Interview

Cockpit eines Airbus A320 | Bildquelle: picture alliance / landov

Experte zum Germanwings-Absturz Gefahr an einer wichtigen Schnittstelle

Stand: 25.03.2015 16:42 Uhr

Triebwerksausfall, giftige Dämpfe in der Kabine, Druckabfall? Luftfahrtexperte Spaeth schildert bei tagesschau.de mögliche Ursachen für den Absturz von Flug 4U9525 - und erklärt, wie die Schnittstelle Mensch-Maschine an Bord zur Gefahr werden kann.

tagesschau.de: Nach dem Unglück in den französischen Alpen herrscht weiter Rätselraten über die Ursache. Wie erklären Sie sich, dass die Maschine bei ruhiger Wetterlage abstürzte?

Andreas Spaeth: Ich habe mit einigen Piloten gesprochen, die mir ihre Theorien geschildert haben - und sie sind sich einig: Die Piloten des Germanwings-Jets müssen zu dem Zeitpunkt, zu dem der Sinkflug eingesetzt hat, bereits handlungsunfähig gewesen sein. Darauf deutet hin, dass weder ein Notruf noch ein anderer Funkspruch der Piloten irgendwo eingegangen ist. Die Maschine hat die einprogrammierte Route nach Düsseldorf auch nach Einsetzen des Sinkflugs stur abgeflogen.

Ein ehemaliger Sicherheitspilot einer großen deutschen Airline sagte mir dazu: Er könne sich angesichts dessen nicht vorstellen, dass die Piloten noch in der Lage waren zu reagieren. Wenn man einen Sinkflug einleitet, muss man normalerweise die Flugsicherung in Kenntnis setzen, weil man ja auf Luftstraßen nach Höhen gestaffelt unterwegs ist. Zumindest hätten die Piloten - wären sie handlungsfähig gewesen - abgedreht, um noch eine Notladung zu versuchen. Mit Nizza und Marseille wären ja Flughäfen in der Nähe gewesen.

alt Andreas Spaeth

Zur Person

Andreas Spaeth ist Luftfahrtjournalist für deutsche und internationale Medien. Seit mehr als 20 Jahren publiziert er zu Themen der zivilen Passagierluftfahrt. Auf www.airliners.de veröffentlicht er die wöchentliche Kolumne "Spaethfolgen" zum Thema Luftfahrt.

"Möglicherweise kam es zum Triebwerksausfall"

tagesschau.de: Sie sprechen von "handlungsunfähigen" Piloten - was könnte sich da im Cockpit und in der Kabine abgespielt haben?

Spaeth: Möglicherweise kam es zunächst zu einem Triebwerksausfall. Wenn ein Triebwerk auf der Reisehöhe von rund 38.000 Fuß ausfällt, lässt sich diese Höhe ohnehin nicht mehr halten, sprich die Maschine muss sinken. Man kann den Autopiloten auch so programmieren, dass er eine bestimmte Sinkrate einhält. Das könnte bei der Germanwings-Maschine der Fall gewesen sein, weil sich auf Grundlage der Radardaten erkennen lässt, dass das Flugzeug sehr gleichmäßig absinkt und es keine Ausschläge mit Dellen oder Kurven gibt.

Möglich ist also folgendes Szenario: Das Triebwerk fiel aus, die Piloten stellten auf Sinkflug um - und zeitgleich gelangten durch das kaputte Triebwerk giftige Dämpfe in die Maschine, die die Kabinenluft kontaminierten. Mit der Folge, dass Piloten und Passagiere bewusstlos wurden. Einen ähnlichen Fall gab es bereits bei einem Landeanflug einer Germanwings-Maschine in Köln vor einigen Jahren. Da hatten die Piloten hinterher erklärt, dass sie kurzzeitig handlungsunfähig waren, zum Glück aber noch ihre Masken aufsetzen und das Flugzeug landen konnten. Das wäre im Moment eine der Theorien.

"Falsche Daten weitergeleitet"

tagesschau.de: Ende November gab es ein Beinahe-Unglück einer ähnlichen Lufthansa-Maschine, die von Bilbao nach München unterwegs war. Was passierte da - und könnte das auch Ursache für die jetzige Katastrophe sein?

Spaeth: Das lag an Sensoren an der Außenhaut des Flugzeugs, die unter anderem die Lage der Maschine im Luftstrom messen. Sie waren vereist und gaben so falsche Daten an den Computer weiter. Das führte dazu, dass das System den Jet in einen andauernden Sinkflug brachte. Die Piloten waren nicht in der Lage, diesen Sinkflug händisch zu unterbrechen. Im Cockpit saß aber ein sehr erfahrener Pilot, der das System überlisten und den Computer abschalten konnte. Das war dann die Rettung, denn so konnte die Maschine wieder manuell gesteuert und sicher in München gelandet werden.

Auch beim Absturz des A320 von Air Asia Ende 2014 in die Java-See spielte der Computer eine Rolle. Es herrschte eine schwierige Wetterlage, die Piloten merkten, dass ihre Anzeigen nicht stimmen und zogen daraufhin die Sicherung des Computers. In diesem Fall hat das aber leider auch nicht geholfen. Aus irgendeinem Grund ging die Maschine plötzlich in einen unkontrollierten Steigflug, schoss wie eine Rakete in den Himmel und stürzte ab. Es gibt also keine Patentlösung nach dem Motto "Computer Abschalten ist in solchen Fällen immer gut".

Wrackteil der verunglückten Germanwings-Maschine | Bildquelle: AFP
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Wrackteil der verunglückten Germanwings-Maschine: Experte Spaeth vermutet, dass die Piloten mit Beginn des achtminütigen Sinkflugs nicht mehr in der Lage waren, das Flugzeug zu steuern.

"Im Moment würde ich nichts ausschließen"

tagesschau.de: Inwieweit haben Airbus und Fluggesellschaften auf diese ja offenbar bekannten Probleme reagiert?

Spaeth: Nach dem Beinahe-Unglück vom November schickte Airbus Bulletins an Mechaniker und Piloten mit wichtigen Anweisungen beim Bedienen des Computers. Und auch Lufthansa sagte, sie habe darauf reagiert. Was ich allerdings für voreilig halte, ist eine Äußerung von Germanwings-Chef Thomas Winkelmann: Er schloss bereits am Dienstag aus, dass die Ursache für das jetzige Unglück mit dem Fall der Maschine im November nichts tun habe. Doch im Moment weiß noch keiner, was auf den Flugschreibern steht - und bis das soweit ist, würde ich nichts ausschließen.

tagesschau.de: Inwiefern lassen sich die Bordcomputer überhaupt noch beherrschen?

Spaeth: Leider geht oft viel Zeit dadurch verloren, dass die Piloten nicht verstehen, was der Computer mit ihnen macht. Das sagt sogar die Pilotenvereinigung Cockpit selber: Dass Piloten heute oft einige handwerkliche Fähigkeiten des Fliegens verlernt haben. Denn normalerweise müssen sie hauptsächlich nur eine Maschine überwachen. Selbst für erfahrene Piloten ist es da extrem schwierig, in kürzester Zeit richtig zu handeln. Die Schnittstelle Mensch-Maschine ist hier das Problem. Die Piloten werden für diese Extremsituationen nicht trainiert.

tagesschau.de: Warum nicht?

Spaeth: Weil diese Probleme angesichts der Technik heutzutage nicht vorgesehen sind. Piloten können das freiwillig trainieren. Ich bin mal bei so einem Training, das in der Pilotenausbildung nicht vorgeschrieben ist, mitgeflogen. Beim sogenannten recovery training geht es darum, eine schon im Sturzflug befindliche Maschine noch zu retten, indem man sie wieder hochzieht und unter Kontrolle bringt. Das kann man im Simulator überhaupt nicht darstellen. Es lässt sich nur mit entsprechend ausgebildeten Fluglehrern üben, aber das gehört nicht zum üblichen Schulungsprogramm.

"Druckabfall wäre auch ein mögliches Szenario"

tagesschau.de: Ein möglicher Triebwerksausfall, kontaminierte Kabinenluft und Probleme mit dem Computersystem könnten also Ursachen sein. Was halten Sie noch für denkbar?

Spaeth: Ein mögliches Szenario wäre noch, dass es zu einem Druckabfall in der Kabine gekommen ist. Das ist auch ein klassischer Fall, bei dem man sofort in Sinkflug gehen muss. Normalerweise lässt sich dann aber noch ein Notruf abgeben. Aufklärung kann erst die Blackbox geben. Auch wenn der bereits gefundene Voice-Recorder beschädigt ist: Meistens lassen sich einige Daten noch retten. Jetzt hängt alles davon ab, wie lange die Experten brauchen, um die Geschehnisse in der Maschine zu rekonstruieren. 

Das Interview führte Jörn Unsöld, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. März 2015 um 20:00 Uhr.

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