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Fifa-Zentrale in Zürich | Bildquelle: REUTERS

Korruptionsvorwürfe beim Fußball-Weltverband FIFA-Skandal: Wer, wie, was?

Stand: 03.12.2015 21:58 Uhr

Der FIFA-Korruptionsskandal zieht immer weitere Kreise. Am Morgen gab es erneut Festnahmen zweier Funktionäre in Zürich. Gegen wen und wo überall wird ermittelt? Und was ist bereits erwiesen? tagesschau.de gibt einen Überblick.

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Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Was sind die neusten Entwicklungen?

Wie schon vor einem halben Jahr sind die Schweizer Behörden gegen Funktionäre des Welt-Fußballverbandes FIFA vorgegangen. In einem Züricher Luxushotel gab es am frühen Morgen eine Razzia. Zwei Funktionäre wurden festgenommen, wie die Schweizer Justiz bestätigte. Sie seien auf Antrag der US-Justiz in Zürich in Auslieferungshaft genommen worden.

Es handelt sich dabei um Juan Angel Napout, Vorsitzender des südamerikanischen Fußballverbands CONMEBOL, und Alfredo Hawit Banegas, Chef des Fußballverbands für Nord- und Zentralamerika sowie Karibik (CONCACAF). Beide sind FIFA-Vizepräsidenten und Mitglieder des mächtigen Exekutivkomitees, also quasi der FIFA-Regierung.

Den Funktionären werde vorgeworfen, Bestechungsgelder in Millionenhöhe angenommen zu haben. Diese stünden im Zusammenhang mit Marketingrechten für Fußballturniere in Lateinamerika und WM-Qualifikationsspielen, teilte das schweizerische Justizministerium mit.

Am Abend machte das US-Justizministerium Ermittlungen gegen 14 weitere hochrangige FIFA-Funktionäre öffentlich. Darunter sind auch der ehemalige brasilianische Verbandspräsident Marco Polo del Nero und der ehemalige FIFA-Vize Ricardo Teixeira. Der Schwiegersohn des früheren FIFA-Präsidenten Joao Havelange gilt als eine der schillerndsten Figuren im FIFA-Korruptionskomplex.

Welche Ermittlungen laufen im FIFA-Skandal?

Bei den aktuellen Ermittlungen der Schweizer und der amerikanischen Behörden geht es um zwei juristisch separate Fälle: Zum einen hat die Schweizer Justiz im Auftrag von US-Behörden Anklage gegen 14 Personen erhoben - unter ihnen sind hochrangige FIFA-Funktionäre, aber auch Mitarbeiter von Sportvermarktungsfirmen.

Ihnen wird unter anderem Korruption und Geldwäsche vorgeworfen. Sie sollen Bestechungsgelder in Höhe von mehr als 100 Millionen Dollar für Vermarktungsrechte von Fußball-Turnieren in den USA und Lateinamerika angenommen haben. Die Ermittlungen laufen über die US-Behörden, weil die Anschuldigungen offenbar auf Geldübergaben in den USA beruhen. Das FBI ist bei diesen Ermittlungen auch deshalb so hartnäckig, weil es um zahlreiche Turniere in den USA geht und die Geschäfte teilweise über US-Konten abgewickelt worden sein sollen. In der Anklage werden zudem noch 25 namentlich nicht-genannte Mitverschwörer genannt, so dass weitere Enthüllungen zu erwarten sind.

Beim zweiten Fall geht es um mögliche Korruption bei den WM-Vergaben an Russland 2018 und Katar 2022. Die Schweizer Staatsanwaltschaft rückte in das FIFA-Hauptquartier ein und beschlagnahmte Unterlagen, in der Hoffnung, dort Hinweise für den Verdacht der Korruption zu finden. Auslöser der Ermittlungen ist eine Strafanzeige der FIFA selbst, der Fußball-Weltverband tritt somit als Geschädigter in dem Verfahren auf.

Wer sind die Beschuldigten?

Bereits im Mai wurden auf Bitten der USA im Fall der Korruptionsermittlungen bei Vermarktungsrechten sieben ehemalige FIFA-Funktionäre in Zürich verhaftet. Zwei von ihnen haben nach Angaben der Schweizer Justiz der Auslieferung zugestimmt: Jeffrey Webb von den Kaimaninseln, der seit 2012 Mitglied des FIFA-Exekutivkommitees ist, also quasi Teil der FIFA-Regierung, und der Brasilianer José Maria Marin wurden bereits den US-Behörden übergeben.

Die anderen festgenommenen fünf Ex-Funktionäre widersetzen sich bislang einer Auslieferung. Ihre Beschwerden gegen die Auslieferungsentscheide sind beim Schweizer Bundesstrafgericht anhängig. Auf Grundlage des zwischen beiden Ländern geschlossenen Auslieferungsvertrags von 1990 muss das Gericht entscheiden, ob es dem Ersuchen der USA stattgibt.

In der Anklageschrift der US-Behörden von Ende Mai werden insgesamt 14 Verdächtige benannt. Einer von ihnen ist auch der aus Trinidad & Tobago stammende Jack Warner. Er kämpft derzeit in seinem Heimatland gegen eine Auslieferung in die USA. Die FIFA-Ethikkommission sperrte den Funktionär aus der Karibik lebenslang, er habe eine Hauptrolle beim Anbieten, Annehmen und Akzeptieren von illegalen Zahlungen gespielt.

Im Fall der Korruptionsermittlungen bei den WM-Vergaben an Russland 2018 und Katar 2022 hat die Schweizer Bundesanwaltschaft inzwischen ein Strafverfahren gegen FIFA-Chef Blatter eröffnet.

Inwiefern ist Blatter involviert?

Laut Schweizer Bundesanwaltschaft steht der suspendierte FIFA-Präsident Sepp Blatter im Verdacht, im September 2005 mit der Karibischen Fußball-Union einen für die FIFA ungünstigen Vertrag abgeschlossen zu haben. Zudem soll er im Februar 2011 eine "treuwidrige Zahlung" von zwei Millionen Schweizer Franken an seinen früheren Intimus Michel Platini geleistet haben.

Im Oktober berichtete Blatter von einer Absprache über Stimmen vor den WM-Vergaben 2018 und 2022. Es habe 2010 eine Einigung gegeben, "dass wir nach Russland gehen, weil wir noch nie in Russland, Osteuropa waren und für 2022, dass wir in die USA gehen", sagte er. "So hätten wir die WM in den Ländern mit der größten politischen Macht gehabt". Die WM 2022 wurde dann aber an Katar vergeben.

Die FIFA-Ethikkommission hatte Blatter und UEFA-Chef Platini, der Blatters Nachfolger werden will, vorerst gesperrt. Inzwischen eröffnete Ethikrichter Hans-Joachim Eckert offiziell ein Verfahren gegen Blatter und Platini. Hintergrund der Affäre ist eine Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken, die Blatter 2011 an Platini geleistet hatte. Beide behaupten, dass das Geld für Beratertätigkeiten angewiesen wurde, die Platini von 1999 bis 2002 für die FIFA geleistet haben soll. Lebenslange Sperren sind im Gespräch.

Was hat das alles mit dem DFB-Skandal um die WM-Vergabe an Deutschland zu tun?

Die Affäre um den Zuschlag für die WM 2006 ist juristisch nochmal ein separater Fall. Hier hat die deutsche Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen den DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach, dessen Vorgänger Theo Zwanziger sowie den früheren DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt aufgenommen. Sie stehen im Verdacht der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall. Beamte durchsuchten die DFB-Zentrale in Frankfurt am Main sowei die Anwesen der Beschuldigten.

Im Kern geht es um eine Zahlung von 6,7 Millionen Euro, die laut DFB im Vorfeld der WM 2006 in Deutschland an die Finanzkommission der FIFA gegangen sein soll. Laut Staatsanwaltschaft sollen die drei Beschuldigten falsche Steuererklärungen für das Jahr 2006 verantworten, weil die 6,7 Millionen-Zahlung, die angeblich für ein Kulturprogramm gewesen sein soll, steuermildernd geltend gemacht worden sei. Dass gegen die Funktionäre "nur" wegen Steuerhinterziehung ermittelt wird, liegt daran, dass andere Delikte, wie Untreue, bereits verjährt sind.

Bei der Zahlung von 6,7 Millionen sind viele Fragen ungeklärt. Es geht um den Verdacht, der DFB könnte vier Stimmen asiatischer Vertreter im FIFA-Exekutivkommitee bei der Vergabe der WM 2006 gekauft haben. Dafür könnten sie Geld aus einer schwarzen Kasse des WM-Organisationskommitees erhalten haben, berichtete der "Spiegel". Bewiesen ist es aber noch nicht.

Was ist eigentlich mit Franz Beckenbauer?

Juristisch scheint Franz Beckenbauer nicht betroffen. Obwohl er bei der WM 2006 Chef des Organisationskommitees (WM-OK) war, wird gegen ihn nicht polizeilich ermittelt. Warum, wollte die Frankfurter Staatsanwaltschaft nicht weiter kommentieren. Medienberichte spekulieren, dass Beckenbauer in der Sache nicht belangt werden kann, weil er zwar Chef des WM-OK war, aber im DFB zu diesem Zeitpunkt keine fiskalisch verantwortliche Funktion bekleidete.

Auf Verbandsseite ist Beckenbauer inzwischen aber weiter in den Fokus gerückt: er soll einen Vertragsentwurf aus dem Jahr 2000 unterschrieben haben, in dem dem stimmberechtigten FIFA-Exekutivmitglied Jack Warner laut DFB "diverse Leistungen" von deutscher Seite zugesagt worden sein sollen. Um direkte Geldleistungen soll es dabei aber nicht gegangen sein. Beckenbauer soll den Entwurf vier Tage vor der WM-Vergabe an Deutschland unterzeichnet haben.

Die FIFA wiederum hatte bereits im vergangenen Jahr Ermittlungen gegen Beckenbauer wegen der WM-Vergabe an Russland und Katar aufgenommen. Inzwischen hat die FIFA-Ethikkommission die Ermittlungen abgeschlossen und will ein Verfahren gegen Beckenbauer eröffnen. Ihm drohen eine Sperre des Fußball-Weltverbands beziehungsweise eine Geldstrafe.

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