Gemeindebeschluss - Michendorf verbietet AfD Nutzung von Veranstaltungsräumen

Mi 18.10.23 | 17:50 Uhr | Von Lisa Steger
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Symbolbild: Fähnchen mit dem Logo der AfD liegen auf einem Tisch. (Quelle: dpa/D. Karmann)
Audio: Antenne Brandenburg | 18.10.2023 | Lisa Steger | Bild: dpa/D. Karmann

Wer darf kommunale Räume nutzen, um dort Veranstaltungen abzuhalten? In Michendorf gilt das nicht für Organisationen, die sich "gegen die demokratische Grundordnung richten". Die AfD gehört laut Gemeindebeschluss dazu. Von Lisa Steger

Die Wellen schlagen hoch in Michendorf im Kreis Potsdam-Mittelmark. So hoch, dass am Montagabend mehr als hundert Menschen gegen einen Beschluss der Gemeindevertreter vor dem Gemeindezentrum demonstrierten, während sich auf der anderen Seite rund dreißig Demonstranten versammelt hatten, um auszudrücken, dass sie die Entscheidung unterstützen.

Der Beschluss, um den es geht, datiert vom 25. September. Er liegt dem rbb vor. "Die Gemeindevertretung der Gemeinde Michendorf lehnt jegliches Handeln ab, das sich gegen unsere freiheitlich demokratische Grundordnung richtet, verfassungsfeindlich, extremistisch, nationalistisch, fremdenfeindlich, antisemitisch und/ oder rassistisch ist", steht dort. "Dies gilt insbesondere, wenn hierfür öffentlich zugängliche Räume der Gemeinde genutzt werden." Und weiter: "Michendorf steht für Freiheit, Demokratie und die Einheit Europas."

Keine kommunalen Räume mehr bekommen sollen demnach Organisationen oder Personen, die als "gesichert extremistisch" betrachtet werden oder als "Verdachtsfall". Letzteres ist bei der AfD Brandenburg der Fall. Seit 2020 stuft der Verfassungsschutz sie als rechtsextremistischen Verdachtsfall ein. Die Partei hält diese Einschätzung für falsch.

Vorstoß kommt von Bürgermeisterin

Bürgermeisterin Claudia Nowka vom Bündnis für Michendorf hat den Beschluss eingebracht. Grund dafür seien Bürgerbeschwerden gewesen, sagt die studierte Juristin. Die AfD habe bei Veranstaltungen von Überfremdung gesprochen und verbreitet, in den Schulen sei es gefährlich, so Nowka. "Es wurde Angst geschürt vor dem, was da in den Schulen angeblich los ist", sagt sie dem rbb auf Anfrage. "Ich war nicht dabei, aber mehrere Teilnehmer haben es unabhängig voneinander berichtet."

Vor dem Mikrofon äußern will sich Claudia Nowka vorerst nicht. Aus Angst, wie sie sagt. Nicht vor den AfD-Gemeindevertretern, aber vor einigen ihrer Anhänger. Die Bürgermeisterin betont, dass diese Entscheidung der Gemeindevertretung auch für sogenannte "Reichsbürger" oder Hamas-Anhänger gelten würde, wenn sie sich melden würden.

Michendorfer uneins über Beschluss

In Michendorf hat sich die Nachricht schon herumgesprochen. Die Meinungen gehen auseinander. "Eine Frechheit ist das", sagt ein Mann mittleren Alters. "Es ist eine zugelassene Partei, sie sollten Räume bekommen wie alle anderen Parteien auch." Eine Frau um die 40 Jahre hält dagegen: "Sie sollten keine Räume bekommen, weil sie keine guten Werte vermitteln."

Für einen Ausschluss der AfD von kommunalen Räumen gestimmt hat unter anderem die SPD-Fraktion. Gemeindevertreter Volker Westphal erklärt, es sei wichtig, ein politisches Signal zu senden. "Räume zu nutzen, das ist ja auch eine Ressource, eine Leistung des Staates", so Westphal, der Abteilungsleiter im Brandenburger Bildungsministerium ist. "Es ist zweifelhaft, ob das jemandem zugutekommen sollte, der sich von diesem Staat abwendet und mit der demokratischen Grundordnung in diesem Land Probleme hat."

AfD will juristisch gegen Beschluss vorgehen

Westphal räumt ein, dass Gerichte diesen Beschluss für nichtig erklären könnten. "Ich glaube auch, dass diese Entscheidung sich an einer Grenze bewegt", so der SPD-Mann. Es sei aber nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine politische Entscheidung. "Im Zweifel muss die AfD dann den Rechtsweg beschreiten, um klären zu lassen, ob das überhaupt zulässig ist."

Das hat die Alternative für Deutschland auch vor. Sie habe sich an die Kommunalaufsicht des Kreises Potsdam-Mittelmark gewandt, erklärt Marlon Deter, der dort AfD-Kreisvorsitzender ist. "Wir glauben, dass die Bürgermeisterin einen Fehler gemacht hat. Sie hätte wissen müssen, dass sie das nicht darf", sagt Deter dem rbb. "Alle Parteien müssen gleichbehandelt werden. Wenn die Grünen oder die SPD in den Gemeindesaal dürfen, dann muss das das auch für die AfD gelten", argumentiert der Bankkaufmann.

Wenn die Partei bei der Kommunalaufsicht unterliegt, wolle sie vor dem Verwaltungsgericht klagen, kündigt Deter an. Sollte das Gericht den Gemeindevertretern Recht geben, werde die AfD vor das Oberverwaltungsgericht ziehen.

CDU mahnt Gleichbehandlung der Parteien an

Die CDU-Gemeindevertreter lehnten den Beschluss, die AfD von Räumen fernzuhalten, ab, wie CDU-Mann Jens Schreinicke mitteilt. "Wenn man solche Einschränkungen einführt, dann müssten sie für alle Parteien und Gruppen gelten", betont der Landwirt im rbb-Interview. "Entweder für keinen oder für alle mit Einschränkungen oder für alle offen." Immerhin habe der Verfassungsschutz auch schon Teile der Linken beobachtet, so Schreinicke; dennoch habe sie immer Räume zu ihrer Verfügung gestellt bekommen. Er sorge sich, dass der Beschluss der AfD sogar nützt: "Die Wähler der AfD in Michendorf werden sich dadurch nicht abwenden, sondern im Gegenteil", sagt Schreinicke.

Jetzt warten alle darauf, wie die Kommunalaufsicht des Kreises Potsdam-Mittelmark entscheidet. "Ende dieser Woche werden wir hoffentlich erfahren, wann da was kommt", erklärt Bürgermeisterin Claudia Nowka. Klar sei: Sie werde sich an die Entscheidung halten. Wie auch immer sie ausfällt.

Sendung: Antenne Brandenburg, 18.10.2023, 16:00 Uhr

Beitrag von Lisa Steger

58 Kommentare

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  1. 58.

    Man hat eben daraus gelernt, dass Hitler und Ulbricht auch eine Zeitlang demokratisch gewählt wurden, ersterer schuf dann noch Fakten mit seinem Ermächtigungsgesetz https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/etablierung-der-ns-herrschaft/ermaechtigungsgesetz.html

  2. 57.

    Auch wenn es Ihnen nicht passt: Diese Bürgermeisterin handelt verantwortungsVOLL.

  3. 56.

    Wieso ist die afd demokratisch, wenn sich der Verfassungsschutz veranlasst sieht, die afd wegen Verfassungstreue oder Verfassungsuntreue zu beobachten?

  4. 55.

    Pis bekommt keine regierungsfähige mehrheitsbildende Koalition zusammen.

  5. 54.

    "Was bringt dieser Kindergarten? "
    Ja, das frage ich mich auch. Einfach dem Tipp von Matthias #28 folgen, den Beschluss im Volltext lesen und gut ist. Damit könnte diese Krabbelgruppe hier auch geschlossen werden.

  6. 53.

    Das versteht wohl jeder. Aber auch wenn sie nicht demokratisch ist, hat sie demokratische Rechte. Und das Absprechen dieser, ist undemokratisch. Das verstehen die meisten nicht.

  7. 52.

    Aber nur, weil sich eine Partei in einer Demokratie bewegt, ist sie noch lange nicht demokratisch. Die NPD hat sich sich in der Demokratie bewegt, aber war nicht demokratisch. Warum versteht niemand, dass das zwei Paar Schuhe sind. Und nein, das kann die AfD nicht behaupten. Eventuell sagt das Gericht dass der anfangsverdacht nicht ausreicht. Aber wenigstens beschäftigt sich dann mal ein Gericht damit, wie wir mit dieser Partei umgehen wollen

  8. 51.

    Die Chancen für die AfD stehen nicht schlecht, sagt da ein Altparteien-Politiker. Wenn das Gericht der AfD Recht gibt, kann die AfD mit Fug und Recht behaupten, dass sie in der Ausübung ihres demokratischen Rechtes behindert wurde.

  9. 50.

    Da hat selbstverständlich eine Abwägung vorab stattgefunden! Die AfD wird immer alles in ihrem Sinne interpretieren. Darf sie die Räume für ihre Zwecke benutzen, macht sie sich lustig über die Dummheit und Naivität. Zeigt man Haltung, bezieht sich auf die Grundgesetze und demokratischen Grundwerte, dann beschimpfen sie einen. Egal wie man es macht, die AfD interpretiert es als antidemokratisch, antideutsch, versüfft. Aber man kann von Reaktionen Anderer eigene Entscheidungen und Werte nicht abhängig machen. Sie reden nicht nett über all die Menschen, die hier in Michendorf die Integration von Geflüchteten erreicht haben. Wir haben ein großes Wohnheim mit Geflüchteten. Das Zusammenleben klappt. Und das sollen wir uns sprachlich verderben lassen? Das ist nicht okay! Ich möchte auch keine Linksextreme, Reichsbürger etc. in Gemeindezentren

  10. 49.

    Nochmal, auch wenn es nicht genehm ist:
    Wenn die AfD jetzt vor Gericht zieht, wird die Michendorfer Bürgermeisterin auf die Nase fallen. Außerdem wird die AfD wieder ein Stück zum Merthyrer gemacht getreu ihrem Motto "Wir werden an der Ausübung unserer demokratischen Rechte behindert."
    Solche Entscheidungen sollte man vorher immer gründlich abprüfen und abwägen.

  11. 48.

    Es wird immer skurriler in Deutschland, man will die AfD mundtot machen und begreift nicht, dass sie dadurch immer stärker wird.
    Diese Bürgermeisterin handelt verantwortungslos.

  12. 47.

    „ Beispielsweise, dass alle Menschen gleich sind.“

    Das ist eine sehr dünne Argumentation, es gibt immer Menschen die gleicher sind, siehe Maskenskandale, da wurde völlig am Tatbestand vorbei geurteilt.

    Danke

  13. 46.

    Danke für Ihre Erklärungen. Nur von welchen verfassungsfeindlichen Tendenzen sprechen Sie konkret?! Wenn die afd verfassungsfeindlich ist gehört sie verboten und solange das nicht der Fall ist, ist nunmal Teil unsere Demokratie. Mir gefällt die Partei auch nicht, aber je mehr sie ausgegrenzt wird desto mehr Zuspruch wird sie leider erfahren.

  14. 45.

    Nun gut, daß ist Ihre Sicht. Andere sehen das möglicherweise anders. Woran machen Sie denn eine Spaltung aus? Interessiert mich ernsthaft , weil ja „uffn Land“ eigentlich immer „nur“ das Thema „Alteingessesene kontra Zuzügler aus der Stadt mit div.Marotten & Allüren “ für Alarm sorgt.

  15. 44.

    Es wurde doch beschlossen, dass nicht alle gleich sind. Die einen dürfen kommunale Räume nutzen, andere nicht.

  16. 43.

    Die AfD hat dieses Jahr mehrere Bürgerdialoge in unserer Gemeinde abgehalten. Leider waren die Inhalte nicht förderlich für den Zusammenhalt. Wer gemeinschaftliche Räume nutzen will, muss sich auch an das Grundgesetz halten. Beispielsweise, dass alle Menschen gleich sind. Hat sie aber nicht in den Räumen. Die AfD hatte die mehrmalige Möglichkeit zu zeigen, dass sie einen echten Dialog mit den Michendorfern wünscht. Leider haben sie das nicht unter Beweis gestellt sondern stattdessen nur versucht zu spalten

  17. 42.

    Ich finde es mutig und richtig, sich der AFD entgegenzustellen.

  18. 41.

    Die Veranstaltungen sind nicht verboten, nur in Räumen der Gemeinde dürfen Sie nicht mehr stattfinden.
    Somit werden extremistische Verdachtsfälle daran gehindert ihren Schund in öffentlichen Gebäuden zu verbreiten. Mehr nicht. Niemand hindert diese Verdachtsfälle daran in privaten Räumen mit den Bürgern zusammen zu kommen.
    Etwas überspitzte Frage.
    Würden Sie es gut finden, wenn Berliner Clans (kriminelle Verdachtsfälle) sich im Rathaus zu Beratungen oder Feiern treffen dürfen?

  19. 40.

    Kann man richtig finden. Aber das ist eine politische Entscheidung, hat mit Demokratie nichts zu tun. Würde die AfD genauso machen.

  20. 39.

    Da haben sie völlig Recht , diese Frau scheint von Demokratie in Deutschland keine Ahnung zu haben. Verbote , wie diese schüren nur die Abneigung
    der Bürger vor dieser Regierung .Die Michendorfer müssen nun mal dieser Frau ihre Meinung zeigen , hoffe ich sehr.

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