Interview | Waldforscher Pierre Ibisch - "Wenn Flächen in Ruhe gelassen werden, stellen sich oft von selbst Bäume ein"

So 03.03.24 | 08:04 Uhr
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Ein Mensch wandert am 28. Januar 2024 durch die Wiesenlandschaft am Upstallfliess am Hellsee bei Lanke in Brandenburg.(Quelle:imago images/Krauthöfer)
Bild: imago images/Krauthöfer

Angesicht zunehmender Trockenheit und Waldbrände soll der Wald in Brandenburg zum klimaresistenten Mischwald umgebaut werden. Aber wie funktioniert das: Waldumbau? Waldforscher Pierre Ibisch plädiert dafür, die Wälder öfter sich selbst zu überlassen.

rbb: Herr Ibisch, wenn wir über den Wald in Brandenburg sprechen, welche Flächen meinen wir damit genau?

Ibisch: Wir sprechen über etwa ein Drittel der Landesfläche von Brandenburg, die gesetzlich als Wald definiert ist. Diese Fläche besteht größtenteils aus bewirtschafteten Wäldern, die vom Menschen stark geprägt und hauptsächlich auf die Holzproduktion ausgerichtet sind. Tatsächlich machen diese bewirtschafteten Wälder etwa 70 Prozent der Waldfläche in Brandenburg aus, und sie sind stark von Kiefern dominiert.

Zur Person

Prof. Pierre Ibisch; Waldökologe; Bild: rbb
rbb

Pierre Ibisch ist Biologe und Professor für "Nature Conservation" an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde.

Er beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Wäldern, deren Entwicklung, Funktionen und Ökosystemleistungen sowie ihrem Schutz und Erhalt. Ibisch ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Umweltstiftung.

Man könnte fast von Baumäckern sprechen …

Ja, wenn man sich die Wälder genauer ansieht, sieht man oft gepflügte Furchen im Boden und Bäume, die in Reih‘ und Glied gepflanzt wurden. Das sieht dann aus wie auf einem Maisfeld. Diese intensive Waldbewirtschaftung ist allerdings weder für den Boden, noch für den Wald, noch für uns gesund.

Seit Jahren wird von Umweltschützer:innen und mittlerweile auch von der Brandenburger Politik ein Umbau des Waldes angemahnt, um ihn widerstandsfähiger gegen Trockenheit und Schädlinge zu machen. Wie ziehen die privaten Waldbesitzer mit?

Einige Waldeigentümer zögern, in die Waldentwicklung zu investieren. Sie hoffen, dass es doch noch eine Weile so weitergeht und nach einer Dürreperiode auch der Regen zurückkommen wird. Zudem könnte der Blick auf den Holzmarkt, der eine hohe Nachfrage nach Nadelholz zeigt, sie davon abhalten, von den Nadelbäumen abzuweichen.

Doch diese Haltung birgt potenziell große Risiken, denn die Gefahren durch Hitze, Trockenheit, Schädlingsbefall und Brände nehmen rapide zu.

In den Mittelgebirgen sind beispielsweise ganze Fichtenwälder praktisch über Nacht zusammengebrochen. Das macht deutlich, dass Geschäftsmodelle schnell zerstört werden können. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, rasch Maßnahmen zur Waldentwicklung zu ergreifen.

Welche Baumarten sollten wir verstärkt anbauen, um dem Klimawandel Rechnung zu tragen?

Ich würde gerne nicht mehr davon sprechen, Bäume anzubauen. Vielmehr müssen wir einen grundlegenden Wandel in unserem Denken vollziehen. Wir müssen den Wald als sich entwickelndes Ökosystem betrachten, das sich an immer schwierigere Wachstumsbedingungen und zunehmende Extreme anpassen muss.

Wir sollten bedenken, dass sich diese komplexen Ökosysteme erstaunlich gut selbst organisieren können. Der Wald umfasst Mikroorganismen und Pilze im Boden, die sich mit den Bäumen verbinden und ihnen bei der Nährstoff- und Wasseraufnahme helfen. Es gibt verschiedene Funktionen von Ökosystemen, die gestärkt werden müssen, und das lässt sich nicht einfach durch das Anpflanzen von Bäumen erreichen. Ein Wald funktioniert nicht wie eine Maschine, bei der man ein defektes Teil austauschen kann. Besonders in der Klimakrise ist das deutlich.

Wenn Flächen einfach in Ruhe gelassen werden, stellen sich oft von selbst Bäume ein, die an den richtigen Stellen wachsen, wo es am besten an Wasser geht. Diesen Prozess können wir unterstützen, müssen aber darauf achten, dass die jungen Bäume nicht von Wildtieren gefressen werden.

Letzten Sommer und bis in das frühe Frühjahr hinein gab es viel Regen. Hat das für Entspannung gesorgt?

Der Regen hat sicherlich geholfen, vor allem Laubwälder haben positiv reagiert. Aber auf den weit verbreiteten tiefgründigen Sandböden in Brandenburg kann das Wasser schnell versickern. Wenn wir also erneut ein trockenes Jahr haben sollten, könnten wir schnell wieder in Schwierigkeiten geraten. Grundsätzlich steigt mit den Temperaturen auch das Waldbrandrisiko vor allem in den Nadelbaumforsten.

Welche Rolle spielen in Brandenburg angesichts der hohen Waldbrandgefahr eigentlich Löschflugzeuge?

Dieses Thema wird auch europaweit diskutiert. Es zeigt sich aber immer wieder, etwa aus den Waldbrandländern im Mittelmeerraum wie Portugal und Spanien, dass Flugzeuge gar nicht das entscheidende Thema sind.

Am wichtigsten ist die Waldbrandprävention. Wir müssen die Wälder und Forste so entwickeln, dass es gar nicht erst zum Großbrand kommt, denn es zeigt sich: Wenn es brennt, wird es ganz, ganz schwierig. Und ob sie dann zwei oder drei Flugzeuge mehr haben, ist nicht entscheidend.

Wie gehen andere Regionen mit den Erhebungen zum Zustand des Waldes um? Läuft man da einfach durch den Wald, schaut nach oben und führt Strichlisten?

Konventionell gehen Menschen im Wald zu Stichprobenpunkten, von denen es gar nicht so viele gibt, die kilometerweit auseinander liegen, und beobachten dann die Bäume und schätzen den Belaubungsgrad ein. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Ich war erfreut zu sehen, dass der brandenburgische Waldzustandsbericht erstmals auch Daten von Satellitenbildern nutzte.

Diese Bilder ermöglichen es, abzuschätzen, wie die Temperatur auf der Erde und wie grün der Wald ist. Man kann so auch den Chlorophyllgehalt messen und damit die Vitalität des Waldes bestimmen.

Es ist dringend geboten, ein systematisches, fernerkundungsbasiertes Ökosystem-Monitoring einzurichten. Die Daten stehen in großer Zahl zur Verfügung, man muss sie nur nutzen. Dafür gehlt noch ein wenig das Bewusstsein in den Ministerien. Ich wünsche mir auch, dass dies im neuen Bundeswaldgesetz vorgeschrieben wird, um den Fortschritt in Richtung Digitalisierung zu unterstützen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Frank Schröder. Bei der vorliegenden Version handelt es sich um eine redigierte und gekürzte Fassung.

Sendung: Antenne Brandenburg, Das Gespräch, 27.02.2024, 20:05 Uhr

18 Kommentare

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  1. 18.

    Das stimmt, denn eine notwendige Bedingung für Urwälder, also ein vollbesetztes Waldbiotop, ist quasi die dauerhafte Abwesenheit sämtlicher menschlicher Eingriffsaktivitäten, wie Jagd, Forstwirtschaft und Infrastruktur.
    Selbst uralte Buchenwälder wie der Hainich oder Jasmund zählen schon lange nicht mehr zu den Urwäldern.
    Tatsächlich sollen es vereinzelt nur wenige Hektar in Deutschland sein.
    Man macht sich diesen Wahnsinn überhaupt nicht klar, weil noch ein Drittel der Fläche in Deutschland bewaldet ist und damit sprachlich positiv besetzt klingt.

  2. 17.

    Einfach mal Peter Wohlleben lesen. Der Baumflüsterer erklärt auf einfache Art und Weise, für jedermann verständlich. Das Waldverständnis wächst mit seinen Erklärungen. Nein, das ist keine Werbung.

  3. 16.

    Einfach mal Peter Wohlleben lesen. Der Baumflüsterer erklärt auf einfache Art und Weise, für jedermann verständlich. Das Waldverständnis wächst mit seinen Erklärungen. Nein, das ist keine Werbung.

  4. 14.

    Ach wirklich, Wetter Umwelt und Klima sind nicht vom Menschen abhängig, Captain obvious, nur die Grünen checkens noch nicht.

  5. 13.

    Jungbäume, heranwachsene Trieblinge werden von Waldtiere angeknabbert, abgefressen -stimmt!
    Dabei vergisst man den Wald- Spaziergänger, die stundenlang kreuz und quer durch den Wald laufen wegen ein paar handvoll Pilze. Sie zertreten einiges, was hoch gewachsen wäre.
    Zum Waldschutz damit Schatten entstehen kann, gehört mal Abschnittsweise ein Besucherverbot.
    Der Mensch muss nicht überall seinen Fußabdruck hinterlassen. Dafür gibt es Waldwege für Walker und Biker.

  6. 12.

    Die wirkliche Frage ist, wollen wir solche Flächen für immer mehr Zuziehende opfern und bebauen oder lassen wir die Flächen in Ruhe? Tempelhof wäre ein gutes Testgelände, wenn man es sich einfach selbst überließe. Wie sähe es da in 20 Jahren aus?
    Ich würde 3 oder 4 Windräder aufstellen (mit Mobilfunkantennen), 2 oder 3 Seen anlegen (am Rand vielleicht ein Freibad) und den Rest der Natur überlassen. Lets go.

  7. 11.

    Das kann ich absolut bestätigen. Ich habe Ausblick auf den ehemaligen Rangierbahnhof Pankow, wo seit Jahrzehnten die Politik (RRG) dem Bauherren mit Auflagen und Forderungen nach Leistungen, die eigentlich dem Senat obliegen, daran hindert ca 2.000 neue Wohnungen zu bauen. Dort stehen nach mehreren Abholzungen bereits wieder ca 5m hohe Bäume. Nein Bäume?! Ein gestandener Mischwald ! Das geht rasant schnell, wenn der Mensch sich nicht einmischt.
    Nun gut, da hat die Politik mit Hausfriedensbruch Laichteiche ausgehoben, damit sich auch ja seltene Kröten ansiedeln. Man munkelt, die Kröten wurden gleich mitgebracht. Denn wie diese da hin kommen, ist das Gelände doch mit viel befahrenen Straßen umgeben, Autobahn, zum Teil eingemauert, stimmt nachdenklich.

  8. 10.

    Danke Conny! Das läßt hoffen. Wir müssen behutsamer mit der uns gegebenen Natur umgehen. Und ab heute bitte keine Hecken mehr schneiden, der Vögel usw. zu Liebe!

  9. 9.

    Ja. Leider. Ich bin froh, ganz andere Wald"besitzer" zu kennen..., es gibt sie noch.

  10. 8.

    Bei uns im Gebiet gibt es einige private Waldbesitzer, die völlig hemmungslos im letzten Jahr und jetzt schon wieder Kahlschlag betrieben haben. rechts und links der Wege stapeln sich auf vielen Kilometern die Baumleichen und es sind die wenigsten davon krank. Geht es denen ums Geld oder was?

  11. 7.

    Einspruch! 1. Hat die Welt nicht die ganze Zeit ohne aktivistische Waldumbauer überlebt! In DE gibt es keinen einzigen Urwald. Alle Wälder gehören seit Jahrhunderten zur Kuturlandschaft - von Menschen angelegt, beeinflusst, genutzt.
    2. Was der Mensch entgegen dem natürlichen Ökosystem Wald umgestaltet und kaputt gemacht hat, ist nur durch aktives Handeln rückgängig zu machen. Gerade wegen der wachsenden Waldbrandgefahr, bleibt keine Zeit, auf natürliche Renaturierung zu warten.

  12. 6.

    Es gibt kein Unkraut oder Unkrautbaum in der Natur. Sie reden wahrscheinlich von Pionier- und Klimaxbaumarten.
    Mit den Pionierbaumarten erschließt die Natur Waldgebiete. Die Klimaxbaumarten entstehen erst in der natürlichen Entwicklungsphase des Waldes.
    Die einzige Frage dreht sich eigentlich um das verbleibende Zeitfenster, also die Frage, verstehen wir wirklich genug von den biologischen Gesamtprozessen, sodass wir den gewollten Prozess wirklich beschleunigen können oder nicht?

  13. 5.

    Wie die Welt nur die ganze Zeit ohne aktivistische Waldimbauer überlebt hat… Der Wald schafft das ganz alleine, wenn man ihn lässt. Übrigens ist auch die Kiefer sehr gut darin, freie Flächen zu besiedeln - auch in den trockenen letzten Jahren.

  14. 4.

    Birken und Akazien und Sträucher sind die ersten, die einen Wald besiedeln, um den Boden zu verbessern. Dann kommen starken Eichen, Buchen, Ahorn, die auch im Schatten der erstgenannten Bäume wachsen. Die Helfer dafür sind unter anderem Eichhörnchen, Eichelhäher, Mäuse zum verteilen der Früchte, Wildschweine für die Böden und so weiter. Aber das dauert.....

  15. 3.

    Nein. "Unkrautbäume" gibt es nicht. Fand den Artikel interessant. Ja, denke auch, dass sich die Natur und der Wald gut selbst organisieren kann. Sieht man sehr häufig in weitgehend unberührter Natur in BRB. Hier wachsen Pflanzen, die man sonst kaum noch sieht. Außer, wenn Menschen Ihre Gartenabfälle dort abkippen.

  16. 2.

    Dem stimme ich absolut zu! Die Natur hilft sich selbst, wenn man sie lässt!

  17. 1.

    Wenn man den Wald sich selbst überlässt, wachsen nur Unkrautbäume wie Birke und Akazie von alleine nach. Das sieht dann zwar schön grün aus, ist aber kein Wald mehr.

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