Containerhafen von Lianyungang in Chinas östlicher Provinz Jiangsu
interview

Chinas Corona-Politik "Sand im Getriebe des Welthandels"

Stand: 27.01.2022 12:55 Uhr

China hält an der Null-Covid-Strategie fest und riegelt bei Corona-Fällen ganze Städte ab. Warum er das für eine Gefahr hält, erklärt Stefan Kooths, Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft, im Interview mit tagesschau.de.

tagesschau.de: China hält an seiner Null-Covid-Strategie fest, nur 30 Prozent der Bevölkerung ist geimpft und die hoch ansteckende Omikron-Variante lässt sich kaum aufhalten. Damit sind weitere Lockdowns programmiert. Droht dem Land und damit der Weltwirtschaft das Chaos?

Stefan Kooths: Nein, eine Chaos-Gefahr sehe ich nicht, sehr wohl streut diese Politik aber Sand ins Getriebe des Welthandels und schadet der weltwirtschaftlichen Dynamik. Denn Chinas Covid-Strategie lässt nicht erkennen, wie man die Pandemie auf diese Weise überwinden kann, zumal die dort verwendeten Impfstoffe nicht die gleiche Grundimmunisierung herzustellen scheinen wie die im Westen verwendeten Vakzine. Und wenn dann ein Großteil der Bevölkerung noch nicht in Kontakt mit dem Virus gekommen ist, droht die Pandemie eine sehr lange Geschichte zu werden, während in vielen westlichen Ländern die Hoffnung besteht, dass Corona bald in eine endemische Phase eintritt.

Stefan Kooths
Zur Person

Stefan Kooths ist Vizepräsident des IfW Kiel und dort Direktor des Forschungszentrums Konjunktur und Wachstum. Seit 2020 lehrt er an der BSP Business and Law School in Berlin.

Kampf gegen Pandemie bremst Wirtschaft aus

tagesschau.de: Lässt sich das Ausmaß der daraus resultierenden Belastung beziffern?

Kooths: Wir rechnen nicht mit einem Einbruch, aber mit einem verlangsamten Expansionsprozess, weil die Pandemiepolitik zu einer Belastung wird, die die Zuwachsraten schmälert. Die hohe Zuwachsrate Chinas im vergangenen Jahr von etwa acht Prozent wird sich in diesem Jahr ohnehin nicht wiederholen, weil darin Aufholeffekte nach dem mageren Vorjahr zum Ausdruck kommen. Ohne Sondereffekte könnte die chinesische Wirtschaft derzeit um rund fünf Prozent pro Jahr wachsen. Das dürfte aber 2022 nicht erreicht werden, wir erwarten kaum mehr als vier Prozent, weil nicht zuletzt die dortige Pandemiebekämpfung wirtschaftliche Dynamik kostet.

tagesschau.de: Wie gefährlich ist ein geringeres Wachstum für die Stabilität des Landes?

Kooths: Die Akzeptanz des dortigen Regimes hängt entscheidend davon ab, ob es gelingt, die Wohlstandserwartungen der Bevölkerung zu erfüllen. Die Regierung wird deshalb grundsätzlich immer auch einen wirtschaftsfreundlichen Kurs fahren - und sich gut überlegen, ob die Null-Covid-Strategie der Weisheit letzter Schluss ist. Eine andere Frage ist, ob man diese Politik heimlich, still und leise aufgibt oder den Wechsel aktiv kommuniziert. Der in der chinesischen Kultur stark verwurzelte Aspekt der Gesichtswahrung spricht für die erste Variante. Die übrige Welt ist gut beraten, der chinesischen Führung diesen Kurswechsel so leicht wie möglich zu machen.

tagesschau.de: Welche Auswirkungen erwarten Sie durch immer neue Lockdowns in China für den Welthandel?

Kooths: Diese Gefahr möglicher Verwerfungen ist groß. Die Auswirkungen der Lockdowns sind bereits jetzt sichtbar. Unsere Indikatoren zeigen, dass der für den asiatisch-europäischen Handel wichtige Containerschiffverkehr im Roten Meer aktuell 15 Prozent unter dem Niveau liegt, das ohne die vor allem von China ausgehenden Restriktionen zu erwarten wäre. Insofern ist der Welthandel also bereits jetzt beeinträchtigt.

tagesschau.de: Welche Auswirkungen hat die unsichere Lage in China auf das Wachstum in Deutschland, dem größten Handelspartner des Landes in Europa?

Nationalistische Töne als Signal nach innen

Kooths: Eine insgesamt verhaltene ökonomische Entwicklung in China ist bereits in den Prognosen für Deutschland berücksichtigt. Sollte es zu einem deutlichen Einbruch in China kommen, würde das natürlich auch die Aussichten in Deutschland eintrüben, dies aber weniger von der Absatzseite her als über einer Verschärfung der Lieferengpässe, die hierzulande die Produktion behindern. Die Nachfrage ist nach der Pandemie weltweit sehr hoch, so dass die Absatzschwäche in China weniger schwer wiegt als in normalen Zeiten. Und wenn in China vorübergehend deutsche Autowerke schließen, hat das keine so gravierenden Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung in Deutschland.

tagesschau.de: Welche Gefahren für den Welthandel drohen von dem aufkommenden Nationalismus in China und dem Willen, die Abhängigkeit vom Export zu reduzieren?

Kooths: Die nationalistischen Töne sind zwar beunruhigend, sie sind aber eher nach innen gerichtet und sollten nicht unbedingt als feindselige Äußerungen gegen die Handelspartner gesehen werden. Es geht auch hierbei um die politische Stabilität des Regimes. Dass sich China wandelt und entwickelt und sich damit auch Wirtschaftsstrukturen ändern, liegt in der Natur der Sache. Dass man sich von der internationalen Arbeitsteilung verabschiedet, ist aber nicht zu erwarten, denn China profitiert vom internationalen Handel, so wie die Partner auch. Zudem darf man nicht vergessen, dass das Pro-Kopf-Einkommen in China nur ein Fünftel des Niveaus der westlichen Industriestaaten beträgt. Somit besitzt das Land noch ein riesiges Entwicklungspotenzial.

Das Interview führte Lothar Gries.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Januar 2022 um 18:22 Uhr.