Interview

Eine mit AGM-114 Hellfire-Raketen bewaffnete US-amerikanische MQ-1-Predator-Drohne in Afghanistan. | Bildquelle: dapd

Drohnenpilot Bryant im Interview "Deutsches Vertrauen ausgenutzt"

Stand: 15.10.2015 18:09 Uhr

Die USA fliegen zahlreiche Drohnenattacken, und dabei spielt Airbase Ramstein eine zentrale Rolle. Das sagt zumindest der Air-Force-Aussteiger Bryant im Interview mit dem ARD-Magazin Panorama. Nun hat der ehemalige Drohnenpilot vor dem NSA-Untersuchungsausschuss ausgesagt.

Panorama: Sie waren Sensor Operator von Kampfdrohnen der US-Airforce. Sie bedienten also das Kameraauge und die Instrumente der Drohnen. Wie viele Stunden Flugerfahrung haben Sie?

Brendan Bryant : Ich bin 6000 Stunden lang Kampfdrohnen geflogen. Davon waren nur etwa 120 Stunden reine Kampfeinsätze. Die restliche Zeit haben wir nur beobachtet. Manchmal lieferten wir auch Bilder von Hausdurchsuchungen des Militärs oder anderen Drohnen, die Luftschläge verübten.

Panorama: Wo haben Sie Ihre Einsätze geflogen?

Bryant: Wir flogen im Irak, in Afghanistan, in Pakistan, in Somalia und im Jemen. Also auch in Gebieten, in denen wir offiziell gar nicht im Krieg waren.

Panorama: Drohnencrews haftet das Stigma an, kaltblütig und bisweilen willkürlich Menschen in weit entfernten Regionen der Welt per Knopfdruck umzubringen.

Bryant: An Drohnenoperationen sind weit mehr Menschen beteiligt als viele denken. Während eines Drohnenangriffs schauen sich bis zu 100 Leute die Live-Videobilder an. Der Pilot der Drohne und der Sensor Operator sind nur die letzten Glieder in der Kette. Sie sind diejenigen die die Drohne fliegen und den Abzug ziehen. Die Entscheidungen treffen aber andere.

Brandon Bryant
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Ex-Drohnenpilot Brandon Bryant

"Oh, da ist ein Böser, erschießt ihn."

Panorama: Wer gibt der Drohnencrew den Befehl zu feuern?

Bryant: Der JTAC - der Joint Terminal Attack Controller. Dessen einziger Job ist, den Einsatz von Waffen abzusegnen. Er ist zwar nicht der militärische Befehlshaber für den Einsatz, das ist der Kampfkommandant, aber der JTAC gibt uns die Abschusserlaubnis.

Panorama: Der JTAC hat also ein genaues Bild von der Situation am Boden?

Bryant: In den allermeisten Fällen sieht er auch nur die gleichen Bilder von der Drohnenkamera wie wir. Er sitzt auch nur vor einem Bildschirm. Wir hatten mit JTACs zu tun, die in den Vereinigten Staaten sitzen, zum Beispiel im Pentagon, während die Drohne Tausende Meilen entfernt fliegt. Ein Typ schaut auf einen Laptop und sagt uns: "Oh, da ist ein Böser, erschießt ihn."

Panorama: Wie heißt die Dienststelle, wo der JTAC sitzt?

Bryant: Es gibt keine. Er könnte überall sein. Er könnte im Kommandostand einer Luftleitzentrale sein, oder mit den Truppen am Boden. Das ist die Stärke des JTAC, er kann überall sein. Das ist auch, was das Drohnenprogramm so mächtig und so geheim macht, es ist so fragmentiert.

Ramstein "absolut zentral"

Panorama: Der JTAC kann also von überall Luftschläge freigeben, auch von Deutschland aus?

Bryant: Natürlich. Der JTAC kann in Ramstein sitzen.

Panorama: Welche Rolle spielen US-Einrichtungen in Deutschland, speziell Ramstein, im US-Drohnenprogramm?

Bryant: Ramstein ist absolut zentral im US-Drohnenprogramm. Alle Informationen und alle Daten gehen durch Ramstein. Für alle Operationen weltweit. Auch für die CIA-Einsätze.

Panorama: Warum Ramstein?

Bryant: Die Lage von Ramstein ist ideal. Das Video der Drohnenkamera und die Kontrollsignale werden per Satellit nach Ramstein geschickt, da es in die meisten Krisengebiete keine stabile Verbindung per Erdkabel gibt. Von Ramstein aus werden die Signale dann per Unterseekabel in die USA geleitet.

Panorama: Woher wissen Sie, dass die Signale der Drohnen durch Ramstein gingen?

Bryant: Bevor wir von unserer Bodenkontrollstation in den Vereinigten Staaten eine Verbindung zu einer Drohne aufbauen konnten, mussten wir in Ramstein anrufen und bitten, dass uns die Leute dort mit einem bestimmten Satellitenkanal verbinden. Wir hoben einfach den Hörer ab, drücken einen Knopf und wurden sofort nach Ramstein verbunden.

Panorama: Häufig wird in der öffentlichen Diskussion unterschieden zwischen den legalen Drohneneinsätzen des Militärs und den illegalen der CIA. Ist die Unterscheidung richtig?

Bryant: Das ist so nicht richtig. Es wird Sie überraschen: das Militär fliegt alle Geheimdienst-Drohneneinsätze, sogar die der CIA. Selbst in Pakistan und Somalia, wo die USA offiziell nicht mal ein Drohnenprogramm haben.

Panorama: Die CIA benutzt also auch die Drohnenflotte der Air Force?

Bryant: Ja. Wenn ein Abschuss in einer Gegend erfolgen soll, in dem wir offiziell militärisch gar nicht aktiv sind, wie in Pakistan, dann versucht die CIA aber, die Zahl der Innvolvierten klein zu halten. Dann fliegen sie manchmal mit einer zusätzlichen Reaper oder Predator hinter unseren Drohnen hinterher, falls wir ein lohnenswertes Ziel finden. Die CIA schickt dann plötzlich eine Nachricht "Bitte die Kamera nach oben richten". Dann drehen wir unsere Kameras Richtung Bug der Drohne und können nicht mehr sehen, was dann geschieht.

Bloß keine Fragen stellen

Panorama: Sie waren Sensor Operator und damit das Auge der Drohne. Was geschieht, wenn Sie von der Situation am Boden eine andere Einschätzung haben als der JTAC?

Bryant: Normalerweise stellen wir dem JTAC oder jemandem, der uns Befehle gibt, keine Fragen. Es heißt kurz "Haben Sie Fragen?" Das ist die Möglichkeit für uns, etwas zu sagen. Aber wenn man Fragen stellt, heißt es oft "Verdammt, wir versuchen hier was zu erledigen, warum verdammt stellst du solche Scheißfragen?"

Panorama: Können Sie den Befehl hinterfragen?

Bryant: Theoretisch kann man das. Man kann äußern, dass man sich mit dem Befehl nicht wohlfühlt. Trotzdem wird man dafür einiges in Kauf nehmen müssen. Sie sagen einem "Oh, du fühlst dich nicht wohl? Bist du ein verdammtes Weichei? Du bist ein Feigling." Da wird viel Druck aufgebaut.

Panorama: Haben Sie jemals einen Befehl infrage gestellt?

Bryant: Manchmal. Ich stellte viele Fragen, und keiner wollte sie hören.

Panorama: Warum sind Sie aus der Air Force ausgestiegen?

Bryant: Ich war ohnehin schon frustriert davon, wie unsere Vorgesetzten mich und meine Kameraden behandelten. Wir sollten nur funktionieren. Keine Fragen stellen. Dann gab es einen Moment während der Jagd nach Anwar al-Awlaki, einem Amerikaner. Ich erkannte, dass ich mit meinen Handlungen auf einmal die amerikanische Verfassung brach, die ich geschworen hatte zu schützen. Da entschied ich, dass ich aus dem Drohnenprogramm raus muss.

Panorama: Warum kommen Sie extra nach Deutschland geflogen, um hier vor einem Untersuchungsausschuss auszusagen?

Bryant: Die USA haben die ganze Zeit vorgegeben, die Verbündeten Deutschlands zu sein, doch sie haben nur Deutschlands Vertrauen ausgenutzt. Ich möchte jetzt etwas Gutes repräsentieren, das das Vertrauen Deutschlands in mein Land rechtfertigt. Ich möchte zeigen, dass es auch anders geht.

Die Fragen stellten die Panorama-Autoren Diani Barreto und Antonius Kempmann.

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