Bolsonaro und Lula gestikulieren in einer TV-Debatte vor der Präsidentschaftswahl in Brasilien
Weltspiegel

Wahl in Brasilien Die Angst vor dem Sieg der Anderen

Stand: 30.10.2022 05:10 Uhr

In Brasilien findet heute die Stichwahl ums Präsidentenamt statt. Gleich, welchen Kandidaten sie unterstützen: Viele fürchten danach autoritäre Verhältnisse. Die Gesellschaft ist polarisiert wie selten - bis in die Familien hinein.

Der Alltag von Pedro Lucas Almeida wird von militärischen Regeln bestimmt. Vormittags steht der Neunjährige in Uniform stramm beim Appell. Seine Schule wird von Militärs geführt, die auf Drill und Disziplin Wert legen. Am Nachmittag zieht sich Pedro Lucas seine eigene Uniform an und spielt Militärpolizist. Sein vierjähriger Bruder João Victor ist dann mit Eifer dabei.

"Still gestanden!", schreit Pedro. João nimmt sofort Haltung an und schlägt die Beine zusammen. Danach schreiten sie gebückt voran - die Waffe im Anschlag. Gangster-Jagd auf der heimischen Terrasse.

Vater Rafael Almeida filmt die Szene hochkant mit dem Handy, um sie später auf Instagram zu posten. Dort nennt sich Pedro "Kleiner Kriegshauptmann" und hat bereits mehr als 70.000 Follower. João - der "Kleine Kriegsunteroffizier" - kommt immerhin auf 35.000.

"Als mein Vater vor vier Jahren anfing, Bolsonaro zu unterstützen", erklärt Pedro, "habe ich ihn auf alle Demonstrationen mit dieser Uniform begleitet". Vater Rafael ist stolz auf seine beiden Söhne. "Mein Traum als Kind war es, Polizist zu werden. Das hat nicht geklappt. Das heißt aber nicht, dass ich meine Jungs jetzt zu diesem Hobby zwinge. Sie machen das aus freien Stücken."

Wahlkampf in Brasilien: Waffen-Fans gegen Diktatur-Opfer

Matthias Ebert, ARD Rio de Janeiro, Weltspiegel

Nach Bolsonaros Geschmack

Rafael Almeida hat bereits Dutzende Videos seiner beiden Schützlinge und ihren martialischen Auftritten auf Instagram veröffentlicht. Auf einem kann man ihnen zusehen, wie sie selbstbewusst vor Hunderten Bolsonaro-Anhängern sprechen.

Auf einem anderen sitzt Pedro am Steuer eines Spielzeugautos, das zu einem Militärjeep umgestaltet wurde und vor dem Präsidentenpalast auffährt. 2020 war das, mitten in der Pandemie, als in Brasilien Abstandsregeln galten. Pedro und sein Vater Rafael haben Bolsonaro im Protest gegen Corona-Maßnahmen unterstützt.

Als der Präsident den kleinen Hauptmann in der jubelnden Menge sah, holte er ihn zu sich nach oben und nahm ihn auf den Arm.

Ihre Unterstützung für Bolsonaro speise sich auch aus der Ablehnung gegenüber dessen linken Gegenkandidaten, Ex-Präsident Lula da Silva, erklärt Rafael. "Lula hat nichts mit christlichen Werten einer Familie wie unserer zu tun. Der ist sogar für die Abtreibung."

Machtfaktor Evangelikale

Für Aussagen wie diese haben die Anhänger des linken Lula da Silva nur Kopfschütteln übrig. Sie demonstrieren am Wochenende vor der Wahl am Copacabana-Strand von Rio de Janeiro. Lula habe sich gerade erst öffentlich gegen Abtreibung ausgesprochen. In einem Brief an Evangelikale hatte Lula fromme Wähler umgarnt und den aggressiven Bolsonaro-Wahlkampf in den evangelikalen Kirchen kritisiert.

Die Journalistin Monica Bonfim trägt ein rotes Shirt, auf dem ein Lula-Aufkleber prangt. Sie ist wütend über das tiefe Niveau dieses Wahlkampfes. "Viele Bolsonaro-Anhänger haben schlicht keine Ahnung, von was sie reden. Vor allem nicht, wenn es um die Zeit der Diktatur geht. Diese ganzen Fake-News sind wie eine Pest."

Neben Bonfim marschiert Cristina Capistrano. Die beiden Freundinnen teilen ein gemeinsames Schicksal: Ihre Familienangehörigen sind Opfer der Militärdiktatur in Brasilien. Zwischen 1964 und 1985 ließen die Generäle Regimegegner foltern und ermorden, schlossen den Kongress, schafften Wahlen ab und unterdrückten die Medien.

Capistrano selbst wurde mehrfach gefoltert, weil sie Teil einer Studentenbewegung war. Ihren Vater, einen kommunistischen Anführer, entführten die Militärs 1974. Erst Jahre später wurde bekannt, dass er im sogenannten Todeshaus von Petropolis ermordet wurde. "Sie zerstückelten seine Leiche, um sie besser verschwinden lassen zu können. Bis heute habe ich vom brasilianischen Staat keine offizielle Erklärung für seinen Tod erhalten."

Korruptionsvorwürfe überschatten Wahlkampf

Bonfim und Capistrano machen fast jeden Tag Straßen-Wahlkampf für Lula. Seine soziale Agenda sei der einzige Weg, Brasilien voranzubringen, sagen sie. Doch auf den Straßen sehen das nicht alle so. Immer wieder hören sie einen Vorwurf: Lula sei korrupt.

In der Tat war es in dessen früherer Regierungsallianz zu massiver Korruption und Bereicherung gekommen. Lula selbst konnte kein Vergehen nachgewiesen werden, doch seinem Bild als Politiker haben die Skandale geschadet. Das wird von Bolsonaro im Wahlkampf täglich ausgeschlachtet.  

Capistrano findet, das Thema Korruption werde vor der Stichwahl zu hoch gehängt. Denn Brasiliens politisches System mit einem Präsidenten ohne eigene Parlamentsmehrheit begünstige die Käuflichkeit von Abgeordneten zur Beschaffung von Mehrheiten.

Die Angst vor einem Sieg der Gegenseite

Egal, mit wem man spricht, alle haben Angst vor einem Wahlsieg der Gegenseite. Obwohl Rafael Almeida früher - im Jahr 2002 - Lula gewählt hatte, macht ihm dessen Politik mittlerweile Angst. "Mich besorgt diese neue Gender-Politik und auch, dass sich die Sicherheitslage verschlechtern könnte. Ich will nicht, dass Brasilien ein zweites Venezuela wird."

Bonfim befürchtet auch ein Abrutschen Brasiliens in venezolanische Zustände - aber unter Bolsonaro. Dessen autoritäre Züge ähnelten denen der Machthaber in Caracas. "Ich befürchte, dass Bolsonaro bei einer Niederlage genau das tun wird, was Trump getan hat. Irgendetwas ähnliches wie den Sturm aufs Kapitol."

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Weltspiegel - am Sonntag um 18:30 Uhr im Ersten.

Anne Herrberg, Anne Herrberg, ARD Rio de Janeiro, 30.10.2022 08:23 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete das Erste am 30. Oktober 2022 um 18:30 Uhr im "Weltspiegel".