Mario Draghi

Abschied als EZB-Präsident Die Folgen von Draghis Zinspolitik

Stand: 24.10.2019 06:45 Uhr

Egal, ob Häuslebauer, Sparer, Autobesitzer, Urlauber oder Arbeitnehmer: Sie alle spüren die Folgen der lockeren Geldpolitik der EZB unter ihrem scheidenden Chef Mario Draghi – Tag für Tag.

Von Angela Göpfert, boerse.ARD.de

Kühl, abweisend, einschüchternd: So wirken die Türme der Europäischen Zentralbank (EZB) im Osten Frankfurts häufig auf Besucher. Irgendwo da oben, im 41. Stock, fällt die EZB auf ihren monatlichen Ratssitzungen ihre Entscheidungen. Entscheidungen, die den Alltag der Menschen in der Eurozone massiv beeinflussen. Nur ist das den meisten gar nicht bewusst.

Heute ist es wieder einmal soweit. Der EZB-Rat trifft sich in Frankfurt. Weitreichende Entscheidungen stehen zwar nicht auf der Agenda – und doch ist diese Sitzung eine historische, ist sie doch die letzte unter Mario Draghi. Am 1. November übernimmt die Französin Christine Lagarde den EZB-Chefposten von dem Italiener.

Sparer als Leidtragende

Noch nie war die EZB so mächtig wie unter Mario Draghi. Noch nie griff sie so drastisch in die Lebenswirklichkeit der Bundesbürger ein. Unter Draghi hat die Zentralbank den Leitzins auf den historischen Tiefstand von 0,0 Prozent gesenkt. Sie will damit die niedrige Inflation bekämpfen und die Konjunktur stimulieren. Ob ihr das auf diesem Wege gelingen kann, darüber streiten noch die Ökonomen.

Sehr viel deutlicher und eindeutiger sind indes die Folgen der EZB-Politik für die Sparer. Wer sein Geld heute auf dem Sparbuch parkt, bekommt dafür nur mickrige 0,01 Prozent Zinsen. Zieht man davon noch die Inflationsrate ab – im September lag sie bei 1,2 Prozent – so wird schnell klar: Wer sein Geld aufs Sparbuch legt, gibt es der realen Vernichtung preis.

Früher war alles besser? Nein!

Negative Realzinsen sind allerdings keine Erfindung von Mario Draghi. Vielmehr hat es in der Geschichte immer wieder Phasen gegeben, in denen die Sparer in Deutschland real enteignet wurden.

"Die Realzinsen waren auch früher bereits häufiger negativ – und nur in wenigen Jahren spürbar positiv", betont ein Bundesbank-Sprecher. Denn früher gab es zwar teils deutlich höhere Zinsen – aber auch die Inflationsrate lag auf einem stark erhöhten Niveau.

Wertverlust für Lebensversicherte

Dabei leiden nicht nur Sparbuch-, Tages- und Festgeld-Sparer seit Jahren unter den niedrigen Zinsen der Draghi-Ära, sondern auch Bürger, die Kapitallebensversicherungen und Pensionsversicherungen abgeschlossen haben.

"Durch die niedrigen Zinsen sinken der Garantiezins und die Überschussbeteiligungen", betont Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank, gegenüber boerse.ARD.de. "Der Vermögensaufbau über diese in Deutschland beliebten Anlageformen wird damit immer schwerer."

Laut einer Auswertung des Analysehauses Partner in Life mussten Lebensversicherte im letzten Jahrzehnt einen durchschnittlichen Wertverlust von 5,5 Prozent hinnehmen.

Wie aus 100.000 Euro 210.000 Euro wurden

Um dem zu entgehen, bleibt Sparern nur ein Ausweg: Sie müssen höhere Risiken eingehen und in Sachwerte wie Immobilien oder Aktien investieren. Tatsächlich gehören Aktionäre zu den Gewinnern der Niedrigzinsphase unter Mario Draghi.

Weitere Kursinformationen zu Dax

So hat der Dax binnen der vergangenen acht Jahre rund 110 Prozent hinzugewonnen. Eine Anlage von 100.000 Euro ist heute 210.000 Euro wert.

Immobilienbesitzer haben Grund zu jubeln

Doch unter Draghi stiegen nicht nur die Aktienkurse in immer schwindelerregendere Höhen, sondern auch die Immobilienpreise. Davon profitierten viele Eigenheimbesitzer.

Wer eine Immobilie kaufen will, leidet zwar unter den gestiegenen Preisen, darf sich dafür aber über eine günstigere Finanzierung freuen: Laut dem FMH-Index für Hypotheken kostet die durchschnittliche Baufinanzierung für zehn Jahre aktuell 0,7 Prozent.

DZ-Bank-Chefökonom Bielmeier verweist zudem auf indirekte positive Effekte der EZB-Politik wie etwa "die sehr günstige Refinanzierung für Unternehmen, wodurch Arbeitsplätze sicherer werden und Gehälter steigen können".

Wehe, wenn die Zinsschere sich öffnet

Die Höhe des Leitzinses beeinflusst jedoch nicht nur die Spar-, Bau- und Kreditzinsen, sondern wirkt sich auch auf die Wechselkurse aus. Hohe Zinsen ziehen fremdländisches Kapital an, niedrige Zinsen bieten dagegen keinen Anreiz für die globalen Kapitalströme.

Die Zinsschere zwischen den USA und Eurozone geht seit Ende 2015 wieder auseinander: Damals leitete die US-Notenbank Fed die Zinswende ein, während die EZB untätig blieb. Die logische Folge ist ein Kursverfall des Euro zum Dollar, der zuletzt durch den Handelskrieg und die Flucht in "sichere Häfen" noch verstärkt wurde: Bekam man Anfang 2018 noch rund 1,26 Dollar für einen Euro, so sind es heute nur noch 1,10 Dollar. Mit anderen Worten: Ein USA-Urlaub ist zuletzt wieder teurer geworden.

Hinzu kommt: Die meisten Rohstoffe werden in Dollar bezahlt, darunter auch Öl. Ein schwacher Euro bedeutet, dass Autofahrer mehr Euros auf den Tisch legen müssen, um sich einen Liter Sprit zu kaufen. Der gleiche negative Devisen-Effekt trifft auch Käufer von Heizöl.

Zwei Seiten einer Medaille

Des Sparers und Autofahrers Leid ist somit des Aktionärs, Immobilienbesitzers und Arbeitnehmers Freud. Wer eine Bilanz der Draghi-Ära zieht, sollte neben den Nachteilen, auch all die Vorteile sehen, die sie den Bundesbürgern gebracht hat.

Ja, die heutige Lebensrealität ist eine andere als vor Draghi. Es liegt nun am einzelnen Bürger, sich dieser Realität anzupassen.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. Oktober 2019 um 12:00 Uhr.