Ein Kampfflugzeug vom Typ Eurofighter Typhoon der Luftwaffe fährt am Fliegerhorst Wittmundhafen über das Rollfeld.
FAQ

Ukraine-Krieg Heute Kampfpanzer, morgen Kampfjets?

Stand: 31.01.2023 08:29 Uhr

Die Ukraine bekommt demnächst "Leopard"-Kampfpanzer, auch aus Deutschland. Die Forderung nach Kampfjets lehnt Kanzler Scholz ab. Andere sind da weniger eindeutig. Welche Kampfjets kämen infrage - und was hieße das für den Kriegsverlauf?

Von Mit Informationen von Stephan Stuchlik, ARD-Hauptstadtstudio und Material von dpa und AFP

Die Ausgangslage

Für die Befreiung ihrer von Russland besetzten Gebiete setzt die Ukraine nicht nur auf Kampfpanzer aus Deutschland, den USA und anderen Staaten. Zur Unterstützung einer geplanten Offensive fordert sie auch Kampfjets. Frankreich und andere Länder schließen dies nicht aus. Die USA planen laut Präsident Joe Biden keine Lieferung von F16-Kampfjets. Bundeskanzler Olaf Scholz sieht die Debatte um Kampfjets mit Sorge und warnte vor einem "Überbietungswettbewerb".

Welche Typen von Kampfflugzeugen will die Ukraine?

Die Ukraine hat im Gegensatz zu der klaren Forderung bei Kampfpanzern keine einheitliche Linie, wenn es um Kampfjets geht. Vizeaußenminister Andrij Melnyk erwähnte faktisch alle bekannten Flugzeugtypen wie die US-amerikanischen F-16, F-35, die europäischen Entwicklungen des Eurofighters und der Tornados, die französischen Rafale und schwedische Gripen.

Vor allem aber dürfte es um die F-16 gehen. Die USA haben umfangreiche und überzählige Bestände an älteren Kampfflugzeugen - inklusive eines großen Flugzeug-Schrottplatzes auf der Luftwaffenbasis Davis-Monthan in Arizona, wo Militärmaschinen ausgeschlachtet werden. Bei den älteren Flugzeugtypen wie F-15 oder F-16 sowie A-10 könnte es möglich sein, die Instandsetzung auf dem freien Markt einzukaufen. Ersatzteile sind in großer Zahl vorhanden. Grundvoraussetzung ist die Ausbildung.

Debatte um Kampfjets dauert an

Frank Jahn, ARD Berlin, tagesschau 12:00 Uhr

Was könnte die Bundeswehr liefern?

In Verteidigungskreisen ist es ein offenes Geheimnis, dass Deutschland enorme Schwierigkeiten hätte, aus Bundeswehr-Beständen Kampfjets zu liefern. Kampfjets der jüngsten Generation, wie sie manche in der Ukraine fordern, besitzt die Bundeswehr nicht, mit den F-35 wurden jetzt die ersten Exemplare in den USA bestellt, vor 2026 wird aber keines dieser Flugzeuge der Luftwaffe zur Verfügung stehen. 

Die Tornados sind bekanntermaßen veraltet und reparaturanfällig. Die meisten flugfähigen von ihnen sind für die "nukleare Teilhabe" ausgerüstet, das heißt, sie bringen im Fall der Fälle amerikanische Atombomben ins Ziel. Flugzeuge mit dieser Spezial-Konfiguration wird man vermutlich nicht in die Ukraine abgeben können. 

Auch die Einsatzbereitschaft der Eurofighter, des anderen Kampfjet-Typs in Besitz der Luftwaffe, ist seit Jahren extrem niedrig. Sie werden bereits für das "air policing", also für die Luftraumüberwachung, an der Ostflanke der NATO eingesetzt. Bereits für diese Anforderungen hatte die Bundeswehr Probleme, genügend einsatzfähige Jets zur Verfügung zu stellen.

Wie lange dauert die Ausbildung ukrainischer Soldaten?

Eine Ausbildung als Kampfpilot bei der Bundeswehr dauert nach Angaben der Luftwaffe fünf Jahre und kostet mehrere Millionen Euro. Trainierte Kampfpiloten etwa der ukrainischen Luftstreitkräfte in den Gebrauch westlicher Jets einzuweisen, könnte nach Schätzungen von Experten mindestens acht Monate bis etwa ein Jahr dauern.

Was verspricht sich die Ukraine von Kampfjets?

Kriegsziel der Ukraine ist die komplette Befreiung ihres von Russland besetzten Staatsgebiets. Für einen effektiven Vormarsch der demnächst von westlichen Kampfpanzern gestärkten Bodentruppen müssen diese idealerweise von der Luftwaffe unterstützt werden. Aufgrund der weiter funktionierenden ukrainischen Flugabwehr setzt Russland eigene Jets nur begrenzt in Frontnähe für Bombardements ein.

Im Krieg gelingt es beiden Seiten immer wieder, gegnerische Flugzeuge abzuschießen. Berichte über direkte Luftkämpfe zwischen ukrainischen und russischen Kampfjets gab es nur in den ersten Kriegstagen. Westliche Jets könnten hier vor allem Lücken schließen helfen. Doch die Rückerlangung der Lufthoheit wäre auch nach der Lieferung Dutzender Kampfjets aus dem Westen nicht zu erwarten. Das wäre nur möglich, wenn die russischen Flugabwehrsysteme komplett ausgeschaltet werden.

Womit kämpfte die ukrainische Luftwaffe bisher?

Vor dem Krieg hatte die Ukraine den Londoner Analysten des International Institute for Strategic Studies zufolge etwa 110 einsatzfähige Kampfflugzeuge. 70 davon Jagdflugzeuge des sowjetischen Typs Mig-29 und Suchoi 27. Dazu noch 45 Suchoi 25 und 24 zur Bekämpfung von Bodenzielen. Während des Krieges soll Kiew den Waffenanalysten der Investigativgruppe Oryx zufolge weitere 18 Suchoi 25 aus verschiedenen Quellen erhalten haben. Polen lieferte zudem Medienberichten nach bereits Mig-29 in Einzelteilen, und auch die Bundesregierung steuerte Mig-29-Ersatzteile bei. Das russische Militär will dabei bereits mehr als das Dreifache aller real vorhandenen ukrainischen Flugzeuge abgeschossen haben.

Die westlichen Unterstützer der Ukraine haben inzwischen umfangreiche und schwere Waffen für den Kampf am Boden und zur Flugverteidigung geschickt. Abwehrsysteme wie "Patriot" und "Iris-T" wirken überaus effektiv gegen feindliche Flugzeuge, Raketen und Drohnen und dies 24 Stunden am Tag - und schützen doch nur auf einen gewissen Umkreis des eigenen Standortes. Dagegen sind Kampfflugzeuge zum Schutz großer Regionen geeignet.

Was bedeutet eine mögliche Lieferung der Flugzeuge für den weiteren Kriegsverlauf?

Mehr noch als zur Überwachung und zum Schutz gegen Angriffe können Kampfflugzeuge als sogenannte Luftnahunterstützung in Kämpfe am Boden eingreifen. Sie ermöglichen es, die Kraftquellen ("center of gravity") des Gegners anzugreifen. Die Ukraine wäre befähigt, Nachschubwege, Aufmarschgebiete, Treibstofflager und strategische Ziele Russlands zu zerstören. Der Operationsradius und der Radius der an Kampfjets verbauten Waffen würde weit ins russische Hinterland reichen. Das hat man seitens des Westens immer versucht zu vermeiden. So wurden die US-Mehrfachraketenwerfer vom Typ "Himars" sogar mit sogenannter Kurzmunition geliefert, damit die Ukraine nicht auf russisches Territorium feuern kann.

Denn spätestens da - so befürchten einige - wird politisch gefährlich, was im Sinne der Selbstverteidigung nicht verboten scheint. Russland würde die Lieferung von Kampfjets als weiteren großen Schritt sehen für die vom Kreml ohnehin seit Langem behauptete direkte Beteiligung des Westens an dem Krieg in der Ukraine.

Wie spiegelt sich die Forderung in der politischen Debatte in Deutschland?

Mehrere Länder, darunter die Frankreich und Polen, schließen die Lieferung von Kampfjets an die Ukraine nicht aus. In der Bundesregierung will man dieses Signal nicht setzen. Weder als Vorhaben noch als Option akzeptieren derzeit Politiker der Ampel-Koalition diesen Schritt. Kanzler Olaf Scholz sprach von einer "eigenwilligen" Debatte, zu der er alles gesagt habe. Ihn treibt die Sorge vor einer unkontrollierten Ausbreitung des Krieges auf andere Länder oder sogar NATO-Gebiet um. Auch Verteidigungsminister Boris Pistorius warnte: "Kampfflugzeuge sind viel komplexere Systeme als Kampfpanzer und haben eine ganz andere Reichweite und Feuerkraft. Da würden wir uns in Dimensionen vorwagen, vor denen ich aktuell sehr warnen würde."

Seit Beginn des Krieges steht Scholz - und damit Deutschland - für einen abwägenden und insbesondere mit den USA abgestimmten Kurs. Kritiker im In- und Ausland werten dies als Zögerlichkeit. Aber auch die Vorkämpfer der "Leopard"-Lieferung, wie die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann und der Grüne Anton Hofreiter, machten deutlich, dass sie gegen eine Lieferung von Kampfjets sind.

Der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Christoph Heusgen, befürwortete in der ARD hingegen die Lieferung von Kampfflugzeugen an die Ukraine, um sich gegen Russland zu verteidigen. Ausländische Kräfte dürften der Ukraine gemäß dem Völkerrecht Waffen liefern, auch Kampfflugzeuge. SPD-Co-Chefin Saskia Esken hatte die Lieferung zumindest nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Auch FDP-Verteidigungspolitiker Marcus Faber warnte vor "roten Linien". Auf die Frage, welche Jets Deutschland liefern könnte, sagte er: "Im Zweifel ist für uns natürlich der Tornado ein System, was wir sowieso zum Ende des Jahrzehnts aus der Bundeswehr ausmustern." Die Ukraine brauche aber vor allem sowjetische Systeme wie die MiG-29, die sie schon kenne.

Woher könnten die MiG-29 kommen?

Die Ukraine verfügt noch über diese Maschinen, ihre Piloten können also ohne weitere Schulung mit ihnen umgehen. Die Bundeswehr nutzte nach der Wiedervereinigung noch einige MiG-29 der DDR. Ende 2002 wurden alle verbliebenen 22 MiG-29 an Polen abgegeben. Ihre Weitergabe an die Ukraine müsste Deutschland als ursprünglicher Eigner wohl ausdrücklich genehmigen. Weitere NATO-Partner aus dem ehemaligen Ostblock wie die Slowakei und Bulgarien haben gleichfalls noch solche Maschinen. Problem wäre aber die Versorgung der MiG-29 mit Ersatzteilen. Denn diese werden in Russland hergestellt.

Wie reagieren andere NATO-Länder auf die Forderung nach Kampfjets?

Die USA hatten die Lieferung von Kampfjets an die Ukraine zunächst nicht ausgeschlossen. Auf die Frage, ob die USA die Lieferung von Kampfjets in Erwägung ziehen, sagte der stellvertretende Nationale Sicherheitsberater von Präsident Biden, Jon Finer, man habe kein bestimmtes Waffensystem ausgeschlossen. Man werde die Unterstützung danach ausrichten, was die Ukraine brauche. Biden stellte inzwischen klar: Man werde vorerst keine F16-Kampfjets liefern.

Polens Regierung würde es nach eigenen Angaben unterstützen, wenn die NATO eine Lieferung von Kampfflugzeugen an die Ukraine beschließen sollte. "Ich glaube, wir, die NATO, müssen mutiger sein", sagte Ministerpräsident Mateusz Morawiecki dem französischen Sender LCI. Auch aus Frankreich kam bislang kein kategorisches Nein, ebenso nicht aus den Niederlanden. Regierungschef Mark Rutte betonte, es gebe "kein Tabu, aber es wäre ein großer Schritt", wenn Kampfflugzeuge an Kiew geliefert würden.

Wie geht es weiter?

Seit Beginn des Krieges vor elf Monaten diskutiert Deutschland nunmehr nahezu in Dauerschleife darüber, wie stark es die Ukraine unterstützen will und wo die Grenze sein soll. Wie Kanzler Scholz zuletzt im Bundestag ausführte, verläuft die rote Linie nun bei Kampfflugzeugen. Aber wenn man bedenkt, wie sich die Dinge seit den berühmten Ankündigung von Ex-Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, 5000 Helme zu liefern, entwickelt haben, ist da vielleicht noch nicht das letzte Wort gesprochen.

Nach Ansicht des Verteidigungsexperten Markus Kaim von der Stiftung Wissenschaft und Politik hat Deutschland seine eigenen Kriegsziele bisher nicht ausreichend klar definiert. Die Bundesregierung müsse für sich selbst bestimmen, wie weit sie in dem Konflikt gehen will: "Wollen wir lediglich verhindern, dass die russischen Streitkräfte noch weiter vorrücken? Oder wollen wir erreichen, dass die ukrainische Armee die von Russland besetzten Gebiete in der Ostukraine zurückerobert - und vielleicht auch noch die Krim? Dann müssten wir natürlich noch viel, viel mehr Waffen liefern." Solange das nicht geklärt sei, wirke der Bundeskanzler zwangsläufig wie ein Getriebener.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Januar 2023 um 12:00 Uhr.