verstreicht, man ist verdammt zur Untätigkeit, man ist diesem Prozess hilflos ausgeliefert.

Wenn dann auch noch die Unterbringung sehr unwirtlich ist, werden leicht die Grenzen der Belastbarkeit erreicht. Die Privatsphäre ist sehr eingeschränkt vor allem durch die große Enge. Einzelpersonen müssen sich oft zu mehreren ein Zimmer teilen, Familien müssen sich auf engstem Raum miteinander arrangieren. Da sind Konflikte programmiert.

Frustration, Konflikte, Kleinkriminalität

tagesschau.de: Inwiefern?

Schiffauer: Alltagssituationen, wie die Sauberkeit der Sanitäranlagen oder die Essensausgabe bergen Konfliktpotenzial. Konflikte führen oft zu ethnischen Solidarisierungen. Da kommt es leicht zu Eskalationsspiralen, auch weil das Wachpersonal eingreift. Das wiederum ruft andere auf den Plan, die sich einmischen und so weiter.

Zum anderen entfliehen vor allem junge Männer der Unwirtlichkeit des Lagers und gehen als Gruppe in die Stadt. Sie haben wenig Geld und hängen in der Stadt ab. Da kommt es schnell zu Konflikten mit der Nachbarschaft. Häufig kommt es zu vermehrter Kleinkriminalität. Und das produziert dann Abwehrreaktionen des Umfeldes solcher Unterkünfte, die durchaus verständlich sind.

tagesschau.de: Wieso erhöht Massenunterbringung die Kleinkriminalität?

Schiffauer: Das sind Gruppenphänomene. Wenn ganze Horden von jungen Männern so zusammen untergebracht werden, keine sinnvolle Beschäftigung haben, dann sind die sehr frustriert. Das führt dann dazu, dass sie sich zusammenschließen, zusammen ausgehen, womöglich Aggressionen loswerden wollen. Bei dezentraler Unterbringung oder kleineren Gruppen wären sie ganz anders eingebunden in ihr Umfeld, hätten Kontakte zu Unterstützerkreisen, die integrativ wirken, Perspektiven aufzeigen und sie von dem Unfug abhalten.

"Je mehr Menschen, desto mehr Konfliktpotenzial"

tagesschau.de: Wieso können die Unterstützerkreise diese Wirkung bei Massenunterkünften nicht entfalten?

Schiffauer: Dazu müssen sie erstmal reinkommen in die Lager. Das wird aber teilweise verhindert, beispielsweise bei der Unterkunft in Manching, die als Vorbild für die "Ankerzentren" gilt. Man hat Angst, sie könnten den Ablauf behindern und dass Solidarisierung stattfindet, durch die das Abschiebeverfahren gestört werden könnte. Bei dezentraler Unterbringung würden die Kontakte zwischen Zivilbevölkerung und Flüchtlingen viel leichter und natürlicher stattfinden.

Asylbewerber vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Berlin-Spandau. | Bildquelle: REUTERS
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Schiffauer: "Vor allem bei Männern gibt es vermehrt Depressionen, Sich-Zurückziehen, Hospitalismus."

tagesschau.de: Schon jetzt gibt es Massenunterbringungen beispielsweise in Erstaufnahmeeinrichtungen. Was wäre denn bei den "Ankerzentren" so viel anders?

Schiffauer: Zum einen ist die Zahl von 1500 Menschen sehr groß. Je mehr Menschen zusammen auf engstem Raum leben, desto größer die Frustration und das Konfliktpotenzial. Zum anderen ist es ein großer Unterschied, ob man solche Unterkünfte hat, weil es in Einzelfällen nicht anders geht, weil beispielsweise Wohnungen fehlen, oder ob das politisch so gewollt ist.

Bisher versuchen viele Betreiber die Situation für die Bewohner so wirtlich wie möglich zu gestalten, pragmatische Lösungen oder Kompromisse zu finden. Beispielsweise Kochnischen oder ähnliches. Doch je größer die Unterkunft, desto schwieriger ist das. Da müssen dann stur Regeln durchgesetzt werden.

"Ein Drittel verschwindet einfach"

tagesschau.de: Welche langfristigen Folgen kann die Unterbringung in Massenunterkünften für die Menschen haben?

Schiffauer: Wir beobachten einen Anstieg von Krankheiten. Beispielsweise ein vermehrtes Auftreten von Depression, Sich-Zurückziehen, Hospitalismus. Das ist vor allem bei Männern der Fall. Frauen sind häufig, weil sie die Sorge um die Kinder haben, stärker eingebunden. Das ist in solchen Situationen gut. Aber gerade bei traumatisierten Flüchtlingen, können sich die Belastungen sehr negativ auf die Psyche auswirken. Gerade aktivere Menschen halten das nicht aus und tauchen unter.

tagesschau.de: Das heißt, sie verlassen die Unterkünfte und gehen in die Illegalität?

Schiffauer: Ja. Der bayerische Flüchtlingsrat schätzt, dass ein Drittel derjenigen, die in den Massenunterkünften in Bamberg und Manching untergebracht sind, einfach verschwinden. Das kann die Politik nicht wollen, dass ein Drittel der Leute abtaucht. Sie ziehen das Leben in der Illegalität dem Leben in der Massenunterkunft vor.

Dann gehen sie auf den schwarzen Arbeitsmarkt, wo sie ein leichtes Opfer für Ausbeuter sind weil sie sich nicht wehren und nicht klagen können. Manche schlagen sich mit Kriminalität durch. Falls sie krank werden, können sie sich häufig nicht behandeln lassen oder haben Angst zum Arzt zu gehen. Nicht nur für die Flüchtlinge selbst, sondern für die gesamte Gesellschaft birgt das Risiken, beispielsweise der Seuchengefahr. Und es wird kriminellen Strukturen Vorschub geleistet.

Flüchtlingsunterkunft in Dresden | Bildquelle: picture alliance / Monika Skolim
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Eine Flüchtlingsunterkunft in Dresden

"Der rechte Rand soll bedient werden"

tagesschau.de: Andererseits ist das Argument für "Ankerzentren", dass die Verfahren schneller durchgeführt werden können und die Menschen so schneller Gewissheit über ihre Zukunft haben. Das würde die negativen Folgen, die Sie beschreiben doch eindämmen?

Schiffauer: In Berlin hat man das auch ohne "Ankerzentren" geschafft. Da hat man alle zuständigen Behörden in einem Ankunftszentrum des BAMF zusammengeführt und auf die zentrale Unterbringung verzichtet. Nach unserem Wissen ist nicht das Problem, dass die Asylbewerber nicht zu einem Termin erscheinen, denn da hängt viel zu viel für sie dran. Wenn sie nicht kommen, laufen sie Gefahr, dass ihr Asylantrag abschlägig beschieden wird. Das Problem bislang war eher, dass die Behörden nicht nachkommen und die Flüchtlinge beim Termin nicht mehr drankommen.

tagesschau.de: Die schwierigen Folgen solcher Unterbringungen sind bekannt. Warum, glauben Sie, verfolgt die Politik sie dennoch?

Schiffauer: Über allem steht die Idee der Abschreckung. Es soll ein klares Signal gesendet werden, 'mit der Zeit der Willkommenskultur ist es vorüber'. Man verspricht sich, Abschiebungen effektiver zu machen. Von politischer Seite versucht man, den rechten Rand zu bedienen. Doch der Versuch, hier Recht und Ordnung walten zu lassen, produziert geradezu Unordnung. Ein extrem kostspieliges Verfahren für die Gesellschaft. Und die Folgen dessen werden sehr schwer einzufangen sein.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Juni 2018 um 19:15 Uhr.

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