Ein ukrainischer Soldat hält eine Artilleriegranate vom Kaliber 155 Millimeter in der Region Saporischschja
interview

Nachschub für die Ukraine Warum Munition so schwer zu beschaffen ist

Stand: 20.03.2024 20:46 Uhr

Es mangelt nicht an Versprechen, der Ukraine mehr Munition zu beschaffen. Doch Einkäufe auf dem Weltmarkt sind kompliziert. Der Sicherheitsexperte Rafael Loss erklärt, woran das liegt und was für die Europäer daraus folgt.

tagesschau.de: Warum ist Artilleriemunition vom Kaliber 155 Millimeter so wichtig für die Ukraine?

Rafael Loss: Zu Beginn des russischen Angriffskrieges hat die Ukraine vor allem alte sowjetisch produzierte Artilleriegeschütze in ihrem Arsenal gehabt. Die wurden auch effektiv und erfolgreich eingesetzt, um im Zusammenspiel mit vom Westen gelieferten Panzerabwehrraketen den Vormarsch auf Kiew zu stoppen und dann zurückzuschieben. Die Munition für diese Systeme ging aber bald drastisch zur Neige.

Aus dieser Erkenntnis heraus hat der Westen entschieden, der Ukraine NATO-Standard-Artilleriesysteme zur Verfügung zu stellen. Daraus ergibt sich jetzt aber ein Bedarf auch an Munition für diese NATO-Standardwaffen. Das ist in der Regel das 155-Millimeter-Kaliber.

Rafael Loss
Zur Person

Rafael Loss ist Policy Fellow bei der Denkfabrik European Council on Foreign Relations in Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Sicherheits- und Verteidigungspolitik, Militäreinsätze, nukleare Strategien und die Rüstungskontrolle.

Wettbewerb um Munition

tagesschau.de: Warum beschafft man nicht auch Artilleriemunition vom Standard des Warschauer Paktes?

Loss: Das wären Geschosse vom Kaliber 152 Millimeter, 122 Millimeter für kleinere Artilleriegeschosse. Es gibt durchaus Versuche, aber das wird immer schwerer. Die Bestände sind international nicht so groß. Länder, die diese Munition zur Verfügung stellen, müssen danach Ersatz beschaffen.

Der einzige Lieferant wäre dann in vielen Fällen Russland - und das behandelt natürlich sein eigenes Militär für den Angriffskrieg prioritär. Und Russland ist selbst auf den Weltmärkten unterwegs, um einerseits seine eigenen Bestände aufzufüllen und andererseits der Ukraine Munition vor der Nase wegzukaufen. Da gibt es einen gewissen Wettbewerb darum, wer wann und wie viel zu welchen Preisen kaufen kann.

"Es gibt keine verlässlichen Schätzungen"

tagesschau.de: Gibt es Schätzungen, wie groß Bestände es bei der 155-Millimeter-Artilleriemunition sind?

Loss: Es gibt keine verlässlichen Schätzungen. Man kann in die Auftragsbücher der verschiedenen Rüstungsunternehmen blicken und sich einen gewissen Überblick darüber verschaffen, was zum Beispiel in Europa oder Nordamerika produziert wird, wie viel über die letzten 30 Jahre produziert wurde, wie viel vielleicht auch für Übungen oder andere Einsätze genutzt wurde. Aber das ergibt keine verlässliche Gesamtevaluation.

Deswegen wird Europa nicht darum herumkommen, die Produktion von Artilleriemunition und auch von allen anderen Rüstungsgütern zu erhöhen. Hierzu haben sich die westlichen Staaten zu spät entschieden - und es geht auch nur langsam voran.

Der lange Weg zur Produktion

tagesschau.de: Woran hapert es hier?

Loss: Es dauert, bis eine neue Munitionsfabrik den Betrieb aufnehmen kann und ihre volle Kapazität erreicht. Da sind die Bearbeitungszeiten für Bauanträge zu neuen Fabriken. Vormaterialien müssen beschafft werden. Sie brauchen Fachleute für die enorm komplizierte Produktion. Man braucht die Räumlichkeiten, in denen die Munition gelagert wird. Und dann muss die Munition an den Ort gebracht werden, wo sie hin soll und dort in Bunkeranlagen gelagert werden.

Für das neue Munitionswerk in Unterlüß wurde im Februar der Spatenstich gesetzt - fast zwei Jahre nach Beginn der russischen Vollinvasion. Rheinmetall, das dort schon einen Standort betreibt, schätzt, dass es mindestens zwölf Monate dauert, bis die Produktion anläuft - und dann sicherlich noch mal zwei Jahre, bis die Produktion ein volles Niveau erreicht.

tagesschau.de: Dann sprechen wir über das Jahr 2027 ...

Loss: In diesem Fall ja. Die Rüstungsindustrie hat in Teilen auf eigene Faust schon einige Investitionen getätigt, um in diversen Ländern Europas die Produktion auszuweiten oder neue Produktionsstätten aufzubauen. Man geht davon aus, dass sich die Steigerung der Produktionsraten in Europa gegen Ende 2024 bemerkbar macht und 2025 dann ein Niveau erreicht werden wird, das der Ukraine ermöglichen wird, zumindest ihre Verteidigung aufrecht zu erhalten. Der Bedarf an Artilleriegranaten, damit die Ukraine wieder in die Offensive kommen kann, liegt bei etwa 5.000 bis 6.000 Schuss pro Tag.

Mechanismen aus der Zeit der Pandemie

tagesschau.de: Unterdessen suchen die Staaten der NATO und der EU auf dem internationalen Markt nach zusätzlicher Munition. Gibt es hierfür Erfahrungen, auf denen sie aufbauen können?

Loss: In der EU hat man sich an Mechanismen orientiert, die während der Bekämpfung der Corona-Pandemie beim gemeinsamen Einkauf von Impfstoffen entwickelt wurden. Hier gab es zwar politische Differenzen in der Frage, ob man eher nationale Mechanismen wählt und ausweitet, um schneller agieren zu können - oder ob man auf EU-Instrumente wie die Europäische Verteidigungsagentur setzt.

Diese hat dann trotz wenig Erfahrung in Beschaffungsfragen in den vergangenen zwölf Monaten einige sehr umfangreiche Rahmenverträge mit der Rüstungsindustrie abschließen können, die aber bislang nicht voll ausgeschöpft sind. Vermutlich wird man auch weiterhin zweigleisig fahren, auch wenn das gewisse Ineffizienzen mit sich bringt.

tagesschau.de: Der tschechische Präsident Petr Pavel hat hier vor Kurzem mit der Nachricht überrascht, dass man auf dem Weltmarkt kurzfristig Hunderttausende Schuss Artilleriemuntion aufgetrieben habe. Wie ist das zu erklären?

Loss: Die tschechische Regierung mit ihrem neuen Präsidenten, der früher einmal NATO-General war, hat dafür vielleicht einen ganz guten Riecher und hat vielleicht auch mit Partnern auf dem Weltmarkt gesprochen, die vorher noch nicht angesprochen wurden, oder ihnen ein anderes Angebot gemacht, als sie bisher gehört hatten. Außerdem bemüht man sich wohl auch darum Munitionsbestellung in die Ukraine umzuleiten, die eigentlich anderswo hin gehen sollen. Industrie und ursprüngliche Abnehmer wollen dafür dann natürlich kompensiert werden.

Aber in der letzten Konsequenz ändert es nichts daran, dass Europa die Industrieproduktion von Artilleriemunition, aber auch von allen anderen Rüstungsgütern ankurbeln muss, weil der Bedarf der Ukraine und der Verschleiß enorm hoch sind.

NATO-Vorgaben werden nicht erfüllt

tagesschau.de: Zugleich gilt, dass die NATO-Staaten auch ihre eigene Verteidigungsfähigkeit im Blick behalten müssen.

Loss: Es gibt eine NATO-Vorgabe, dass alle Alliierten ungefähr Material für 30 Tage hochintensiven Gefechtes bevorraten sollen. Das erreicht niemand, die USA wahrscheinlich noch am ehesten. Bei den europäischen Alliierten gibt es seit dem Ende des Kalten Krieges enorme Lücken, weil die Bevorratung von Material über die entsprechenden Fristen enorm viel Platz braucht und betreut werden muss. Munition hat ein Verfallsdatum und muss irgendwann aussortiert werden.

All das kostet und war nach dem Kalten Krieg nicht mehr politisch rechtfertigbar. Man hat das eher als Finanzpolster betrachtet, dessen man sich bedienen kann, weil man sich nicht mehr bedroht sah. Das ist spätestens seit dem 24. Februar 2022 anders. Deshalb muss man hier wieder investieren und die Rüstungsindustrie hochfahren, weil die Ukraine aus unseren eigenen Sicherheitsinteressen heraus weiterhin unterstützt werden muss.

Russlands Möglichkeiten

tagesschau.de: Die Russen haben einen deutlich höheren Verbrauch an Munition, schaffen es aber dennoch, die Produktion schneller auszuweiten. Woran liegt das?

Loss: Eine Diktatur kann anders agieren als ein demokratischer Rechtstaat. Das betrifft die Antragsbürokratie, wenn man neue Munitionsfabriken bauen lassen will, das betrifft Arbeitnehmerstandards, auf die man verzichten kann, um im Schichtbetrieb nahezu 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr Panzer, Munition oder Drohnen produzieren zu lassen.

Russland ist zudem nicht so abhängig vom Import bestimmter Ressourcen und hat, wo es doch von westlichen Einfuhren abhängig ist, Ausweichrouten gefunden, zum Beispiel über Zentralasien und China. Da finden dann Kühlschränke, Mikrowellenherde oder Waschmaschinen ihren Weg nach Russland und werden ausgeschlachtet, um sanktionierte Computerchips für die Produktion von Drohnen oder Raketen zu nutzen. Die EU muss deshalb ihr Sanktionsregime dynamisch an diese Versuche Russlands anpassen, Ausweichmöglichkeiten zu finden.

Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de