Hintergrund

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan | Bildquelle: dpa

Kämpfe in Afghanistan Einsatz ohne politische Vision

Stand: 29.09.2015 16:54 Uhr

Eine komplizierte Lage, viele verfeindete Akteure - und keine klare politische Idee: In Afghanistan fließt weiter das Blut, vor allem das von Zivilisten. Die internationalen Truppen konnten keinen Frieden schaffen, weil das Militär die Aufgaben der Politik schultern sollte.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi, zzt. Kabul

Müssen wir uns die Schuldfrage stellen? Ja, wir müssen! Ich will versuchen zu erklären, warum: Die Taliban feiern ausgerechnet in Kundus den größten militärischen Erfolg seit dem Sturz ihres Regimes Ende 2001. Damit dürfte auch den letzten politischen Schönrednern in Berlin klar sein: Das deutsche Engagement hat Kundus keinen Frieden gebracht - trotz eines 13-jährigen, milliardenschweren Einsatzes, bei dem viele deutsche Soldaten ums Leben gekommen sind.

Doch es geht längst nicht nur um Kundus und um die Bundeswehr: Die NATO als Ganzes hat Afghanistan keinen Frieden gebracht. In der Spitze hatte das mächtige Bündnis mehr als 130.000 Soldaten in Afghanistan stationiert. Der Kampfeinsatz der NATO-Truppen endete im vergangenen Dezember. Doch in den meisten afghanischen Provinzen fließt weiter Blut - vor allem das von Zivilisten. Der Fall von Kundus jetzt muss also im großen afghanischen Kontext gesehen werden.

Kompliziert und komplex

Und der große afghanische Kontext war schon immer sehr international - Afghanistan war noch nie nur schwarz oder weiß. Oder Gut gegen Böse. Wie verwirrend kompliziert und komplex die Lage in Afghanistan ist, zeigt gerade der Fall Kundus: Durch die nordafghanische Provinz und ihre gleichnamige Hauptstadt ziehen sich wichtige Handels- und Schmuggelrouten. Über diese laufen vor allem Rauschgift und Waffenlieferungen.

Das spült Geld in die Kassen der Kämpfer. Sie gehören zu den Taliban, zu Al Kaida, einige bekennen sich zum "Islamischen Staat", oder sie gehören zu den Milizen der vielen lokalen Kriegsfürsten. Oder sie gehören zur Regierung. Fast alle haben Verbündete im Ausland: in Pakistan, im Iran, in Usbekistan, in Tadschikistan, in Russland, in arabischen Ländern, im Westen.

Von der Leyen stellt Abzug der Nato-Truppen infrage
tagesschau 20:00 Uhr, 29.09.2015, Arnd Henze, ARD Berlin

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Eine klare Vision fehlte

Die Zivilisten in Kundus haben also viele Feinde. Sie sind gefangen zwischen vielen unklaren Fronten. Und das ist exemplarisch für das ganze Land. Spulen wir das laufende Afghanistan-Drama mal zurück: Als die US-geführte Afghanistan-Intervention im Oktober 2001 begann, standen Rache und die Jagd auf Osama bin Laden im Mittelpunkt - nicht der Aufbau eines demokratischen Staates. Dem Militär wurden Aufgaben zugewiesen, für die die Politik keine Antworten hatte. Eine klare Vision mit klar formulierten, gemeinsamen politischen Zielen gab es nicht.

Regierungstruppen bei der Gegenoffensive in Kundus | Bildquelle: REUTERS
galerie

Regierungstruppen bei der Gegenoffensive in Kundus

Das rächt sich heute. Es rächt sich auch, dass die NATO Kriegsfürsten zu Partnern gemacht hat. Viele dieser mächtigen Kriegsfürsten sitzen heute an den Schaltstellen der Macht. Viele schwimmen im Geld, während ihre Milizen die Zivilbevölkerung terrorisieren. Auch in Kundus. Das macht es den Taliban so leicht, verlorenen Boden zurückzugewinnen.

Diplomatische Kraftanstrengung

Die Tür zuzuschlagen und die Afghanen alleine zu lassen wäre die einfachste Lösung. Aber diese Lösung wäre in meinen Augen ein moralisches Verbrechen. Auch wir in Deutschland stehen in der Verantwortung. Auch wir haben die neuen afghanischen Machtstrukturen mit geschaffen und bei der Bevölkerung große Hoffnung geweckt. Ist es ein Zufall, dass gerade jetzt so viele afghanische Flüchtlinge nach Deutschland wollen?

Was Afghanistan braucht ist eine ehrliche politische und diplomatische Kraftanstrengung, die es beim Einmarsch 2001 nicht gab. Und erst wenn man sich auf die politischen Ziele verständigt hat, kann die Frage beantwortet werden, wie lange die Bundeswehr noch in Afghanistan gebraucht wird. Stellen wir wieder das Militär vor die Politik, wiederholen wir unser politisches Versagen. 

Darstellung: