Vladimir Solovyov (Aufnahme 23. April 2023)
Kontext

Polit-Talkshows in Russland "Entweder wir gewinnen oder niemand bleibt am Leben"

Stand: 16.05.2023 11:37 Uhr

Politische Talkshows sind ein wichtiger Bestandteil für die Verbreitung von Propaganda in Russland - mit zum Teil drastischen Inhalten. Vor allem eine nukleare Eskalation wird gerne heraufbeschworen.

Von Carla Reveland und Pascal Siggelkow, ARD-faktenfinder

All das sind Aussagen, die in den letzten Tagen in politischen Talkshows im russischen Fernsehen getätigt wurden: "Die Ukraine soll als Nation liquidiert werden". "Entweder wir gewinnen oder niemand auf der Welt kann am Leben bleiben" oder Wolodymyr Selenskyj solle enthauptet und jeder in Russland, der für die Ukraine steht, getötet werden.

Die Fernsehdiskussionen werden mit aggressivem Vokabular geführt. So wird Ende April in einer Talksendung nicht über die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges diskutiert, es werden bereits Hypothesen aufgestellt, wie Russland die Weltherrschaft nach einem gewonnenen Atomkrieg gestalten könne.

Talkformate zentraler Teil russischer Propaganda

Politische Talkshows dominieren gemeinsam mit den Nachrichten das Programm des russischen Fernsehens. "Die Talkshows sind sehr wichtig für die russische Propaganda und nehmen eine zentrale Rolle im Staatsfernsehen ein", sagt Magdalena Kaltseis, Assistenzprofessorin für Russische Sprachwissenschaft und Fachdidaktik Russisch an der Universität Innsbruck. Sie könnten auch politisch weniger interessierte Menschen erreichen, da sie einen gewissen Unterhaltungswert böten. Zudem seien sie einfach und kostengünstig zu produzieren.

So kommen Polit-Talks und Nachrichten beispielsweise auf dem Perwy Kanal im Februar 2022 auf rund elf Stunden Sendezeit pro Tag. Die Talkshows in Russland erreichen dabei einen Zuschaueranteil von bis zu 25 Prozent, manchmal auch mehr. Vor allem kurz nach Beginn des russischen Angriffkriegs schnellten die Einschaltquoten nach oben, inzwischen sind sie etwas rückläufig. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Talkshowanteil in der ARD und dem ZDF nach Angaben der ARD-Pressestelle bei etwa zwei bis drei Prozent eines Sendetages, die höchsten durchschnittlichen Einschaltquoten im aktuellen Jahr hat dabei Markus Lanz (14,2 Prozent).

"Kein anderes Programm mehr"

Bereits seit Wladimir Putin 2012 seine dritte Amtszeit als Präsident antrat, sind Talkshows elementar - doch mit Beginn des Kriegs in der Ostukraine 2014 gab es laut Kaltseis einen rapiden Anstieg. "Ab Februar 2022 war es dann so, dass es nur noch Nachrichten und Talkshows im russischen Fernsehen gegeben hat", sagt Kaltseis. "Es gab keine anderen Programme mehr." Der Vorteil der Talkshows sei, dass dort alles behauptet werden könne. "Dadurch wird die Stimmung unglaublich aufgeheizt."

So beschimpfte der Moderator der Sendung Wremja pokashet (dt. Die Zeit wird es zeigen) einen der "proukrainischen" Gäste als "faschistische Laus" und ließ ihn aus dem Studio werfen, nachdem dieser gesagt hatte, die Rote Armee sei 1941 aus der Ukraine "schändlich abgehauen".

In der Studie "Broadcasting Agitainment" von Vera Tolza und Yuri Teper, University of Manchester, wird die neue Medienstrategie Russlands seit 2012 als "Agitainment" bezeichnet. "Eine ideologisch geprägte politische Berichterstattung, die durch die Anpassung spezifischer globaler Medienformate an lokale Bedürfnisse so verpackt ist, dass sie auch weniger engagierte und sogar skeptische Zuschauer anspricht." Politische Talkshows würden komplexe Sachverhalte bewusst überpersönlich darstellen sowie grobe, aus dem Zusammenhang gerissene Verallgemeinerungen und stumpfe Übertreibungen verwenden.

Russische Medien: staatsnah und kremltreu

Fernsehen ist in Russland nach wie vor das wichtigste Medium. Meinungsumfragen zufolge verlassen sich mehr als 60 Prozent der russischen Bevölkerung auf das Fernsehen als Quelle für politische Informationen. Die meisten russischen Fernsehsender werden anders als in Deutschland ganz oder zum Teil von der Regierung finanziert - auch die drei reichweitenstärksten Sender Rossija 1, der Perwy Kanal und NTW.

"Wie staatsnah beziehungsweise regimetreu die Talkshows sind, wird auch dadurch deutlich, dass Duma-Abgeordnete teilweise sogar gleichzeitig die Moderatoren einiger Sendungen waren, wie zum Beispiel Pjotr Tolstoi und Wjatscheslaw Nikonow", sagt Kaltseis. Wenig überraschend werden daher hauptsächlich die russischen Narrative zum Krieg in der Ukraine verbreitet - erst im Januar bezeichnete Nikonow die USA und die NATO in Anspielung an das deutsche Nazi-Regime als Begründer des "Vierten Reichs".

Kaum noch abweichende Ansichten

Eine wirkliche politische Diskussion findet allerdings nicht statt und sei auch nicht das Ziel: "Menschen, deren Meinung nicht mit der offiziellen Position übereinstimmt, werden lächerlich gemacht, angeschrien und manchmal auch physisch angegriffen." Oppositionelle Stimmen seien inzwischen sehr selten geworden, während Politiker der Regierungspartei Einiges Russland zum Stammpersonal gehörten, sagt Kaltseis.

Das sagt auch Julia Smirnova, Senior Researcherin am Institute for Strategic Dialogue Germany (ISD). "Mit der Verabschiedung des Gesetzes gegen sogenannte Fake News oder Diskreditierung der russischen Armee wurde eigentlich jede Meinung und jede Darstellung des Kriegs, der von der offiziellen Linie abweicht, zu einer Straftat erklärt."

Die Duma hatte kurz nach Beginn des Angriffskriegs ein Gesetz verabschiedet, wonach die Verbreitung von "Fake News" über die russische Armee mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft werden können. Bis Februar 2022 gab es noch wenige nichtstaatliche Fernsehsender in Russland - darunter der Sender Doschd, der allerdings nur über das Internet zu empfangen war und von der russischen Regierung 2021 zum "ausländischen Agenten" erklärt wurde. Infolge des Krieges und des zunehmenden Drucks auf und der Drohungen gegen nichtstaatliche Medien musste Doschd im März 2022 seinen Sendebetrieb einstellen.

Diskreditierung des Westens

Dass die Ukraine und generell der Westen im russischen Staatsfernsehen diskreditiert werden, sei ein wichtiger Bestandteil der inländischen Propaganda, sagt Smirnova. "Aber es geht auch darum, zum Beispiel von der Tatsache abzulenken, dass der Krieg für den Kreml nicht genau nach Plan verläuft, dass die russische Armee nicht so stark ist wie erwartet."

Dem russischen Regime ginge es darum, den Mythos von Russland als Supermacht zu stärken. Dabei griffen Talkshows laut der britischen Studie besonders häufig auf Verschwörungserzählungen zurück. Während der Berichterstattung über die Annexion der Krim wurden beispielsweise die Ereignisse in der Ukraine systematisch als eine im Wesentlichen US-amerikanische oder westliche Verschwörung dargestellt.

Auch werde die Situation im Westen durch die Sanktionen gegen Russland im russischen Fernsehen viel dramatischer dargestellt, so Smirnova. "In einer Talkshow wurde behauptet, in Großbritannien würde man wegen der Lebensmittelknappheit Eichhörnchen essen und trotzdem weiter Waffen an die Ukraine liefern. Also wirklich sehr absurde Geschichten, die dann beim Publikum im Gedächtnis bleiben sollen."

Ausländische Gäste erhöhen Glaubwürdigkeit

Der Report "Ukraine Fatigue" des Centre for Information Resilience (CIR) zeigt, wie Russland gezielt Desinformationsnarrative verbreitet, um den Willen zur Unterstützung der Ukraine in westlichen Ländern zu reduzieren und eine möglicherweise aufkommende Ukraine-Müdigkeit zu verstärken. So verbreitet Russland beispielsweise, dass ukrainische Geflüchtete Nazis seien oder nicht mit dem zufrieden wären, was sie von den Aufnahmeländern bekämen. Auch betone Russland immer wieder, die Ukraine hätte den Krieg provoziert und Russland keine andere Wahl gelassen. Nina Jankowicz, Autorin der Studie und Vize-Präsidentin des CIR, sagt: "Russland versucht durch diese Narrative seine Schuld am Krieg in Zweifel zu ziehen, denn dann kann es die westliche Solidarität in Bezug auf die Sanktionen brechen."

Die russische Propaganda sei sehr genau auf ihr jeweiliges Publikum zugeschnitten, sagt Co-Autorin Sophia Freuden. Der Kreml wisse, was er in welcher Form an das russische Publikum richte und was ans Ausland, um in die Meinungsbildung eingreifen zu können. Ausländische Akteure werden regelmäßig als Gäste eingeladen. So waren beispielsweise Deutsche wie Alina Lipp oder der AfD-Bundestagsabgeordnete Steffen Kotré schon in russischen Talkshows zu sehen. Auch Ausschnitte des US-Amerikaners Tucker Carlson wurden in den Talkshows öfter eingespielt.

Zum einen sollen sie den Narrativen Glaubwürdigkeit verleihen. "Deren Ansichten sind in den meisten Fällen sehr nahe an der russischen Propaganda. Trotzdem werden sie im russischen TV als glaubwürdige Zeugen dargestellt", sagt Smirnova vom ISD. Zum anderen würden Gäste wie Lipp oder Kotré die Argumente, die sie in den Talkshows gehört oder in russischen Propagandazeitschriften gelesen haben, einem westlichen Publikum weiter verbreiten, ergänzt Jankowicz.

"Alles, was dem Feind schadet, nützt uns"

Die teils martialische Rhetorik insbesondere der Talkshows mit offenen Drohungen eines Atomkriegs sieht Smirnova insgesamt als "sehr gefährlich" an. "Durch die ständige Wiederholung wird das Szenario, Russland könnte Nuklearwaffen tatsächlich einsetzen, normalisiert. Diese Drohrhetorik schürt Hass gegen die Ukraine und den Westen und entmenschlicht die Bevölkerung der Länder, gegen die Nuklearwaffen eingesetzt werden sollen. Das senkt die Hemmschwelle für Gewalt und Zerstörung noch weiter und kann schwere langfristige Folgen für die Gesellschaft haben."

Anton Himmelspach, Politikredakteur von dekoder.org, sieht in der Atomdrohung einen Teil der russischen Propagandastrategie im Inland. "Das Motto lautet: Alles, was dem Feind schadet, nützt uns. Bei einem Atomkrieg wäre es ja für alle vorbei, nicht nur für den Westen. Dies reflektiert die Propaganda aber natürlich nicht." Das Feindbild Westen sei zentral, es werde erzeugt, um das Regime im Inland zu stabilisieren. Das sei typisch für autokratische Systeme.

Den eigentlichen Widerspruch der Narrative, auf der einen Seite sich als angegriffene Partei darzustellen und auf der anderen Seite offen mit einer Eskalation zu drohen, sieht Himmelspach als typisch für Putins System an. "Die russische Propaganda betreibt oft eine Täter-Opfer-Umkehr und enthält sich widersprechende Erzählungen", sagt er. Das hänge auch mit dem Opportunismus zusammen, die russische Gesellschaft mit den verschiedenen Narrativen hinter Putin vereinen zu wollen - durch gemeinsame Feindbilder oder auch dem Glauben an die eigene Stärke.

"Propaganda sorgt für hohe Zustimmungswerte"

Wie erfolgreich speziell die Talkshows mit Blick auf die russische Propaganda sind, sei schwer einzuschätzen, sagt Smirnova. "Es ist nicht einfach, die Wirksamkeit einzelner Propagandamaßnahmen zu messen. Politische Talkshows gehören momentan nicht zu den allerpopulärsten Sendungen im russischen Fernsehen. Doch insgesamt sorgt das repressive System zusammen mit der Propaganda für hohe Zustimmungswerte für Putin und fehlende Bereitschaft, gegen den Krieg zu protestieren."

Im Ausland hingegen sei der Informationskrieg durch Russland nur bedingt erfolgreich, sagt Janowicz. Zwar könne man sehen, dass sich russische Narrative gerade im globalen Süden verfangen, in Europa und den USA zeige sich aber nach wie vor eine stabile westliche Koalition, die hinter der Ukraine steht. "Ich würde sagen, die Kommunikationsstrategie war nicht so erfolgreich, wie Russland gehofft hatte."

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Mai 2023 um 23:27 Uhr.