Jimmy Chérizier
Porträt

Jimmy Chérizier Ein Warlord, der Haiti kontrollieren will

Stand: 15.03.2024 16:36 Uhr

Jimmy Chérizier, Spitzname "Barbecue", ist einer der mächtigsten Bandenchefs von Haiti. Er selbst gibt sich als Beschützer der armen Bevölkerung - dabei ist er für die Gewalteskalation mitverantwortlich.

Jimmy Chérizier gibt gerne Interviews, oft auch richtige Pressekonferenzen. Je nach Anlass trägt der Ex-Polizist dann wahlweise einen hellblauen Anzug oder - wie in diesen Tagen, wo er in Videos zu sehen ist, die in den sozialen Netzwerken zirkulieren - einen Tarnfarben-Kampfanzug mit kugelsicherer Weste, das Sturmgewehr geschultert. Im Interview mit dem Radiosender W aus Kolumbien sagt er: "Heute findet ein Kampf zur Befreiung des Landes statt. Ich bedaure die Toten. Menschenleben sind wertvoll. Aber es ist ein Kampf und es gibt nun mal Kollateralschäden."

Er gibt sich als Erlöser, als Robin Hood der Armen, der für Gerechtigkeit und gegen die korrupten Eliten kämpft - das allerdings mit brutaler Gewalt. Mehr als 300 Gruppierungen sollen in den Vierteln der Hauptstadt um ihre Vorherrschaft kämpfen, worunter vor allem die Menschen in den Armenvierteln leiden. Nach Angaben der Vereinten Nationen war der Januar mit mehr als 800 getöteten, entführten oder verletzten Zivilisten der schlimmste Monat seit mehr als zwei Jahren.

Mit seinem Zusammenschluss verschiedener Banden namens "G9 - Familie und Verbündete" ist Chérizier, alias Barbecue, einer der mächtigsten Gangleader im Land. Zuletzt hatte er sich mit weiteren Gruppen zusammengeschlossen. Er droht der anstehenden Polizeimission unter kenianischer Führung, die die Sicherheit im Land wieder herstellen soll.

"Leibwächter" im Teenageralter

Chérizier lebt in einem Viertel von Port-au-Prince namens "Delmas 6", wechselt aber immer wieder die Häuser, wie er sagt, aus Sicherheitsgründen. Wenn man ihn dort besucht und eine Runde dreht, hat er immer eine Entourage junger Männer um sich herum, die teils nicht älter als 14 Jahre alt zu sein scheinen - in abgeschnittenen zerschlissenen Shorts, in Socken und Badelatschen. Schlaksige Jungs und junge Männer, an denen schwere Gewehre runterbaumeln - Chérizier nennt sie seine Leibgarde. Er inszeniert sich für seine Besucher, zieht einen Stapel Dollarnoten aus der Hosentasche, zählt sie in die Hand eines Jungen: Er brauche Büchergeld für die Schule.

Jugendliche und sogar Kinder werden in Haiti von den Banden vereinnahmt. Sie haben kaum eine andere Wahl: viele haben ihre Eltern verloren, was sie zur leichten Beute für Zwangsrekrutierungen macht. Perspektiven gibt es für junge Menschen in Haiti nicht, es fehlt an Arbeitsplätzen.

Ein vermummter junger Mann - Leibwächter von Jimmy Chérizier.

Ein vermummter junger Mann - Leibwächter von Jimmy Chérizier.

Besser bewaffnet als Haitis Polizei

Nun ist der Kampf der Banden noch einmal viel brutaler geworden, die Gewalt eskaliert. Zuletzt haben sie Regierungsgebäude angegriffen und Gefängnisse attackiert: Tausende Insassen, darunter auch Bandenanführer, Vergewaltiger und Schwerkriminelle sind auf der Flucht.

Chérizier und seine Banden sind längst mächtiger und mit besseren Waffen ausgestattet als die haitianische Polizei. Es sind Waffen, die vor allem aus den USA nach Haiti geschmuggelt werden, kritisiert der Schriftsteller und politische Kommentator Michel Soucar: "Jeder weiß, woher die Waffen kommen. Seit 30 Jahren entwickeln sich diese Gangs, und das konnten sie nicht nur dank der Waffen und der Munition aus den Vereinigten Staaten, sondern sie konnten sich auch deshalb positionieren, weil sie Staatsgangs sind."

Chérizier wird selbst nachgesagt, dass er mit Präsident Jovenel Moise, der vor knapp drei Jahren ermordet wurde, enge Verbindungen hegte - etwa Geld dafür bekam, Demonstranten in einem Armenviertel zum Schweigen zu bringen. Eines der schwersten Massaker im Armenviertel La Saline in Port-au-Prince im Jahr 2018 mit Dutzenden Toten soll ebenfalls auf das Konto seiner Gang gehen, wie Menschenrechtsorganisationen dokumentieren.

Gangchef-Dasein lukrativer als Politik?

Jean Denis hat mit seinen Nachbarn eine Bürgerwehr gebildet, um sich gegen die Gangs zu wehren. Für ihn gibt es schlimmere Bandenchefs: Sollte es mit Chérizier Verhandlungen geben, könnte er ihn sich sogar als Präsidenten vorstellen, sagt er. Wenn er wirklich eine politische Figur werden sollte, dann würden die Menschen ihm verzeihen, ist Jean Denis überzeugt.

Eine Einschätzung, die sicherlich eine Mehrheit der Bevölkerung nicht teilt. Um der Bandengewalt zu entkommen, mussten bis Ende letzten Jahres insgesamt 314.000 Menschen ihr Zuhause verlassen.

Tatsächliche Ambitionen in den Präsidentenpalast einzuziehen habe er nicht, beteuert Jimmy Chérizier im Interview mit Radio W. Vermutlich ist es lukrativer weiter zu kidnappen, Transportwege zu blockieren und mit gestohlenem Benzin und dergleichen zu handeln.

Anne Demmer, ARD Mexiko-Stadt, tagesschau, 14.03.2024 23:00 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. März 2024 um 15:30 Uhr.