Schwieriger Neubeginn Wie der Ben-Ali-Clan Tunesien plünderte

Stand: 06.03.2011 18:06 Uhr

"Mafiaähnlich" nannten US-Diplomaten die Geschäftspraktiken von Tunesiens Ex-Präsident Ben Ali. Tatsächlich waren es zwei Familien, die das Land beherrschten: die von Ben Ali - und die seiner Ehefrau Leila Trabelsi. Nun versucht das beraubte Volk, das Ausmaß der Korruption aufzuarbeiten.

Marc Dugge, ARD-Hörfunkstudio Rabat, Marokko

Der Boden ist übersät mit Glasscherben, die Wände sind bedeckt von Ruß, im Swimmingpool schwimmt Schutt und Asche, der Geländewagen: ausgebrannt. Das sind die Überreste eines Anwesens der Präsidentenfamilie. Noch in der Nacht nach dem Sturz von Ben Ali war es geplündert und angezündet worden.

"Gemeinsam sind wir stark"

Kurz danach läuft der Anwohner Achmed durch die verkohlten Räume - und staunt: "Wir haben keine Angst mehr, denn gemeinsam sind wir stark", sagt er. "In der Zwischenzeit nutzen wir die Gelegenheit. Das hier zum Beispiel sind Schläuche für den Wasserboiler. Wir haben zu Hause kein warmes Wasser - guck mal, ich habe mein ganzes Werkzeug dabei."

Achmed grinst und zieht Schraubenschlüssel und Hammer hervor. Die Schläuche waren eine der letzten Sachen, die er noch ergattern konnte. Der Flachbildschirm und das feine Geschirr sind schon längst geraubt und verkauft. Wie Achmed haben auch andere Plünderer hier kein schlechtes Gewissen. Denn genau das habe die "Familie" ja auch gemacht, sagen sie.

Ben Ali und seine Frau Leila | Bildquelle: AFP
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Ben Ali und seine Frau Leila Trabelsi - hier bei einem Wahlkampfauftritt im Jahr 2009.

Jeder in Tunesien weiß, wer mit der "Familie" gemeint ist: Der Clan von Präsident Ben Ali und seiner Ehefrau Leila Trabelsi, einer gelernten Friseurin. "Die haben alles genommen, Grundstücke, Geschäfte - egal was", sagt Hassan, ein junger Tunesier, der in Deutschland gelebt hat. "Die haben alles genommen. Die sind Gangster, wirklich."

Ben-Ali-Clan operierte "mafiaähnlich"

Das Wort "mafiaähnlich" fiel auch in einer Depesche der US-Botschaft in Tunis aus dem Jahr 2008, die auf Wikileaks nachzulesen ist. Minutiös schildern die Diplomaten, wie der Ben-Ali-Clan die komplette Wirtschaft des Landes beherrscht, und wie Schlüsselpositionen mit getreuen Gefolgsleuten besetzt werden - oder gleich mit direkten Familienangehörigen.

Ein Beispiel: Belhassen Trabelsi, eines der zehn Geschwister von Leila Trabelsi. Ursprünglich war er Versicherungsvertreter. Als die Schwester den Präsidenten heiratete, stieg er innerhalb kürzester Zeit in Spitzenpositionen auf. Als Chef einer Holding herrschte Trabelsi über Fluglinien und Hotels, Zuckerraffinerien und Zementfabriken - und über die Bank von Tunesien.

Geldquellen hatte die Familie viele: Clanmitglieder bekamen etwa Exklusiv-Lizenzen, um ausländische Konsumgüter einzuführen. Wenn ein ausländisches Unternehmen in Tunesien investieren wollte, kam es an der Familie ebenfalls nicht vorbei: Saftige Vermittlungsgebühren waren an der Tagesordnung, teils in Millionenhöhe. Wer den Spielregeln nicht folgte, musste die Koffer packen.

"Einige Akten wurden schon vernichtet"

Alya Chérif Chammari versucht derzeit, sich ein Bild vom Ausmaß der Korruption zu machen. Sie ist Mitgründerin des Nationalen Antikorruptionsnetzwerks von Tunesien. Einige Akten seien schon vernichtet worden, sagt sie. Aber Quellen gebe es noch genug, gerade was lukrative Immobiliengeschäfte angeht: "Im Amtsblatt sind eine ganze Reihe von Enteignungen und Herabstufungen von staatlichen Grundstücken vermerkt. Dort werden auch Tarnfirmen genannt. Und Grundstücke, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört haben - bis ihnen die Familie diesen Status aberkannt hat, um sie zu erwerben."

Ganz klar: Wer Teil der Familie war, brauchte sich keine Sorgen zu machen, selbst dann, wenn das Geld mal nicht reichte. Denn an Kredite kam man leicht - ohne sich Sorgen machen zu müssen, das Geld der Bank auch wieder zurückzuzahlen. Einfache Tunesier hatten dagegen Probleme, überhaupt einen Kredit zu bekommen.

Die Gier des Trabelsi-Clans war grenzenlos - und ebenso die aufgestaute Wut der Tunesier. Doch als diese die Häuser der Familie niederbrannten, herrschte Anwohnern zufolge hier nicht rohe Gewalt, sondern Volksfeststimmung.

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