Papst Franziskus

Kehrtwende in der katholischen Kirche Vatikan geht auf Schwule und Lesben zu

Stand: 13.10.2014 21:28 Uhr

Die Führung der katholischen Kirche geht einen Schritt auf Schwule und Lesben zu. Homosexuelle könnten die christliche Gemeinschaft mit ihren "Gaben und Eigenschaften" bereichern, heißt es in einem Zwischenbericht des Vatikan bei einer Tagung von rund 200 Bischöfen zum Thema Ehe und Familie. Erstmals wird darin die Frage aufgeworfen, ob die Kirche Schwule und Lesben willkommen heiße und ihnen einen "brüderlichen Platz" in den Gemeinden anbieten könne, ohne die katholischen Wertvorstellungen zu verletzen.

In dem Zwischenbericht schlagen die Bischöfe zwar nicht vor, die bisherige Doktrin zu ändern, nach der Homosexualität verurteilt wird. Allerdings heißt es in dem Papier, "ohne die moralischen Probleme, die mit homosexuellen Partnerschaften verbunden sind, negieren zu wollen" könne der gegenseitige Beistand "wertvoll" und positiv für das Leben der Partner sein. Grundsätzlich beharren die Bischöfe in ihrem Bericht aber darauf, dass eine Ehe nur zwischen Mann und Frau möglich sei. Deren "positiven Werte" und ihre Bedeutung sollten gestärkt werden.

Ratzinger sprach noch von "Anomalie"

Dennoch heben sich die Formulierungen deutlich von früheren Erklärungen ab, die unter den Vorgängern von Papst Franziskus veröffentlicht wurden. So nannte Benedikt XVI., als er noch Kardinal Joseph Ratzinger war, Homosexualität eine "Anomalie". Der Vatikan-Experte und Buchautor John Thavis spricht angesichts des neuen Tonfalls von einem "Erdbeben". Das Dokument zeige, wie sehr Franziskus beim Thema Ehe und Familie die Barmherzigkeit in den Vordergrund rücke. Die Formulierungen lassen vermuten, dass sich unter den Bischöfen gemäßigtere Kräfte durchgesetzt haben.

Das Dokument "Relatio post disceptationem" (Bericht zum Stand der Diskussion) ist nach einwöchigen Beratungen der Bischöfe verfasst worden und wurde in Anwesenheit von Franziskus verlesen. Es bildet die Grundlage für weitere Gespräche in der Synode, die in den kommenden Tagen folgen sollen. Eine weitere Tagung dieser Art ist für 2015 geplant.

Die außerordentliche Synode war von Papst Franziskus einberufen worden. Ein im vergangenen Winter vom Vatikan verschickter Fragebogen hatte ergeben, dass viele Gläubige die kirchliche Lehre nicht mehr im Einklang mit der Realität der modernen Familie sehen.