Flaggen Großbritannien Europäische Union | Bildquelle: REUTERS

Großbritannien und die EU Woher rührt das britische Naserümpfen?

Stand: 24.06.2015 21:09 Uhr

Großbritannien lässt sich ungern aus Brüssel dirigieren. Aktuell will Premier Cameron beim EU-Gipfel in Brüssel seine Vorstellung einer EU-Reform präsentieren. Warum beanspruchen die Briten eigentlich einen Sonderstatus?

Von Stephanie Pieper, ARD-Hörfunkstudio London

Winston Churchill, der siegreiche Kriegspremier, fand es nach 1945 eine wunderbare Idee, die "Vereinigten Staaten von Europa" zu gründen - aber doch bitte erst einmal ohne die Briten. Heute will sein ebenfalls konservativer Nachfolger David Cameron bei mehr europäischer Integration nicht mitmachen.

Woher rührt das britische Naserümpfen bei allem, was europäisch riecht? Das Land musste verdauen, dass sein Empire geschrumpft ist zu einem weltpolitisch nicht mehr besonders mächtigen Commonwealth. Doch eine Insel-Nation, die einst die Machtbalance in Europa wahrte, die zwei Weltkriege gewann, deren Monarchie und Demokratie jahrhundertealt sind, lasse sich eben ungern aus Brüssel dirigieren, erklärt Verfassungshistoriker Vernon Bogdanor:

"Großbritannien ist ein ganz anderes Land, unsere Geschichte hat sich evolutionär vollzogen. Bei uns gab es - anders als auf dem Kontinent - 1789, 1848, 1917 eben keine Revolution. Unser Parlament reicht bis ins Mittelalter zurück. Viele europäische Länder existierten dagegen vor 200 Jahren noch nicht, während wir eine lange Geschichte haben."

Beitritt wegen Handelsvorteilen

In den 1960er-Jahren klopften die Briten dann doch in Brüssel an, um Handelsvorteile zu genießen. "Non!", tönte es damals aus Frankreich. 1973 kam es aber letztlich zum Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Zwei Jahre danach stimmten zwei Drittel der Briten für die weitere Mitgliedschaft. Auch Labour-Außenminister James Callaghan hatte zu einem "Ja" aufgerufen.

Sogar Margaret Thatcher war damals für Europa. Später aber erkämpfte die "Eiserne Lady" - wie die Premierminister nach ihr - etliche Extrawürste: Rabatt beim EU-Beitrag, Ablehnung des Schengen-Abkommens, kein Mitmachen bei Euro und Fiskalpakt. Und jetzt droht Cameron: Erfüllt unsere Reform-Wünsche oder wir sagen beim Referendum womöglich "Goodbye".

Cameron will Großbritannien in der EU halten. Aber seine regierenden Konservativen zerfleischen sich seit Jahrzehnten - und bis heute - in schöner Regelmäßigkeit über die Europapolitik. Enttäuschte Tories gründeten die UKIP, deren Chef Nigel Farage laut auf der Anti-EU-Klaviatur spielt:

"Wir sind die einzige Partei, die an Großbritannien glaubt - daran, dass wir uns selbst regieren könnten und sollten. Wir brauchen das EU-Referendum, damit wir unser Land endlich befreien aus dieser Union!"

Nur wenige sind der EU von Herzen zugeneigt

Natürlich hassen die meisten Briten die EU nicht so wie Farage, aber nur die wenigsten sind ihr von Herzen zugeneigt. Auch wenn die Zustimmung der Bürger zur EU im Moment so hoch ist wie lange nicht - das kann wieder kippen. Der Brite Eric zum Beispiel ist kein Fan des Clubs. Er sagte bei einer Umfrage: "Es ist eine Schande, wie sich die EU entwickelt hat. Ursprünglich ging es mal um den Handel. Aber der EU geht es inzwischen um viel mehr, um die politische Einheit des ganzen Kontinents - und das funktioniert einfach nicht."

2017 - womöglich auch schon 2016 - werden die Briten abstimmen: Entweder Großbritannien bleibt Teil der EU oder es wird, wie es Churchill einst vorschwebte, wieder nur an der Seite Europas stehen.

Die komplizierte Haltung der Briten zur EU
S. Pieper, ARD London
24.06.2015 16:31 Uhr

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