Hintergrund

ARD-Korrespondenten berichten Das Internet als Katalysator des Protests

Stand: 06.04.2012 16:45 Uhr

Die Gedanken sind frei - vor allem im Internet. Während das tunesische Regime noch Bilder der Unruhen zensierte, verbreiteten sie sich bereits im Netz - und der Funke griff auf andere Staaten über. Welche Rolle spielt das Internet bei Protesten in Nordafrika und im Nahen Osten? ARD-Korrespondenten geben Einblicke.

Tunesien: Ben Alis Sturz ist auch dem Internet zu verdanken

Von Marc Dugge, ARD-Hörfunkkorrespondent Rabat

Der Sturz Ben Alis in Tunesien ist auch dem Internet zu verdanken: Mithilfe von Blogs und  Netzwerken wie Twitter oder Facebook organisierten sich die Demonstranten. Im Internet erfuhr man, wo die nächste Kundgebung ist - und wo Milizen ihr Unwesen treiben. Auf der Seite von Wikileaks konnte man einen Eindruck von den mafiösen Machenschaften der Präsidentenfamilie bekommen. Das Regime von Ben Ali hatte die explosive Wirkung des Internets richtig eingeschätzt: Seiten wie Youtube oder Dailymotion blieben lange gesperrt. Sie wurden erst als Zugeständnis an die Protestbewegung zugänglich gemacht.

Der tunesische Blogger Slim Amamou.
galerie

Blogger, Regimekritiker und jetzt Staatssekretär in Tunesien - Slim Amamou, hier bei seiner Vereidigung, gilt als einer der führenden Online-Aktivisten des Landes.

Die Maghrebstaaten sind mit einem Dilemma konfrontiert. Zum einen wollen sie sich ausländischen Investoren und Geldgebern als fortschrittliche Länder präsentieren. Da sind gute Internetverbindungen unerlässlich. Zum anderen fließen durch das Internet aber auch Informationen, die sich nur schlecht kontrollieren und zurückverfolgen lassen. Sie verbreiten sich auch dank sozialer Netzwerke wie in einem Schneeballsystem - und können so für die Machthaber zur Gefahr werden.

Längst ist das Internet im Maghreb nicht mehr nur einer reichen und ohnehin gut informierten städtischen Elite zugänglich. Auch auf dem Land nutzen Menschen das Netz, um mit Freunden und Verwandten in Kontakt zu bleiben - auch per Mobilfunk. Nicht umsonst bietet etwa die US-Botschaft in Marokko spezielle Kurse für Blogger und Onlinejournalisten an. In einer Region, in der Zeitungen, Hörfunk- und Fernsehsender noch immer zensiert werden, ist das Internet für viele Menschen das Medium der Wahl.

alt Marc Dugge

Zur Person

Marc Dugge berichtet seit 2008 für den ARD-Hörfunk aus Rabat in Marokko. Zuvor war er Korrespondent in Washington. Sein Berichtsgebiet, das er gemeinsam mit Alexander Göbel betreut, umfasst jetzt 20 Länder: von Tunesien über die westafrikanische Küste entlang bis nach Nigeria und einige Binnenstaaten.

Ägypten: Organisierter Protest im Netz

Von Jörg Armbruster, ARD Kairo

Nach den Demonstrationen in Tunesien haben auch in Ägypten viele Jugendliche Hoffnung geschöpft auf einen Systemwandel. Über Handy und Internet rufen sie zu Demonstrationen auf - unter anderem auf der Facebook-Seite eines in Tunesien offenbar von der Polizei zu Tode gefolterten Jugendlichen. Ausgerüstet mit Handy und Kleinkamera dokumentieren sie die Straßenproteste - trotz Internet-Sperren.

Massive Proteste gegen Regime von Präsident Mubarak halten an
tagesthemen 22:45 Uhr, 27.01.2011, Jörg Armbruster, ARD Kairo

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

alt ARD-Korrespondent Jörg Armbruster

Zur Person

Jörg Armbruster vom Südwestrundfunk leitet das ARD-Studio Kairo als Auslandskorrespondent. Er ist unter anderem zuständig für die Länder Irak, Kuwait, Jemen und Saudi-Arabien.

Iran: Eine große oppositionelle Bloggerszene

Von Ulrich Pick, ARD-Hörfunkkorrespondent Istanbul

Welch eine bedeutende Rolle das Internet im Iran spielt, zeigte sich bereits bei den umstrittenen Präsidentschaftswahlen im Juni 2009. Durch Online-Information konnte sich die Opposition nicht nur ausgesprochen gut vor dem Urnengang organisieren. Mit Hilfe elektronischer Kommunikation erfuhr die Welt zudem, dass die Stimmabgabe allem Anschein nach manipuliert wurde. Zum Tragen kam das Internet darüber hinaus bei der Organisation der anschließenden Massendemonstrationen, bei denen Hunderttausende auf die Straßen gingen und von den Sicherheitskräften zum Teil schwer attackiert wurden.

Mussawi bei Facebook
galerie

Viele Oppositionelle kommunizierten bei der "grünen Revolution" im Iran über das Netzwerk Facebook, hier der Eintrag des unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Mussawi (Screenshot).

Die oppositionelle iranische Bloggerszene, die im internationalen Vergleich als verhältnismäßig groß und sehr aktiv gilt, ist dem Regime ein Dorn im Auge. Da das Internet letztlich nicht komplett kontrolliert werden kann, dient es als das Medium der Opposition. Im Internetzeitalter lassen sich schließlich Informationen kaum noch verheimlichen. Was das Regime der eigenen Bevölkerung vorenthält, holt diese sich online über das Ausland. Selbst dass große Teile des Internets im Iran offiziell gesperrt worden sind, stört letztlich nur noch wenig. Wer will, kann sich recht unkompliziert eine Software besorgen, mit der sich die Sperrung umgehen lässt.

Die Kehrseite der aktiven iranischen Online-Szene ist allerdings auch nicht zu übersehen: Nirgends auf der Welt sind mehr Blogger und Journalisten im Gefängnis wie im Iran.

alt Ulrich Pick

Zur Person

Ulrich Pick berichtet seit rund zehn Jahren für den ARD-Hörfunk aus Istanbul. Seit 2006 ist er dort Studioleiter. Sein Berichtsgebiet umfasst neben der Türkei auch Griechenland, Iran und Zypern. Der Theologe hat ein besonderes Interesse am islamischen Kulturkreis.

Gaza: Internet ist oft einziges Kommunikationsmittel

Von Clemens Verenkotte, ARD-Hörfunkkorrespondent Tel Aviv

Im abgeriegelten Gaza-Streifen bietet das Internet jungen Palästinensern (60 Prozent der Bevölkerung in Gaza ist jünger als 24 Jahre) die einzige Möglichkeit, mit "draußen" zu kommunizieren. Es sind vielfach Studentinnen und Studenten, die eigene Blogs über ihr Leben in Gaza schreiben.

Screenshot des "Manifest für Wandel" der "Gaza Youth Breaks Out"
galerie

Das "Manifest für Wandel" von jungen Studenten in Gaza wurde inzwischen in 21 Sprachen übersetzt (Screenshot).

Die Kontrolle des Internets durch die in Gaza herrschende Hamas-Bewegung ist streng und rigide. Anfang Januar veröffentlichte eine Gruppe junger Studenten in Gaza ("Gaza Youth Breaks Out") - ihr "Manifest für Wandel", das inzwischen in 21 Sprachen übersetzt und von der Hamas als direkte Kampfansage verstanden worden ist. Letzte Woche sagten mir Studenten in Gaza, dass inzwischen Hunderte von jungen Leuten zu Vernehmungen vorgeladen worden seien. Alle müssten ihre Laptops und Handys zum Verhör mitbringen, um nachforschen zu können, ob sie mit der "Gaza Youth Breaks Out"-Gruppe in Verbindung stehen oder auf anderen "oppositionellen" Internetseiten waren.

alt Clemens Verenkotte, BR

Zur Person

Clemens Verenkotte berichtet seit 2006 für den ARD-Hörfunk aus dem israelischen Tel Aviv. Der promovierte Historiker war zuvor beim Bayerischen Rundfunk für das Ressort Außenpolitik zuständig. Sein Berichtsgebiet umfasst Israel, die Palästinsergebieten und den Nahen Osten.

Darstellung: