Der Flugzeugträger INS Vikrant
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Pistorius in Indien Besuch bei einer aufstrebenden Militärmacht

Stand: 06.06.2023 05:10 Uhr

Verteidigungsminister Pistorius besucht Indien. Ziel ist mehr Kooperation - auch in der Sicherheitspolitik. Denn der Machtanspruch der fünftgrößten Volkswirtschaft und Nuklearmacht wächst.

Von Mathias O'Mahony, ARD-Studio Neu-Delhi

Seit dem 14. April hat Indien China als bevölkerungsreichstes Land der Erde überholt und hält dieses Jahr die G20-Präsidentschaft. Als demokratischer Gegenpol zum autokratischen China ist Indien auch in den Fokus der EU und der USA gerückt.  

"Es geht darum, diese strategische Partnerschaft zu vertiefen", Boris Pistorius, Verteidigungsminister, zu seinem Besuch in Indien

Morgenmagazin, 06.06.2023 05:30 Uhr

Militärisch stark - jedoch hinter Nachbar China

Dies sei ein historischer Moment für Indien und er könne seinen Stolz kaum in Worte fassen, so äußerte sich Indiens Premierminister Narendra Modi Anfang September 2022.

Er hatte gerade den ersten vollständig in Indien produzierten Flugzeugträger "INS Vikrant" inspiziert. Ein klares Signal an die Weltgemeinschaft, dass Indien seinen Anspruch als Militärmacht untermauert. 

Ein MiG-29K-Flugzeug ist auf Indiens erstem einheimischen Flugzeugträger "INS Vikrant" zu sehen.

Ein MiG-29K-Flugzeug ist auf Indiens erstem einheimischen Flugzeugträger "INS Vikrant" zu sehen.

Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI hatte Indien 2022 mit 81,4 Milliarden US-Dollar weltweit den viertgrößten Wehretat. Kein Wunder, denn immerhin hat das Land mit 1,5 Millionen aktiven Soldaten und 2,5 Millionen Paramilitärs die zweitmeisten Soldaten im Dienst hinter China.

160 Nuklearsprengköpfe und weitere Aufrüstung

Indien rüstet weiter auf und plant nächstes Jahr sein zweites eigenständig gebautes Atom-U-Boot mit Nuklearwaffen an Bord in Dienst zu nehmen.   

Auch das indische Nuklearwaffenarsenal klingt zunächst beachtlich. 160 Nuklearsprengköpfe besitzt Indien, die bis zu 8000 Kilometer weit geschossen werden können. Dennoch: Während die Anzahl der indischen Nuklearwaffen gleichauf mit Erzfeind Pakistan liegt, hat China mehr als doppelt so viele Nuklearsprengköpfe mit höherer Reichweite. 

Enge Rüstungskooperation mit Russland

Indien sah sich zwar seit der Unabhängigkeit in 1947 als "blockfrei", hatte jedoch stets eine enge militärische Zusammenarbeit mit Russland und ist heutzutage der größte Abnehmer russischer Waffen.

Der US-Thinktank "Stimson Center" schätzt, dass etwa 85 Prozent der indischen Waffensysteme russischen oder noch sowjetischen Ursprungs seien. Insbesondere in Zeiten, in denen die USA Pakistan tatkräftig militärisch unterstützten, erwies sich Russland als verlässlicher Partner Indiens.

Versuch alternativer Kooperationen

In den letzten Jahren emanzipiert sich Indien zunehmend von der Abhängigkeit zu Russland und versucht, neben einer Intensivierung der eigenständigen Entwicklung von Militärgerät, die Rüstungskooperation mit anderen Ländern auszubauen.

Denn die russischen Waffensysteme brauchen regelmäßige Wartungen und Ersatzteile, was Indien weiter an Russland bindet. Dies wird von indischer Seite zunehmend kritisch gesehen, da es immer wieder Probleme mit den oft veralteten russischen Systemen gibt.

Insbesondere die noch von der Sowjetunion gelieferten Kampfjets sind anfällig für technische Fehler. Erst vor einem Monat stürzte wieder einmal ein indischer Mig-21 Kampfjet in Rajasthan ab und tötete dabei drei Menschen.

Grenzkonflikte mit Pakistan und China

Im Westen grenzt Indien an Pakistan und die beiden Bruderstaaten sind seit ihrer Trennung 1947 im Konflikt. Drei größere Kriege und der Kargil-Krieg wurden zwischen den beiden Nationen geführt. Insbesondere die Gebiete des ehemaligen Königreichs Kaschmir sind umkämpft.

Der Konflikt schwelt auch heute noch weiter. Eine Eskalation ist jederzeit möglich. Unter der Regierung Modi hat die indische Armee seit längerer Zeit wieder die "Line of Control", die faktische Grenze zwischen beiden Staaten, überquert, zweimal als Antwort auf pakistanische Aggressionen.

So hatte sich, kurz vor den letzten indischen Wahlen 2019, ein Selbstmordattentäter in Kaschmir in die Luft gesprengt und 40 indische Sicherheitskräfte getötet.

Indien fühlt sich von seinen Nachbarn Pakistan und China zunehmend umzingelt. Hierzu trägt auch der Bau des "China-Pakistan Economic Corridor" (CPEC) einer Handelsstraße zwischen Pakistan und China bei, die durch von Indien beanspruchte Gebiete führt.

Insgesamt gibt es drei größere Bereiche im Himalaya, darunter auch der indische Bundesstaat Arunachal Pradesh, die Indien und China für sich beanspruchen.

Immer wieder gewalttätige Auseinandersetzungen

Sowohl Indien als auch China haben in den letzten Jahren stark in Infrastruktur an der Grenze investiert. Während sich beide Länder zwar darauf verständigt hatten, keine Schusswaffen an der Grenze zu verwenden, nach den Kriegen von 1962 und 1967, kam es in letzter Zeit öfter zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Das blutigste Aufeinandertreffen der letzten Jahre passierte im Juni 2020, als im Galwan-Tal Soldaten mit Knüppel, Steinen und Fäusten mitten in der Nacht aufeinander losgingen.

20 indische Soldaten starben und Schätzungen gehen von bis zu 45 Toten auf Seiten Chinas aus. China hat dies jedoch stets dementiert.

Indien fühlt sich durch Chinas "neue Seidenstraße" bedroht

Der Einfluss Chinas nimmt aber auch in Indiens maritimer Nachbarschaft zu. Pakistan, Sri Lanka, Bangladesh und Myanmar haben mittlerweile einen chinesischen Hafen und umringen Indien.

Sowohl in der Wirtschaft als auch im Militär scheint China Indien um Jahrzehnte voraus. So gibt Peking mehr als dreimal so viel aus für sein Militär.

Um dem etwas entgegensetzen zu können, vertieft Indien seine Partnerschaften mit Staaten in der Indo-Pazifik-Region. Vermehrt sucht Premierminister Modi die Nähe der USA. Und auch der "quadrilaterale Sicherheitsdialog" (Quad) mit den USA, Japan und Australien soll helfen, ein Gegengewicht zu China im Indo-Pazifik zu bilden.

Deutschland und Indien - Partner im Indopazifik?

"Wir müssen unsere regelbasierte internationale Ordnung verteidigen, unabhängig davon, wo sie herausgefordert wird", erklärte Verteidigungsminister Pistorius im Shangri-La Sicherheitsdialog in Singapur. Die indische Regierung wird dies gerne hören, da sie sich schon seit längerem für eine regelbasierte Ordnung im Indopazifik einsetzt.

Ausbau militärischer Kooperation mit Indien ist ein Aspekt des Besuchs von Verteidigungsminister Pistorius in dem Land

Andreas Franz, ARD Neu-Delhi, tagesschau, 06.06.2023 12:00 Uhr

Nach dem Besuch der Fregatte "Bayern" 2022 kündigte Pistorius zudem an, dass im kommenden Jahr eine deutsche Fregatte und ein deutscher Versorger in den Indo-Pazifik fahren werden. Ob diese wachsende deutsche Präsenz China beeindruckt, bleibt jedoch fraglich.

Nach seinem Besuch in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi wird der Verteidigungsminister nach Mumbai weiterreisen. Dort geht es auch um die Interessen der deutschen Wirtschaft. Indien hat Interesse an sechs konventionellen U-Booten von thyssenkrupp Marine Systems bekundet. Zu diesem Geschäft in Höhe von im Wert von rund fünf Milliarden Euro könnte bei dieser Reise ein Vorvertrag abgeschlossen werden.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version hieß es, dass im kommenden Jahr zwei deutsche Fregatten in den Indo-Pazifik fahren werden. Tatsächlich sollen es eine Fregatte und ein Versorger sein.

Mehr zum Hintergrund dieser und anderer Korrekturen finden Sie hier: tagesschau.de/korrekturen
Oliver Neuroth, ARD Berlin, tagesschau, 05.06.2023 18:43 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete das Morgenmagazin im Ersten am 06 Juni 2023 um 05:30 Uhr.