Eine muslimische Schülerin vor einer Tafel mit Begriffen aus dem Islam im Islamunterricht

Nordrhein-Westfalen Ist der Islamunterricht in NRW gescheitert?

Stand: 12.05.2024 10:00 Uhr

Seit 2012 gibt es in NRW islamischen Religionsunterricht. Es sollte ein integrationspolitisches Signal sein. Doch nur knapp sechs Prozent der muslimischen Schülerinnen und Schüler können bislang daran teilnehmen.

Von Nadja Bascheck und Martina Koch

Said Yildiz will im kommenden Schuljahr am Gymnasium in Eschweiler Abitur machen. Erst jetzt in der Oberstufe hat er islamischen Religionsunterricht an der Schule. Bisher kannte er nur die Koranschule in der Moschee, die er zweimal die Woche besucht. Dort gehe es zum Beispiel darum, wie man betet und fastet. Die Geschichte und die Philosophen des Islams lernt er erst jetzt kennen. Und darüber zu diskutieren, das war ganz neu für ihn. "Dieses Hinterfragen ist eigentlich ganz gut in unserer Religion", so Said Yildiz.

Ausbau kommt nur langsam voran

Er hätte den islamischen Religionsunterricht an der Schule gern viel früher besucht. "Wenn katholische Religion angeboten wird, dann sollte auch Islamunterricht angeboten werden, weil wir leben hier alle zusammen", sagt Said Yildiz etwas enttäuscht. 2012 war der islamische Religionsunterricht in NRW zunächst an 33 Grundschulen eingeführt worden. Später kamen die weiterführenden Schulen hinzu. In diesem Schuljahr gibt es das Fach an 246 Schulen von rund 5.400 insgesamt. Nicht einmal sechs Prozent der 490.500 muslimischen Schülerinnen und Schüler in NRW erhalten das Angebot.

Teilnehmerquote islamischer Religionsunterricht

Teilnehmerquote islamischer Religionsunterricht

Landesregierung will Islamunterricht weiter ausbauen

NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) räumt zwar ein, das Ziel noch nicht erreicht zu haben, sieht sich aber auf einem guten Weg. Es sei von Anfang an klar gewesen, dass es ein langer und schwieriger Weg werde, so die Ministerin im WDR-Interview.

Die Zahlen würden zeigen, dass der Ausbau weitergehen müsse, heißt es aus der CDU-Landtagsfraktion. Die Grünen betonen, wie erfolgreich der islamische Religionsunterricht ist. Zumindest dort, wo er angeboten wird.

Ohne Lehrkräfte kein Islamunterricht

Winfried Grunewald, Schulleiter

Schulleiter Winfried Grunewald

Winfried Grunewald, Schulleiter des Städtischen Gymnasiums in Eschweiler, hatte jahrelang versucht, einen Lehrer für das Fach zu finden. Erst zu diesem Schuljahr hatte es mit einem Quereinsteiger geklappt, der Kultur der islamischen Welt studiert hat, aber die Qualifizierung zur Lehrkraft noch nachholen muss. Von den 700 Schülerinnen und Schülern an seinem Gymnasium seien schätzungsweise ein Drittel Muslime. Ihnen kann er jetzt islamischen Religionsunterricht anbieten. Der Schulleiter findet, das sei ein deutlicher Gewinn für eine integrative, für eine partizipative Gesellschaft.

Universitäten bilden zu wenige Lehrkräfte aus

Mit der Einführung des Unterrichtsfaches wurde an der Universität in Münster die Möglichkeit geschaffen, Lehramt für islamische Religion zu studieren. Zwischen 2018 und 2022 gab es allerdings nur 97 Lehramtsabsolventen für dieses Fach. Das geht aus den Zahlen des statistischen Landesamtes (IT.NRW) hervor. Das Fach ist zulassungsfrei.

Seit 2019 seien die Plätze für islamische Theologie nicht voll ausgeschöpft, teilt die Uni Münster auf WDR-Anfrage mit. Inzwischen gibt es auch einen Studiengang an der Universität Paderborn. Dort sind im laufenden Semester 70 Lehramtsstudierende für islamische Religion eingeschrieben. Auch dort zulassungsfrei.

Angesichts der Zahlen scheint das Interesse nicht besonders groß, Lehrkraft für islamischen Religionsunterricht an den Schulen zu werden. Die Universität Münster hat nun bundesweit untersucht, welche Ansichten die angehenden Lehrkräfte haben.

Die Studie zeigt, dass mehr als ein Drittel der befragten islamischen Theologiestudierenden antisemitische und konservative Ansichten vertreten. Die Deutsche Gesellschaft für Islamisch-theologische Studien (DEGITS) bezweifelt allerdings die Belastbarkeit der Studie.

Bei der Opposition im NRW-Landtag wirft die Studie dennoch Fragen auf. Franziska Müller-Rech, schulpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, erklärt gegenüber dem WDR:

Wir fordern in der Konsequenz eine Aufnahmeprüfung für Lehramtsstudierende nach finnischem Vorbild, bevor sie zum Studium zugelassen werden, um - auf verschiedenen Ebenen - feststellen zu können, ob die Person für den Lehrerberuf geeignet ist. Dazu gehört auch ein Bekenntnis zu den Werten unseres Grundgesetzes, dem Existenzrechts Israels und Schutz jüdischen Lebens."

Franziska Müller-Rech, schulpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion

Franziska Müller-Rech in der 27. Sitzung des Landtags Nordrhein-Westfalen

Franziska Müller-Rech in der 27. Sitzung des Landtags Nordrhein-Westfalen

Die FDP-Fraktion will ein Thesenpapier erarbeiten und die AfD-Landtagsfraktion hat einen Antrag für die Plenarsitzung des Landtags in der kommenden Woche eingereicht.

Schulen fürchten Konflikte und suchen Alternativen

Am Gymnasium in Eschweiler haben einige Eltern ihre Kinder recht schnell wieder abgemeldet vom islamischen Religionsunterricht. Anders als im Koranunterricht werde in der Schule kritisch und reflektiert über Religion gesprochen. Das passe nicht mit den Vorstellungen vieler Eltern zusammen, so Schulleiter Winfried Grunewald.

Andere Schulleitungen wollen diese Auseinandersetzungen nicht und verzichten auf den Islamunterricht, ist immer wieder zu hören. Achim Fischer ist Sprecher der Gesamtschulleitungen in NRW. Er hat an seiner Schule in Neuss einen anderen Weg gewählt und bietet praktische Philosophie für die muslimischen Kinder an.

"Ich glaube, dass mit der mittlerweile vorhanden gesellschaftlichen Struktur, die sich auch in unseren Schulen abbildet, eigentlich eine Auflösung des religionsgebundenen Unterrichts notwendig wäre und man tatsächlich einen religionsübergreifenden Werteunterricht einzieht", so Fischer. Doch Religionsunterricht ist im Grundgesetz verankert.

Hamburg macht es deshalb noch anders und bietet bisher als einziges Bundesland einen Religionsunterricht für Kinder aller Glaubensrichtungen an.

Gescheiterter Islamunterricht

Über dieses Thema berichten wir auch im Podcast "Rheinblick", am 12.05.2024 in WDR 5 "Diesseits von Eden" und bei "Westpol" im WDR Fernsehen.