Antizionismus in der orthodoxen Rechten "Es ist eine Sünde, ein Land mit Gewalt zu erobern"

Stand: 06.05.2008 12:39 Uhr

Ein orthodoxer Jude protestiert gegen die Öffnung von Geschäften.
galerie

Konfrontation: Ein orthodoxer und ein säkularer Jude streiten in Jerusalem über die Öffnung von Geschäften am Sabbat.

Für viele ultraorthodoxe Juden ist der 60. Jahrestag der Gründung Israels ein Grund zur Trauer. Denn sie lehnen den zionistischen Staat aus religiösen Gründen ab. Zu ihnen gehört auch die fundamentalistische Gruppe "Neturei Karta". Deren Mitglied Rabbi Moische Arye Friedman wurde bekannt, als er im Dezember 2006 bei einer von der iranischen Regierung organisierten Holocaust-Konferenz Irans Präsidenten Ahmadinedschad küsste. Und aus dem Umkreis dieser antizionistischen Bewegung kommt auch Rabbi Josef Antebi.

Von Sebastian Engelbrecht, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Der Rabbi trägt Schwarz: schwarze Pelzmütze, schwarzer Mantel, schwarze Hose, schwarzer Bart. Nur sein Rollstuhl, ein elektrisches Gefährt mit Steuerrad und Einkaufskorb, schillert hell. Der Wagen hat weiße Räder und eine silberne Lenkstange. Rabbi Josef Antebi bewegt sich in Israel nur mit der Eisenbahn, denn sein Elektro-Rollstuhl passt in keinen Bus.

So sperrig wie sein Wagen ist auch seine Botschaft gegen den Zionismus und gegen die Zionisten. "Sie dürfen keine Armee haben", fordert er. "Sie dürfen keine Polizei haben. Dieses Land" - gemeint ist Israel - "sollte erst am Ende der Geschichte kommen, wenn der Messias kommt."

"Wir dürfen keinen eigenen Staat haben"

Antebi gehört zu einer antizionistischen Gruppierung namens "Neturei Karta" - oder zumindest zu ihren Sympathisanten. Zu einer Mitgliedschaft will er sich nicht bekennen, aber sein Programm ist identisch mit dem von "Neturei Karta". Der Name stammt aus dem Aramäischen und bedeutet "Wächter der Stadt". Der Unabhängigkeitstag Israels ist für die ultraorthodoxen Männer der Organisation ein Anlass zum Trauern. Denn allein der Messias dürfe nach der Thorah, nach der Hebräischen Bibel, am jüngsten Tag den Staat Israel ausrufen. Ein von Menschen regierter Staat namens Israel sei dagegen eine Anmaßung der Zionisten.

So sieht das auch Antebi: "Wir dürfen keinen eigenen Staat haben. So steht es in der heiligen Thorah. Da heißt es, wir sollen loyal gegenüber den Völkern sein, wir dürfen nicht gegen sie kämpfen. Und wir müssen auf den Staat warten, bis der Messias kommt. Es ist eine Sünde, ein Land mit Gewalt zu erobern. Wenn der Allmächtige es uns geben will, braucht er dafür weder unsere Panzer, noch unsere Flugzeuge. Er wird es uns auf friedliche Art und Weise geben. Es ist in der heiligen Thorah beschrieben, wie das geschehen wird. Und alle Völker der Welt werden diese Sache fördern."

Eskortiert von Arabern

Am Ende der Zeiten, so glaubt Antebi, wird Gott den Messias schicken, und dieser wird sein Friedensreich auf Erden errichten. Erst dieser Gottesstaat darf nach Rabbi Josefs Theologie dann "Israel" heißen. Das heutige Israel nennt Antebi daher einfach "Palästina" - weshalb auch die Palästinenser zu seinen Verbündeten zählen. Nicht zufällig eskortieren zwei Araber den bärtigen Rabbi auf seiner Zugfahrt von Jerusalem zum Flughafen. Sie scheinen seine Leibwächter zu sein. Und Josef Antebi braucht sie, weil er, wie er sagt, vor acht Jahren von "den Zionisten" gefoltert worden sei - mit Elektroschocks und Injektionen. Seither sei er gehbehindert und traumatisiert.

Israelis heute: Rabbi Josef Antebi, Antizionist
S. Engelbrecht, ARD Tel Aviv
05.05.2008 15:57 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

"Fluch" modernes Israel

"Die, die uns schlagen und foltern und uns Probleme machen, sind die Zionisten. Niemand sonst", sagt der Rabbi. "Nirgendwo in der Welt sind in den vergangenen sechzig Jahren so viele jüdische Menschen gestorben wie im zionistischen Staat. Der Staat, in dem wir am wenigsten geschützt sind, das ist der zionistische Staat."

Die Sprache der Zionisten, das Hebräische, ist dem Rabbi heilig. Im Alltag spricht er deshalb Jiddisch, Englisch oder Niederländisch. Die, die hier Hebräisch reden - also die Mehrheit der jüdischen Israelis - sind für Rabbi Josef keine Juden. Sie würden nicht koscher essen, hielten nicht den Sabbat und missachteten die Thorah, kritisiert der Geistliche: "In Tel Aviv geschehen Dinge, die sind sehr falsch. Ich darf die Sache selbst aufgrund meiner Religion nicht benennen. Aber - Sie verstehen - ich meine das, was Männer miteinander tun. Die Regierung lässt diese Dinge zu - wie in Sodom. Und sie tut das im Namen des Judentums."

Das moderne Israel ist für Rabbi Josef Antebi ein "Fluch". Und warum? Weil das moderne Israel sein will wie die anderen Nationen, "mit Levi’s und Wrangler und so", sagt der Rabbi. Ein Jude aber sollte nach den fünf Büchern Mose leben - weiter nichts. "Dann gibt es keine Probleme."

Darstellung: