Norwegen Trauer Fahne und Blumen

Vier Wochen nach dem Doppelanschlag Norweger trauern, Rechtspopulisten hetzen

Stand: 19.08.2011 05:55 Uhr

Vier Wochen nach dem Attentat in Norwegen beginnt heute ein dreitägiges Gedenken der 77 Opfer des Doppelanschlags. Während das Land weiter trauert, wird in rechtspopulistischen Blogs wieder gehetzt - gegen Muslime und "Gutmenschen". Dabei spielen Verschwörungstheorien eine große Rolle.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

1500 Seiten stark ist das "Manifest" von Anders Breivik, das der Norweger mit seinem Massenmord weltweit bekannt machen wollte. In dem Machwerk zitierte Breivik viele rechtspopulistische Blogger - besonders umfangreich den Norweger Fjordman. Nach dem Doppelanschlag distanzierte sich Fjordman von der Tat - denn es sei höchst unangenehm, von einem Massenmörder zitiert zu werden. Hinter dem Pseudonym Fjordman steht offenbar der Norweger Peder Jensen. Dieser outete sich zumindest gegenüber der Zeitung "Verdens Gang". Wenige Tage später verkündete er, sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

Blumen und norwegische Flaggen vor der Insel Utöya | Bildquelle: dapd
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Die Trauer und Anteilnahme in Norwegen ist ungebrochen.

Fjordman galt als einer der Stars in der islamfeindlichen Blogosphäre, seine Texte erschienen auch auf der deutschsprachigen Seite PI-News, die nach eigenen Angaben rund 50.000 Besucher täglich verzeichnet und auch Fjordmans Buch "Eurabien besiegen" verbreitet. In dem Werk soll bewiesen werden, dass es seit den 1970er-Jahren eine internationale Verschwörung gibt, um Europa zu islamisieren. Die Angst davor gehört zu den Grundpfeilern des rechtspopulistischen Weltbilds, aus dem sich unmittelbar ein Selbstverteidigungsszenario ableiten lässt. "Kollaborateure" eines islamischen Großangriffs sind dieser Ideologie zufolge Liberale und Linke - die "Gutmenschen". Daraus lässt sich erklären, warum Breivik den sozialdemokratischen Nachwuchs als Ziel wählte - und nicht Muslime.

"Kollaborateure der islamischen Hassideologie"

"Gutmenschen" und deren "politische Korrektheit" gehören seit vielen Jahren zum populären Feindbild in rechten Kreisen. Auf der Seite Document.no, auf der sich Breivik ausführlich als Kommentator betätigte, wird der Begriff "politische Korrektheit" als meist angegebenes Schlagwort geführt. Die "Gutmenschen" oder auch "68er" sind in diesen Kreisen an allem Übel schuld. Der deutsche Blogger Michael M.* schrieb,  die "Kollaborateure der islamischen Hassideologie", welche Muslime "millionenfach in ihre Länder geholt und das Gesicht Europas in einem historisch beispiellosen Ausmaß bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet" haben, hätten  "den Willen der überwiegenden Mehrheit der indigenen Europäer vergewaltigt und sind daher die wahren Verantwortlichen für das Norwegen-Massaker".

Insel Utøya Norwegen | Bildquelle: dpa
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Auf Utöya erschoss Breivik junge Sozialdemokraten.

Allerdings widerspricht dies der in rechten Blogs oftmals vorgetragenen Behauptung, es handele sich bei Breivik um einen unpolitischen Verrückten, der  nichts mit der rechtspopulistischen Szene zu tun habe. Auf der rechten schwedischen Seite "Realisten" wurde Breivik zudem als verkappter Liberaler dargestellt, da er laut Medienberichten an einer Gay-Parade teilgenommen haben soll. Alles wird getan, um eine politische Nähe zum in Skandinavien erfolgreichen Rechtspopulismus zu leugnen - gleichzeitig soll Breiviks Tat als Beweis für die angeblich verzweifelte Lage in Europa missbraucht werden. Ein Widerspruch, der nicht aufgelöst werden kann.

Gewaltaufruf des "deutschen Fjordman"

Die Ansicht, Europa müsse gegen den Islam militant verteidigt werden, ist im rechtsradikalen Milieu keine Einzelmeinung. Der von PI-News als "deutscher Fjordman" gelobte Blogger Michael M. hatte im April 2011 einen Aufruf verbreitet, wonach die Bürger zu den Waffen greifen sollten. Auch M. bemühte eine Verschwörungstheorie, wonach Muslime "seit Jahrzehnten beharrlich und mit immer größerem Erfolg an der Übernahme unseres Kontinents" arbeiteten. Das zentrale Ziel des Islam sei die Weltherrschaft. Diesem Ziel sei das gesamte religiöse Leben des Islam untergeordnet. Zahlreiche Kommentatoren lobten den "mutigen" Aufruf zum bewaffneten Kampf, einige wollten direkt mitmachen.

M. war auch als Buchautor tätig. Er steuerte drei Kapitel zu einem Werk über Gewalt gegen Christen in islamischen Ländern bei. Das Vorwort zu dem Buch stammt aus prominenter Feder - von Karl Kardinal Lehmann. Auf Anfrage von tagesschau.de ließ Lehmann erklären, die Freigabe des Textes, der ursprünglich für eine Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung verfasst worden sei, sei ohne Kenntnis der übrigen Texte des Buches erfolgt.

Parallelen zum Antisemitismus?

Verschwörungstheorien über internationale Netzwerke, die angeblich die Weltherrschaft anstrebten, sind bislang vor allem aus dem Antisemitismus bekannt. Auf die Bedeutung dieser Legenden in der aktuellen Debatte verweist der norwegische Publizist Öyvind Strömmen. Diese Theorien würden bisweilen als harmlose Unterhaltung wahrgenommen, so Strömmen gegenüber dem norwegischen Rundfunk NRK, allerdings seien sie gefährlich, denn sie könnten zu politischer Gewalt führen. Breivik habe nicht als einsamer Wolf gehandelt, betont Strömmen. Jahrelang hätten Blogger wie Fjordman geschrieben, Europa werde vom "Fremden" besetzt - und dies werde von der norwegischen Regierung akzeptiert. Jahrelang seien Sozialdemokraten als Vaterlandsverräter gebrandmarkt worden - und so sei es eben keine Überraschung, dass Breivik den sozialdemokratischen Nachwuchs als Ziel gewählt habe.

Strömming beklagt in seinem Blog, die Kommentare von Breivik auf Document.no seien nicht das eigentlich Erschreckende. Schlimmer sei, dass sich die Kommentare des Attentäters kaum von denen in größeren Medien unterscheiden ließen.

Sarrazin der neue Treitschke?

Auch in Deutschland sei der Antiislamismus mittlerweile salonfähig, meint der Journalist Alan Posener, der für die konservative Zeitung "Die Welt" schreibt. Posener schreibt in dem Blog "Starke Meinungen", Thilo Sarrazin sei der Heinrich von Treitschke unserer Zeit. Treitschke hatte 1879 den Spruch "Die Juden sind unser Unglück" geprägt. "Bis dahin galt es einfach als unfein, Antisemit zu sein", so Posener. Inwieweit es Parallelen zwischen dem Ressentiment Antisemitismus und der neuen Islamfeindlichkeit in Europa gibt, ist derzeit Gegenstand erbitterter Debatten in Fachkreisen.

Rechtspopulistische Blogger wollen sich mit solchen Feinheiten nicht belasten. Polemiken gegen Muslime, die EU oder vermeintliche Linksextremisten prägen weiterhin die einschlägigen Blogs. Michael M. startete zudem Anfang August eine neue Serie: "Die Feinde Deutschlands" - wozu M. beispielsweise Grünen-Chefin Claudia Roth zählt. Auch die Krawalle in England sind ein großes Thema in der rechtspopulistischen Szene; die Schuldigen sind einmal mehr schnell ausgemacht: Die Ausschreitungen hingen mit dem Fastenmonat Ramadan zusammen, schuld seien zudem die "Verantwortlichen der political correctness".

Die Appelle an die Rechtspopulisten, nach dem Doppelanschlag in Norwegen zumindest über die schrille und aggressive Rhetorik nachzudenken, sind ungehört verhallt. Von Kritik wollen die rechtspopulistischen Islam-Kritiker nichts hören. Dabei sei aufgeklärte Kritik am Islam richtig, meint der norwegische Publizist Strömmen, man müsse menschenfeindliches Gedankengut thematisieren - egal von wo es komme.

*Nachname abgekürzt, um die Veröffentlichungen von M. nicht zu bewerben.

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