Vieh oder Obst unter Panelen - Wie "Agri-PV" Landwirtschaft und Solarparks verbindet

Di 28.11.23 | 14:35 Uhr | Von Fred Pilarski
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Agri-PV verbindet Solar mit Landwirtschaft
Audio: Antenne Brandenburg | 27.11.2023 | Fred Pilarski | Bild: rbb

Als Flächen für neue Solaranlagen sind in Brandenburg Äcker heiß begehrt. Bauern aber müssen sich dann entscheiden: Landwirtschaft oder Energieerzeugung? Sogenannte "Agri-PV" soll beides verbinden, indem die Böden unter den Modulen nutzbar bleiben. Von Fred Pilarski

Antenne Stammtisch

"Solarboom auf dem Acker - was macht das mit dem ländlichen Raum?" ist auch Thema beim Stammtisch von Antenne Brandenburg. Dort diskutieren Landwirte und Experten, Solarparkbetreiber und Kommunalpolitiker über die Nutzung von Agrarflächen für die Energiegewinnung am 28.11.2023, 18 Uhr, im Gasthaus Wagner, Hauptstraße 67, 15328 Golzow

Diese Gäste diskutieren: Prof. Klaus Müller (Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung), Hendrik Wendorff (Präsident Landesbauernverband), Frank Schütz (Bürgermeister Golzow), Werner Mielenz (Bürgermeister Neutrebbin), Jörg Uebel (Solarpark-Betreiber), Carlo Horn (Biolandwirt aus Kagel).

In der Versuchsanlage der Firma Sunfarming in Rathenow (Havelland) experimentieren Landwirte seit 2022 daran, wie Tierhaltung oder Gemüsebau unter Solarpanelen funktionieren könnten. Agri-Photovoltaik (Agri-PV) heißt das Konzept, bei dem Landwirtschaft unter Solarzellen möglich bleiben soll.

Bei den Agri-PV-Anlagen sind die Panele - im Vergleich zu herkömmlichen Freiflächen-Solaranlagen - in der Regel höher montiert. So lassen sich darunter weiter Agrarprodukte ernten - und zugleich oben der Strom. Im vergangenen Sommer kam sogar Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) nach Rathenow und lobte das Konzept angesichts der Konkurrenz um freie Flächen.

Windanfällig und zu niedrig für Traktoren?

Tatsächlich ist der Anteil von Agri-PV in Brandenburg aber verschwindend gering. Stattdessen dominieren die herkömmlichen Freiflächenanlagen mit flächendeckenden Modulen, wie beispielsweise in Wichmannsdorf in der Gemeinde Boitzenburger Land (Uckermark). Dort betreibt Unternehmer Dietrich Twietmeyer einen 170 Hektar großen Solarpark. Bei den Agri-PV-Anlagen sieht er verschiedene Nachteile: "Die stehen auf ganz dünnen Stützen. Wenn ich das jetzt zehn Meter hoch mache, können Sie sich vorstellen, was da für eine Windlast draufliegt? Dann müssen die Stützen dicker und einbetoniert werden, damit das nicht wegfliegt", sagt Twietmeyer.

Nachteile sieht auch der Land- und Energiewirt Jörg Uebel aus Neutrebbin (Märkisch-Oderland). Er hat im Oderbruch bereits mehrere Solarparks aufgebaut. Uebel führt an, dass vor allem mit herkömmlichen Traktoren das Wirtschaften und Manövrieren unter den Solarstelzen kaum möglich ist. "Da wir hier im Oderbruch ja überwiegend große landwirtschaftliche Betriebe haben, haben wir dementsprechend auch große Technik", beschreibt Uebel die Situation. "Und von den Kosten und Stromerlösen her lässt sich das einfach nicht rechnen."

Energie- und landwirtschaftliche Erträge jeweils niedriger

Der Agrarökonom Jonas Böhm vom Thünen-Institut für Betriebswirtschaft in Braunschweig kann diese Beobachtungen bestätigen. Er hält Agri-PV für ein "hochspannendes Konzept"; es sei sinnvoll, dass landwirtschaftliche Nutzfläche erhalten bleibe, sagt Böhm. Nach seiner Einschätzung steht Agri-PV aber noch ganz am Anfang. "Bislang haben wir etwa 30 Anlagen in ganz Deutschland, die meisten sind Versuchs- und Pilotanlagen", so Böhm.

Dass sich Agri-PV bislang nicht durchgesetzt habe, läge zum einen an den höheren Kosten. "Die Flächen-Energieerträge sind in Freiflächenanlagen deutlich höher", sagt Böhm. Zum anderen gebe es in aller Regel einen Ertragsrückgang, wenn es zur Verschattung durch die Module kommt. Eine Ausnahme seien Sonderkulturen wie Himbeeren. "Da ist die Wirtschaftlichkeit sehr hoch. Aber da wir nur sehr wenig Himbeeranbau haben, ist das nur als Nischenlösung zu bezeichnen", sagt Jonas Böhm.

Module könnten Wasserverbrauch senken

Sein Kollege Klaus Müller, Professor für Agrarökonomie am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg, sieht jedoch großes Potenzial in der Kombi-Wirtschaft.

So würden beispielsweise aus Apfelgärten in Süddeutschland erfolgreiche Versuche gemeldet, berichtet Müller. Die halbtransparenten Module sorgten demnach für ausreichend Licht, senken aber die Verdunstung und den Bewässerungsbedarf. "Wenn man die Situation mit dem Bodensee vergleicht, wo wir sehr hohe Niederschläge haben, wird der Vorteil der Verdunstungsreduzierung bei uns in Nordostdeutschland noch viel deutlicher."

Klappbare Panele in Schönefeld geplant

Auch für das Problem, dass landwirtschaftliche Maschinen zwischen den Modulen genutzt werden können, gibt es erste Idee. So gibt es inzwischen bewegliche Solarmodule, die je nach Sonnenstand bewegt werden. Wenn ein Traktor kommt, können die Solarflächen dann zur Seite geklappt werden. Einer der größten derartigen Agri-PV-Parks in Deutschland mit 46 MW Leistung soll bis 2025 in Schönefeld (Dahme-Spreewald) entstehen.

Agri-PV verbindet Solar mit LandwirtschaftEntwurf für Agri-PV mit klappbaren Modulen; Grafik: Elysium Solar GmbH

Agri-PV könnte zum Beispiel auch helfen, den Kampf um die knappen Pachtflächen zu entschärfen, sagt Müller. "Bei Agri-PV könnte der Landwirt auf 85 oder 90 Prozent der Fläche weiter als Pächter aktiv sein." Forschungsergebnisse würden zudem zeigen, dass es eine höhere Akzeptanz für Solaranlagen in der Bevölkerung gebe, wenn die Flächen auch weiterhin landwirtschaftlich genutzt werden. Das sei von nicht zu unterschätzender Bedeutung: "Akzeptanz ist der Engpass-Faktor der Energiewende", so Klaus Müller.

"Die Flächen sind zu knapp, um sie nur monofunktional zu nutzen", betont Müller. Das erkennen offenbar auch Projektierer und Investoren wie beispielsweise Bastian Fiedler, Prokurist beim Aachener Solarpark-Projektierer Trianel, der im Auftrag überwiegend westdeutscher Stadtwerke in Brandenburg bereits 20 Solarparks realisiert hat. Fiedler sieht angesichts der Ausbauziele von deutschlandweit 300 Gigawatt, "dass der Wettbewerb um Flächen in den nächsten fünf bis zehn Jahren noch einmal deutlich stärker wird". Gerade beim Thema Agri-PV sehe er eine sinnvolle Variante, solche Flächen zu entwickeln, die bislang nicht für Freiflächenanlagen zur Verfügung stehen. "Wir freuen uns auf das Thema - und sondieren den Markt."

Ob auf einer Fläche künftig Agri-PV-Anlagen oder herkömmliche Solarparks entstehen dürfen, kann in den meisten Fällen die Gemeinde entscheiden. Ausnahmen sind Flächen, die durch das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) privilegiert sind: Auf 500 Meter breiten Streifen entlang zweigleisiger Bahntrassen und Autobahnen sollen deutlich schnellere Baugenehmigungen möglich sein. Die Kommunen haben dort nur wenige Eingriffsrechte. In anderen Fällen müssen die Gemeindevertreter abwägen, ob Agri-PV für die jeweilige Fläche und Kultur geeignet ist.

Sendung: rbb24 Brandenbug aktuell, 27.11.2023, 19:30 Uhr

Beitrag von Fred Pilarski

8 Kommentare

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  1. 7.

    Die tiefen PV-Anlagen blockieren die mögliche ökologische Nutzung der Böden! Deutschland muss beides schaffen, ökologisch positive Nutzung aller (!!!) guten Böden plus Energiewirtschaft über diesen Böden. Und nochmal, keine riesigen Flächen weder für die Landwirtschaft noch für PV-Anlagen, beides ist schädlich für die Umwelt, plus kleinere Flächen mit Hecken umpflanzen plus regelmäßige Fruchtfolgen plus natürliche Randstreifen. Die Landwirtschaft darf nicht von „Heuschrecken“ gesteuert werden.

  2. 6.

    Auf vielen Tagebaubrachen ist doch PV installiert. Es gibt aber auch viele Gebiete, die schlicht unsicher sind, weswegen es auch einige Betretungsverbote gibt.

    Die Seen gibt es schlicht wegen Volumenmangel. Diese Massen an organischem Material die man verbrannt hat gibt es einfach nicht mehr. An der Ostsee (und vielen weiteren Planungen zu Restlochseen) ist das problematische, dass der Betreiber eigentlich das Zeug (die Erdmasse) so rumliegen lassen will, wie diese eben nach dem Betrieb liegt. An der Ostsee ist die Fläche und die geringe Tiefe das Problem. Man hätte die Fläche einfach deutlich verkleinern können (locker auf 1/4), wenn man als Betreiber gezwungen worden wäre Erdmassen nochmal zu bewegen. So hat man bis auf die Randschläuche größtenteils gerade einmal 2,5 m Wassertiefe, das ist schlicht irre...

  3. 5.

    Am besten sind immer noch die, die glauben mit PV würde Boden zusätzlich versiegelt. Habe noch keinen gesehen, der die Fläche unter der PV betoniert...

    Auch entsprechende Auflagen zum Bodenschutz gibt es seit Jahren. Normalerweise muss das Bodenprofil weitestgehend erhalten bleiben.

    Jeder ausgetrocknete Maisacker oder abgeerntete Acker hat eine schlechtere Wasseraufnahmefähigkeit.

  4. 4.

    Ja, da wundert es einen schon das das jetzt erst jemandem einfällt. Der normale Bürger redet schon lange davon das Solar z.B. auf ehemaligen Tagebaubrachen stellen könnte, anstatt den X-ten See zu " renaturieren" für den es gar kein Wasser gibt ( s. Ostsee) im trockenen heißen Brsndenburg oder auf den LKW Parkplätze an Autobahnen wo die Armen LKW - Fahrer im Sommer in der prallen Sonbe stehen müssen, da würden da vielleicht auch weniger Klimaanlagen laufen, was jawohl auch besser für die Umwelt wäre. Und ja natürlich auf Felder, aber so das sie darunter weiter genutzt werden. Im übrigen gibt es da noch x Möglichkeiten...

  5. 3.

    Leider sind auch bei diesem sehr guten Ansatz, höhere Paneele, darunter Landwirtschaft, die Bedenkenträger nicht zu neuem Denken fähig! Unter den Paneelen ist es schattig super für Tiere, Pflanzen und Boden weil weniger Hitze und weniger Austrocknen. „Große Flächen erfordern große Maschinen“-falsch! Flächen verkleinern, Hecken einziehen, nutzt dem Boden genau wie den Insekten und man nutzt kleinere Traktoren! Umdenken ist gefordert!

  6. 2.

    Agri-PV weltweit in Zahl: 2012: 5 MWp, 2018: 2,9 GWp, 2020: 14 GWp ) Staatlichen Förderprogrammen gibt es u.a. in Japan (seit 2013), China (ca. 2014), Frankreich (seit 2017), den USA (seit 2018) und zuletzt Korea. (Quelle: Fraunhofer ISE) Die Hofgemeinschaft Heggelbach straft diejenigen Lügen, die glauben, mit ihren Schleppern und Mähdreschern nicht unter PV-Anlagen fahren zu können we auch die BayWa Lösungen gefunden hat.

  7. 1.

    Ich wundere mich (schon in den 90ern) immer über die Ignoranz der Südländer, dass die kein Solar in großer Menge verwenden, so wie im Beitrag beschrieben. Dann könnten die sich aber Millionen Tonnen an Plastik sparen. Auch die Riesen Parkplätze könnten wunderbar mit Solarpaneelen bedacht werden. Es gibt so viele Möglichkeiten, man muss nur machen

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