Flüchtlinge im Camp Moria auf Lesbos | Bildquelle: AFP

Kostenlose Rechtsberatung Anwälte helfen freiwillig auf Lesbos

Stand: 25.03.2017 12:47 Uhr

Anwälte aus ganz Europa helfen ehrenamtlich Flüchtlingen auf der griechischen Insel Lesbos, viele während ihres Urlaubs. Sie helfen, Familien zusammenzuführen. Doch manchmal ist es zu spät, wenn Flüchtlinge unwissentlich Angaben weglassen.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Was brauchen Flüchtlinge auf den griechischen Inseln tatsächlich? Diese Frage stellen sich viele Rechtsanwälte in ganz Europa, die irgendwann während des langen Asylverfahrens von geflüchteten Menschen als Rechtsbeistand gefragt sind.

Manchmal sei es zu spät, sagt Cord Brügmann, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Anwalt-Vereins. Er berichtet vom Fall eines Irakers, der auf der griechischen Insel Lesbos wie viele andere Flüchtlinge vor seiner Anhörung zum Asylverfahren keine Rechtsberatung hatte - und der dann punkten wollte mit dem flammenden Bekenntnis, dass er ein hervorragender Lastwagenfahrer sei: "Was dieser Mann im Asylverfahren nicht gesagt hat, weil er schlicht nicht wußte, dass das relevant ist, ist, daß er als Christ im Irak verfolgt wurde und deswegen den Irak verlassen hat. Im späteren Verfahren konnte er das nicht mehr einbringen. Wenn er eine Erstberatung gehabt hätte, dann wäre ihm klar geworden, dass es hier in Europa an den Außengrenzen ein Asylverfahren gibt und dass er als verfolgter Christ eine ziemlich große Chance gehabt hätte, Asyl zu bekommen."

Rechtsberatung während der Urlaubszeit

Brügmann kämpft zusammen mit dem Vizepräsidenten des Deutschen Anwaltvereins, Wolfgang Ewer, für Rechtsberatung als Menschenrecht. Europa müsse lernen, so Ewer, dass nicht nur medizinische Erste Hilfe für die übers Mittelmeer geflüchteten Menschen wichtig ist: "Wir meinen, dass genauso wichtig ist und deswegen zur humanitären Mindestausstattung gehört, sich in solchen Notsituationen durch unabhängige Anwälte beraten lassen zu können. Eine solche Beratung können nur Anwältinnen und Anwälte leisten, weil nur sie gegenüber den jeweiligen Staaten unabhängig sind, die oft ganz andere Interessen verfolgen."

European Lawyers in Lesbos heißt die Organisation, die auf der griechischen Insel inzwischen sehr gut aufgestellt ist. Anwälte aus Amsterdam, Berlin, Mailand oder Stockholm opfern oft  mehrere Wochen Urlaubszeit, um im Flüchtlingscamp mit Rechtsberatung zu helfen.

Flüchtlingscamp in Moria auf Lesbos | Bildquelle: AFP
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Manchmal gelingt es den Anwälten, Familien zusammenzuführen, die auf der Flucht getrennt wurden.

Eine junge Anwältin aus Mailand sagt über ihre drei Wochen Freiwilligenzeit auf Lesbos, dass es unterm Strich ein schöner Erfolg sei: "Wir hatten gerade einige erfolgreiche Fälle grade. Zum Beispiel hatten wir eine Familie, die vor einem Jahr auf der Flucht von Eritrea getrennt wurde. Ein Teil war dann in Schweden. Der andere Teil ist noch hier. Wir haben jetzt erfahren, dass sie zusammengeführt werden können. Durch unsere Beratung hat das geklappt. Das sind wichtige Erfolge, die uns aufbauen. Denn jeden Tag im überfüllten Camp zu arbeiten, ist ziemlich schwierig."

Für die Rechte der Flüchtlinge

Mit-Initiator der ehrenamtlichen Rechtsberatung für Flüchtlinge auf Lesbos war neben dem deutschen Anwaltverein der Rat der Europäischen Anwaltschaften (CCBE). Deren Präsident Ruthven Gemmel schlüpfte bei seinem Frühjahrsbesuch auf Lesbos mit stolzer Miene in der Outdoorjacke, die ihn als Rechtsberater für Flüchtlinge im Camp auswies.

"Wir unterstützen die Idee, weil wir an die grundlegenden Freiheiten glauben, die jeder einzelne hat. Menschenrechte sollten respektiert werden. Das Dublin-Abkommen braucht Unterstützung, gerade in Sachen Familienzusammenführung. Wir wollen für mehr Menschenrechte kämpfen, die Situation der Flüchtlinge verbessern. Das ist es, was Anwälte tun sollten."

Viele unlösbare Probleme

Noch gibt es in Europa allerdings kein allgemein gültiges Anrecht auf Rechtsberatung für Flüchtlinge. Frustriert darüber, dass er in vielen Fällen eine Rückführung von Schutzsuchenden nicht vermeiden kann, ist Thomas Stöckel aber nicht. Er ist der jüngste Helfer der europäischen Anwälte in Lesbos. Stöckel leistet einen Teil seines Referendariats auf Lesbos ab. Das Asylrecht will er bald beruflich in Deutschland  ins Visier nehmen.

"Definitiv sind sehr viele Probleme da, die man nicht lösen kann. Wir müssen uns auf das beschränken, was wir tun können." Dazu zähle die Interview-Vorbereitung für die Flüchtlinge im Asylverfahren. Dies sei entscheidend dafür, ob man anerkannt werde oder nicht. "Aber man muss einfach akzeptieren, dass man als Anwalt hier auch seine Grenzen hat", sagt Stöckel.

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