Überweisungen in die Türkei - Wohin flossen die Millionen aus dem Betrug mit Corona-Tests in Berlin?

Mi 19.07.23 | 06:05 Uhr | Von Olaf Sundermeyer (rbb24 Recherche) und Oliver Mayer-Rüth (Report München)
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Archivbild: Ein Schild weist den Weg zu einen Corona-Testzentrum. (Quelle: dpa/F. Gambarini)
Video: rbb|24 | 19.07.2023 | Material: rbb24 Abendschau | Bild: dpa/F. Gambarini

Rund zehn Millionen Euro soll der türkische Geschäftsmann Kemal C. in Berlin mit erfundenen Corona-Testcentern abgezockt haben. Er flog auf, wurde verurteilt. Aber der Großteil der Beute ist verschwunden. Von O. Mayer-Rüth und O. Sundermeyer

Kemal C. wird voraussichtlich noch jahrelang in Berlin in Haft sitzen. Ende März hat ihn das Berliner Landgericht wegen Millionenbetrugs verurteilt. Der türkische Geschäftsmann soll fast zehn Millionen Euro abgezockt haben, über zum Teil frei erfundene Testcenter und fiktive Corona-Tests. Das Urteil gegen Kemal C. und seine mitangeklagte Schwester ist noch nicht rechtskräftig.

Es steht aber auch die Frage im Raum: Wo sind die Millionen aus dem Berliner Corona-Test-Betrug? Denn der Großteil der Beute bleibt verschwunden.

Eine Spur der Ermittler führt nach Zentralanatolien. Dort ist die Familie von Kemal C. zu Hause, auch sein Vater. Und auf dessen türkisches Konto wurde mutmaßlich das Geld der Steuerzahler für die erfundenen Corona-Tests weitergeleitet. Report München und rbb24 Recherche konnten Bankunterlagen einsehen, die diesen Weg des Geldes nachzeichnen. Für Ermittler ist es ein beispielhafter Fall von "familienbasierter Kriminalität" mit Bezug in die Türkei.

Ermittler warnten vor Betrug

Dabei war es extrem einfach, an das Geld heranzukommen. Noch bevor die ersten der rund 2.500 Berliner Teststellen in Berlin in der Pandemie an den Start gingen, hatten Fachleute des Berliner Landeskriminalamtes (LKA) eigenen Aussagen zu Folge davor gewarnt, dass die Abrechnungspraxis für die Corona-Tests über die Kassenärztliche Vereinigung (KV) ein Einfallstor für Betrug riesigen Ausmaßes sein würde.

Einer von ihnen war Kommissariatsleiter Jörg Engelhard, zuständig für Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen. Er sprach in diesem Zusammenhang von einer "Druckerpresse", mit der man sein Geld auch gleich selbst drucken könne, denn in der ersten Testverordnung sei eine Überprüfung des Betriebs von Teststellen gar nicht vorgesehen gewesen. Im Interview mit rbb24 Recherche sprach Engelhard in diesem Zusammenhang vor einem Jahr von "staatlichem Organisationsversagen".

Geld von der Kassenärztlichen Vereinigung

Kemal C. nutzte den Ermittlungen zu Folge die Gunst der frühen Coronavirus-Testverordnung. Schon wenig später soll bei ihm die Gelddruckpresse angelaufen sein. Kemal C. habe in einem Online-Verfahren mehrere Corona-Testcenter bei der KV in Berlin registrieren lassen, so das Berliner Landgericht. 18 Testcenter wurden in seinen Spätis im Berliner Stadtgebiet angemeldet: von der Turmstraße über die Schönhauser Allee bis zur Badstraße. Häufig in bester Lage in der Nähe von S- und U-Bahn-Stationen [br.de].

Einige Spätverkaufsstellen wurden schon vor der Pandemie offiziell von zwei bulgarischen Staatsbürgern geführt. Im Betrugsverfahren gegen Kemal C. entpuppten sich die letzteren beiden als Strohleute. Kemal C. selbst war den Ermittlungen zur Folge weder offiziell Inhaber des "Späti-Imperiums", von dem Ermittler sprechen, noch sei er steuerlich in Erscheinung getreten.

Überweisungen gingen in die Türkei

Kemal C. soll nach den Feststellungen des Gerichts Zehntausende fiktive Tests über die Kassenärztliche Vereinigung (KV) abgerechnet haben, die pünktlich zahlte. Seine Schwester habe ihr Konto zur Durchführung der Tat zur Verfügung gestellt, so das Gericht. Über die Konten der Strohleute Ali A. und Krasimir O. wurden die Millionen dann regelmäßig in die Türkei überwiesen - als Überweisungen zumeist sechsstelliger Beträge: Mal waren es 489.231.80 Euro, mal 389.571,83 Euro. Das geht aus den Banküberweisungen hervor, die das LKA nachvollziehen konnte.

Das türkische Konto gehörte mutmaßlich dem Vater von Kemal C., Mehmet C.. Der deklarierte Verwendungszweck lautete meist "Antigen Schnelltest Kit". Ganz so, als seien für das Geld in der Türkei Schnelltests eingekauft worden. Bis schließlich eine Geldwäsche-Verdachtsmeldung der Zentralstelle für Finanztransaktions-Untersuchungen vom Zoll im LKA-Kommissariat von Jörg Engelhard landete. Dort wurde gezählt und hochgerechnet: auf die Testkapazitäten in 18 Teststellen der Spätis, von denen einige überhaupt nicht existierten.

LKA-Ermittlerin Susann Langner, Mathematikerin und Geldwäscheexpertin, deckte den Millionenbetrug dann innerhalb weniger Monate auf. Das Telefon von Kemal C. wurde dafür zwischenzeitlich abgehört. Es zeigte sich den Ermittlern, dass dieser schon in der Vergangenheit einige Immobilien in Berlin erworben hatte, auch Gewerberäume, in denen auf andere Namen die Spätis betrieben wurden, die ihm aber zugerechnet werden.

Außerdem kaufte er im Namen seines Vaters, Mehmet C., Immobilien. Eine entsprechende Vollmacht liegt Report München und rbb24 Recherche dazu vor. Aus den Ermittlungen geht hervor, wie eng Kemal C. und ein Immobilienmakler miteinander verbunden waren – durch offensichtlich erfolgreiche Geschäfte.

Susann Langner fasst eines der durch das LKA abgehörten Telefonate von Kemal C. zusammen: "In dem Gespräch, das Herr C. mit einem Vertreter einer Immobilienfirma führt, geht es um den Ankauf von Gewerbeimmobilien und von Wohneigentum, welches Herr C. vermieten möchte."

Rund 6,5 Millionen Euro sind weg

Und beim Kauf spielt die türkische Familie von Kemal C. eine wesentliche Rolle. "Herr C. ist ja türkischer Staatsangehöriger, und hat dort offensichtlich auch noch verwandtschaftliche Beziehungen", sagt Langner. "Das Geld wird einer Person mit dem gleichen Familiennamen überwiesen." Alles deutet darauf hin, dass es sich um den in der Türkei lebenden Vater handelt, Mehmet C.. Von ihm weiß die Ermittlerin nur auf dem Papier, über die Vollmacht. Sie weiß nicht einmal, ob er noch lebt.

Mit der Verurteilung von Kemal C. enden ihre Ermittlungen. Rund 6,5 Millionen Euro sind weg.

In Cayinli kennen sie den Vater gut

Aus Bankunterlagen geht hervor, wo der Vater von Kemal C. leben soll: In dem kleinen Dorf Cayinli im Hochgebirge von Zentralanatolien, Landkreis Tomarza - dorthin führt die Spur der Millionen aus dem Coronatest-Betrug.

In Cayinli ist Mehmet C. bestens bekannt. Dass sein Sohn in Berlin im Gefängnis ist, weiß er. Aber mit dem Betrug habe er nichts zu tun, sagt er im Interview. Auch nachdem er mit Kontoauszügen der Überweisungen an ihn konfrontiert wird, gibt er sich ahnungslos. "Es gibt hier kein Geld", sagt er gegenüber Report München und rbb24 Recherche.

In Berlin gehören Mehmet C. offiziell mehrere Immobilien. In der Türkei hat er erst kürzlich ein neues Haus gebaut - ein weiteres neben dem großen, in dem er bereits selbst wohnt.

Sendung: rbb24 Abendschau, 19.07.2023, 19:30 Uhr

Beitrag von Olaf Sundermeyer (rbb24 Recherche) und Oliver Mayer-Rüth (Report München)

30 Kommentare

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  1. 30.

    Klappt doch. Immer wieder. Immer weiter. Dreist. Beschämend.

  2. 29.

    Abgesehen davon, dass die Bargeldfrage gar kein Thema bei diesen Betrugsgeschäften ist, dürfen Sie natürlich Ihren Hunderter zum Bezahlen nehme oder auch mehrere. Wo aber Otto Normalverbraucher gegängelt wird, wenn man zum Immobilienkauf nicht mit einem Koffer voll mit Bargeld anreisen kann, sehe ich nicht. Und wir reden nicht über Fahrradschupoen, sondern meist Mehrfamilienhäuser, Villen etc.

  3. 28.

    Nö, zumindest in der Anfangszeit der Testcentren konnte doch jeder schalten und walten, wie er wollte. Behörden hatten zu, nichts wurde kontrolliert... Regeln, deren Einhaltung nicht angemessen kontrolliert wird, kann man sich auch sparen. Die Corona-Zeit war ein guter Beweis dafür.

  4. 27.

    Der Täter trägt sicher eine Mitschuld, hauptschuldig sind aber die, die zugelassen haben dass Millionen Beitragsgelder ohne Prüfung ausgezahlt werden.
    Unglaublich was in diesem Land alles möglich ist.

  5. 26.

    Dann sollte das Gericht vlt. seine Berliner Immbolien einziehen, um einen Teil des Schadens zu begleichen.
    Die paar Jahre Haftstrafe werden ihn nicht stören, dafür ist ja seine Familie um 10 Millionen reicher...

  6. 25.

    Das ist nur ein Fall, der bekannt ist!

  7. 24.

    Auch das wurde schon sehr oft von BKA und LKA öffentlich gemacht. Scheinbar interessiert sich politisch niemand dafür wenn von diesen Institutionen Warnungen kommen die uns Bürger schützen können. Da muss man sich wirklich die Frage stellen, warum gibt es die denn dann? Das wäre im Verhältnis so als wenn die Ihren Personenschützern sagen würden, eure Pistolen könnt ihr zuhause lassen. So sieht der Schutz für uns Bürger aus!

  8. 23.

    Habe ich da wieder gelesen... in Testcenter *Späti* wurden Millionen gemacht. Macht nichts, denn *Spätis* sind nun mal Gelddruckmaschinen. Aber wir wollen ja die Kulturstätten weiter fördern. Wann bekommen unsere Politiker endlich mit, dass härter durchgegeiffen werden muss und nicht im Nachgang. Die Polizei, der Zoll und andere haben sehr sehr früh gewarnt. Aber wer von den Beamten-innen kann und will so seinen Job riskieren? Da wird noch viel viel mehr an Zahlen ermittelt werden.

  9. 22.

    Hat die KV bar bezahlt?
    Wurden die Gelder bar in die Türkei verschoben?
    Wurden Immobilien bar bezahlt?

    Die Antwort ist, mal wieder, nein.
    Eine Bargeldbegrenzung dient nur dazu, den Normalbürger zu gängeln.

  10. 21.

    Wann kommt endlich eine Bargeldbegrenzung auch in Deutschland. Aktuell sind wir noch immer ein Geldwäscheparadies für alle Kriminellen. Es muss endlich Schluss sein damit. Und warum wurden eigentlich so hohe Geldtransfers nicht erst einmal eingefroren und compliance und geldwäschetechnisch geprüft? Hat da etwa eine Bank wie N26 weggeschaut?

  11. 20.

    Genau Sabine,aber sich über andere Länder aufregen.Wir haben gerade genug Mist im eigenen Land zu kehren

  12. 19.

    Der Amtseid der heutigen Minister ist definitiv heute nichts Wert, da stimme ich Dir zu.
    Aber die Testzentrum-Millionen versenkte RRG

  13. 18.

    Hab mich auch schon gewundert was der Typ da von sich gibt - völlig zusammenhangslos und unlogisch, aber erst mal raushauen.
    Stimmt, RRG war verantwortlich. Aber darum wurden die auch abgewählt (jeder für sich)

  14. 17.

    Germany, das Paradies für Diebstahl, Betrug und mehr.
    Da passt ja auch die arme Diebin hinein, die vor wenigen Tagen verurteilt wurde, weil sie ihren Arbeitgeber (Werttransportunternehmen) um mehr als eine Million erleichtert hatte. Und in den Medien nun als Opfer dargestellt.
    Was ist hier nur los?

  15. 16.

    Das Landeskriminalamt ist schon eine hohe Institution in unserem Land, wenn die auf Gefahren hinweisen, dann spielt das keine Rolle an welche Adresse die gesendet wird. Es bestand Handlungsbedarf, dem hat sich niemand angenommen, darum geht es, mehr nicht. Ansonsten könnten wir die Abteilung Abrechnungsbetrug auch abschaffen!! Meine Kritik hätte auch jedem anderen Minister gegolten, egal welche Partei!

  16. 15.

    Das Gelder aus Geschäften der organisierten Kriminalität oder aus Sozialleistungsbetrug in die Türkei fließen, ist doch seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten bekannt. Wird etwas dagegen unternommen? Nein. Die Banken verdienen dabei kräftig mit. Würde eine doppelte Staatsangehörigkeit daran etwas ändern? Wohl eher nicht. Unser Staat schaut tatenlos zu bzw.werden ermittelnde Behörden durch den Staat, sprich die Politik, meist aus der RRG Ecke, ausgebremst.

  17. 14.

    Bis auf Ihren letzten Satz stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu. Andere Länder haben auch ihre Jens Spahns.

    Besonders peinlich finde ich in diesem Zusammenhang weiterhin die Rolle der Medien in Deutschland. Mit welcher Inbrust die vierte Gewalt selbst die nutzlosesten Maßnahmen und dümmsten Entscheidungen in der Pandemie kritiklos abgenickt hat, lässt mich auch heute noch sprachlos zurück.

  18. 13.

    Da haben die Verantwortlichen damals (RRG-Senat) staatliche Gelder fast veruntreut und leichtfertig unter die „Testzentren“ verstreut. Kontrolle war wohl nicht vorgesehen - waren ja nur Steuergelder

  19. 12.

    Du würfelst Dir Deine Darstellung wild zusammen. Wenn Du von Spahn redest und dann „LKA“ dazu nimmst dann redest Du von Bundespolitik und dann wieder von „Landes..“-LKA.
    Du musst dann schon Deinen Unmut dem exRRG-Senat zukommen lassen. Testzentren waren Ländersache inkl Geld/Kontrolle. Aber Grüne-Fans geben gern Fake-Aussagen ab um diese Versager Makellos darzustellen und die Schuld immer einer CDU zuzuschieben - andere nennen es Troll

  20. 11.

    Das LKA Abteilung Abrechnungsbetrug hatte früh genug davor gewarnt, von daher hätte man vorher schlauer sein müssen. Ignoranz, wie bei der Maut von diesen Scheuer, der auch hunderte Millionen verbrannt hat. In den Köpfen von diesen Ministern kann etwas nicht stimmen, oder die haben den Eid den die geschworen haben nicht begriffen!

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