Arbeitgeber fürchten Zulauf - Wie Gewerkschaften in der Krise an Bedeutung gewinnen

Fr 02.02.24 | 13:42 Uhr | Von Jonas Wintermantel
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Symbolbild: Bobbycars mit Gewerkschaftsfahnen. (Quelle: dpa/Gambarini)
Bild: dpa/Gambarini

Die Gewerkschaften in Berlin und Brandenburg melden "so viele neue Mitglieder wie seit Jahren nicht mehr". Einige Arbeitgeber befürchten nun noch härtere Arbeitskämpfe. Von Jonas Wintermantel

Bahnstreik, Flughafenstreik, ÖPNV-Streik: Die Arbeitskämpfe sind nicht zu übersehen und zu überhören. Das liegt einerseits an den derzeit in vielen Gewerken auslaufenden Tarifverträgen, andererseits an einer hohen Streikbereitschaft bei den Gewerkschaften.

Und: Immer mehr Menschen in Berlin und Brandenburg engagieren sich selbst und treten einer Gewerkschaft bei. Damit wird ein Abwärtstrend der letzten Jahre bei den meisten Gewerkschaften gebrochen.

Verdi und IG Metall mit Rekordzuwächsen

Zum Beispiel bei der IG Metall. Laut dem Landesverband Berlin-Brandenburg-Sachsen seien es hier im Jahr 2023 deutlich über 10.000 Neuzugänge gewesen. "So viele wie seit zehn Jahren nicht", sagte ein Sprecher dem rbb. Die Zahl der betrieblichen Mitglieder - also in Betrieben, die bereits tarifgebunden sind - sei demnach bis Ende Dezember 2023 um über 2.000 auf knapp 104.000 gestiegen.

Außerdem konnte die Gesamtzahl der betrieblichen und nicht-betrieblichen Mitglieder zum ersten Mal seit vielen Jahren stabil gehalten werden – trotz der demographischen Entwicklung, Todesfällen und rentenbedingten Austritten. Die IG Metall vertritt unter anderem die Beschäftigten in der Metall-, Elektro und Stahlindustrie.

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi verzeichnet bundesweit mehr Mitglieder. In Berlin und Brandenburg betrug das Wachstum 2023 1,63 Prozent. In den Corona-Jahren 2020 bis 2022 hatte die Gewerkschaft noch 4 Prozent an Mitgliedern verloren. Deutschlandweit registrierte Verdi mit rund 193.000 Neuzugängen den nach eigenen Angaben größten Mitgliederzuwachs seit ihrer Gründung im Jahr 2001.

Und auch bei kleineren Gewerkschaften wie der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) verzeichnet man steigende Mitgliederzahlen – auf Bundes- genau wie auf Landesebene. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist in Berlin im vergangenen Jahr um fünf Prozent gewachsen.

Sicherheit in unsicheren Zeiten

Der Hauptgrund für die steigende Attraktivität der Gewerkschaften dürfte in der zunehmend schwierigen wirtschaftlichen Lage der Menschen liegen. Steigende Preise und hohe Inflationsraten sorgen dafür, dass von der eigenen Arbeit immer weniger Geld übrig bleibt.

"Wenn sich überhaupt jemand dieser Entwicklung entgegenstellen kann, dann sind es starke Gewerkschaften", sagt Thorsten Schulten, Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt Tarifpolitik bei der arbeitnehmernahen Hans-Böckler-Stiftung.

Doch auch ein neues Selbstbewusstsein sei Schulten zufolge auf Seiten der Arbeitnehmer zu beobachten. Diese wüssten um den Wert ihrer eigenen Arbeit in Zeiten von Personal- und Fachkräftemangel. Deshalb würden sie auch offensiv entsprechende Wertschätzung einfordern.

Sicherheit geben in unsicheren Zeiten – das sei der "Markenkern" von Gewerkschaft, sagt Dirk Schulze, IG-Metall-Bezirksleiter: "Wir als Gewerkschaft, unsere Tarifverträge, aktive Betriebsräte, gelebte Mitbestimmung und Beteiligung der Belegschaften sind unsere Antworten auf Unsicherheit und Verdruss", so Schulze.

Gleichzeitig seien die Arbeitgeber gefragt. Diese müssten deutlich machen, in welche Richtung sich ihre Unternehmen entwickeln werden: "Die Beschäftigten haben ein Recht darauf, dass Veränderungen nicht über ihre Köpfe hinweg entschieden werde, sondern dass Transformation sozial, ökologisch und demokratisch gestaltet wird."

Grafik: Kalender zeigt Streiks und Blockaden im Januar 2024. (Quelle: rbb)

Mehr Mitbestimmung und ein neues Selbstbewusstsein

Auch und gerade diese aktive Mitbestimmung und demokratische Beteiligung scheinen das Engagement in der Gewerkschaft für immer mehr Beschäftigte attraktiv zu machen, meint Thorsten Schulten von der Hans-Böckler-Stiftung. "Auch die Gewerkschaften haben sich verändert und sich zunehmend von der alten Stellvertreterpolitik verabschiedet zugunsten einer breiten und aktiven Beteiligung der Mitglieder."

Das bestätigt auch Jonas Bohl von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. "Auch, weil es heute viel bessere Möglichkeiten gibt, zum Beispiel online-basierte Umfragen unter den Mitgliedern. Dadurch fühlen die sich mehr mitgenommen bei den Entscheidungsprozessen."

Nicht selten kämen dabei auch Themen und Wünsche auf die Tagesordnung, die bisher kaum Beachtung gefunden hätten. Die Ansprache gegenüber den Mitgliedern verändere sich – man arbeite mitgliederorientiert und immer mit dem Service-Gedanken im Hinterkopf.

Bohl beobachtet in den letzten Jahren eine deutlich steigende Streikbereitschaft unter den Beschäftigten: "So ein streikreiches Jahr wie 2023 haben wir noch nie erlebt. Das hilft natürlich bei der Mobilisierung neuer Mitglieder. Wenn man sich außerhalb der Reichweite des Chefs trifft und spricht, können andere wiederrum überzeugt werden, mitzumachen", so Bohl.

Härterer Arbeitskampf durch stärkere Gewerkschaften?

Der aktuelle Zulauf an Mitgliedern und die Omnipräsenz offensiver Arbeitskämpfe stärkt den Gewerkschaften offensichtlich den Rücken. Die hohe Streikbereitschaft schmeckt aber natürlich nicht jedem. "Im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge beobachten wir seit einiger Zeit eine deutliche Zunahme von Warnstreikaktionen, die aus unserer Sicht teilweise nicht mehr angemessen sind", sagt eine Sprecherin der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) dem rbb.

"Man kann den Eindruck haben, dass Streikmaßnahmen der Gewerkschaften, so auch in der Lohnrunde 2023 im kommunalen öffentlichen Dienst, vornehmlich dazu genutzt werden, neue Mitglieder zu gewinnen. Ein zum Teil schon inflationärer Gebrauch des Streikrechts geht jedes Mal zu Lasten Dritter, also der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes."

Die VKA verweist in diesem Zusammenhang auf den 17 Milliarden Euro schweren und nach eigener Aussage "teuersten Tarifabschluss aller Zeiten für die kommunalen Arbeitgeber" im April 2023 – ein Abschluss zwischen Verdi, Beamtenbund und Tarifunion.

Einigungen wie diese würden die kommunalen Haushalte und Einrichtungen stark belasten. Für die Kommunen ergebe sich dadurch ein Spannungsfeld: "Dass man das Geld nur einmal ausgeben kann, ist allgemein bekannt", so die Sprecherin.

Einerseits müsse die Daseinsvorsorge gewährleistet werden, auf der anderen Seite müssten die Kommunen in Zeiten des Arbeitskräftemangels Beschäftigte an sich binden. "Auf der anderen Seite erhöht sich jedoch auch die Attraktivität der Arbeitsplätze im kommunalen öffentlichen Dienst", gibt die VKA-Sprecherin zu.

Arbeitgeberverband gibt sich gelassen

Etwas gelassener reagieren die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) auf die steigenden Mitgliederzahlen in den Gewerkschaften. "Ein starker Sozialpartner ist in unserem Interesse. Insofern begrüßen wir es, wenn die Gewerkschaften Unterstützung finden", sagt deren stellvertretender Hauptgeschäftsführer Andreas Schulz.

Die Frage des rbb, ob der Verband und seine Mitglieder aufgrund der gestärkten Gewerkschaften auch mit einer höheren Streikbereitschaft rechneten, verneinte Schulz: "Mehr Gewerkschaftsmitglieder bedeuten nicht zwangsläufig auch mehr Konflikte und Arbeitskämpfe. Streiks sollten immer nur das allerletzte Mittel im Arbeitskampf sein." Von einer Lösung am Verhandlungstisch würden beide Seiten profitieren, so Schulz.

Sendung: rbb24 Inforadio, 01.02.2024, 12:30

Beitrag von Jonas Wintermantel

21 Kommentare

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  1. 21.

    Wie wollen Sie für gute Arbeit bezahlt werden wenn Sie einer von vielen sind und Ihre Mehrleistung im Median verringert wird weil Ihre Mitstreikenden nicht an Ihre Leistung heran kommen? Wer ambitioniert ist und die Fähigkeiten bringt sollte sich nicht auf das Niveau der Gewerkschaften herablassen.

    Wenn man wirklich angemessen viel Geld verdienen möchte muss man dies Messen an der Leistung der anderen, einem esoterischen Skillset den kein anderer hat und der Ambition weiterhin dem Unternehmen ausgezeichnete Leistung zu bringen. Mitarbeiter 0815 zu sein ist kein Argument für mehr Geld.

  2. 20.

    Hoch die internationale Solidarität!

  3. 19.

    Das erinnert mich an "Würden die Leute das Geldsystem verstehen,hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh"

  4. 18.

    Würden Sie auf alle erreichten Gewerkschaftlichen Annehmlichkeiten von welchen Sie profitieren von jetzt auf gleich verzichten? Maulen und gleichzeitig die Vorzüge genießen ist doch nicht richtig, oder?

  5. 16.

    Richtig so, starke Gewerkschaften sind notwendig!
    Insbesondere deshalb, weil viele Arbeitgeber (auch das Land Berlin) das Wohl der Beschäftigten anscheinend aus den Augen verloren haben. Gute Arbeit muss auch gut bezahlt werden.
    Gemeinsam sind die Arbeitnehmer stark. Den Enttäuschten steht es auch frei, sich auch in einer Gewerkschaft zu engagieren und tatsächlich mitzuarbeiten. Ist oftmals einfacher, als man denkt.

  6. 15.

    Zu denjenigen, die hier gerade über die "schlechten Lohnabschlüsse" von Gewerkschaften meckern: In meiner Dienststelle (öffentlicher Dienst) sind 50 von 1500 Beschäftigten in der Gewerkschaft. Unsere Lohnabschlüsse werden von den Müllwerkern und Kita-Beschäftigten erkämpft. Wenn wir alleine streiken, lacht unser Arbeitgeber. Dementsprechend sind die Abschlüsse, die ver.di erzielen kann. Problem ist nur, dass, wenn jeder für sich alleine kämpft, dann noch weniger rauskommt. Es kann ja jeder mal versuchen, zu seinem Arbeitgeber zu gehen, um für sich eine Gehaltserhöhung rauszuhandeln.

  7. 14.

    An sich sind Gewerkschaften eine gute Sache.
    Allerdings hat man bei einigen handelnden Akteuren manchmal den Eindruck, da fühlt man sich oftmals immer zu großen Anteilen auch gegenüber den Arbeitgeberverbänden und der Politik verpflichtet.
    Bzw. beschäftigt sich auch gerne mit gesellschaftlichen Kampagnen.
    Eigentlich sollten nur die jeweiligen Beschäftigten vertreten werden.
    Denn die zahlen ja auch die Beiträge.
    Also es wäre schön, wenn es mehr Weselskys in den Gewerkschaften geben würde.

  8. 12.

    Wer wüsste, wie Gewerkschaft und Arbeitgeber während einer Tarifverhandlung zusammen kungeln, würde da freiwillig austreten, geschweige überhaupt erst Mitglied werden.

  9. 10.

    Es ist nur zu hoffen das die Gewerkschaften heute sich auch im Handwerk Gedanken macht ,wie sie dort Mitglieder,wenn sie schon Mitglied sind,am besten helfen und vertreten.
    Zu meiner Zeit hieß es meist ,tut uns leid Chef nicht im Arbeitgeberverband.Wecher Kleiner Handwerksbetrieb ist das schon und deshalb keine Gewerkschaftliche Vertretung, trotz Mitgliedschaft. Deshalb auch mein Austritt nach mehreren Enttäuschungen.

  10. 9.

    Schade, das es für die Fahrdienstbranche keine Gewerkschaft gibt. Hier werden von Einigen selbst einfachste Arbeitnehmerrechte wie Pausen- und Ruhezeiten ignoriert. Arbeitszeiten werden zum Nachteil der Fahrer/innen falsch berechnet, Minijobber als Vollzeitkräfte eingesetzt. Und die unter ständigen Druck der unmöglich machbaren Routenplänen leidenden Fahrer/innen, chauffieren dann Ihre Kinder bzw. Angehörigen umher. Was so schön pink glänzt, ist hinter der Fassade zu oft nur dunkelgrau.

  11. 8.

    Gewerkschaften sind Verbrecherorganisationen die den Arbeitnehmern das Geld aus der Tasche ziehen !
    Aber das scheinen die Streikenden nicht zu merken , mehr Geld heißt mehr Lohnsteuern , Pflichtversicherungen und mehr Beiträge für die Gewerkschaften !

  12. 7.

    Wird Zeit, dass die Gewerkschaften in Deutschland wieder erstarken. Historisch bedingt sind sie leider geschwächt worden...

  13. 6.

    Welche Krise? Ich dachte der Sanktions-Blitzkrieg gegen Russland hat Russland schon längst ruiniert? Wieso soll die BRD dann auf einmal in der Krise sein?

  14. 5.

    Selbst wenn die Abschlüsse für Einzelne nicht zufriedenstellend sind, so wären sie ohne Gewerkschaften sicherlich noch schlechter oder wären gar nicht zustande gekommen. Ich bin in der Gewerkschaft und den Verhandlungsergebnissen zwar eher zu 60% als zu 100% zufrieden, immer noch besser als gar keine Vertretung zu haben. Finanziell zahlt sich durch die Lohnerhöhungen der Gewerkschaftsbeitrag allemal. Auch sind sie ein guter Ansprechpartner zu Rechtsfragen und informieren die Mitglieder meiner Meinung nach gut.

  15. 4.

    Unerhört! Das geht natürlich gar nicht, dass inmitten unserer rundum-sorglosen Spaßgesellschaft die Menschen nun anfangen, sich wieder eigenständig Gedanken machen, selbstverantwortlich handeln und sich gemeinsam für ihre Interessen zu engagieren, statt einfach die Hände in den Schoß zu legen, und zu warten, dass die da oben in Politik und Wirtschaft es schon irgendwie richten werden.

    Seit Jahren wird der Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhaltes beklagt, durch das Zerbröseln der bindenen Kraft der traditionellen großen Insitutionen, Parteien, Kirchen, Gewerkschaften -- und wenn die Leute dann mal das Ruder herumreißen, und runterkommen vom Sofa, dann ist es auch wieder nicht recht.

  16. 3.

    Cool! Solidarität ist sehr wichtig und sich stark gegenüber dem Arbeitgeber zu zeigen, sonst ist man praktisch machtlos, trotz Mitbestimmung. Je mehr Orgsnisierte vor Ort sind, umso besser können Tarifergebnisse nur sein. Wer jetzt erdt eintritt, hat erst nach einigen Jahren volles Streik-/Aussperrgeld! Befasst Euch mit Mitbestimmung!

  17. 2.

    Bin gerade ausgetreten.... Nach knapp fünfzig Jahren. Die Arroganz der lieben Gewerkschaftsführer ist erschreckend geworden.

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