"Bruder Nummer Zwei" Nuon Chea

Prozess in Kambodscha Ex-Führungsriege der Roten Khmer vor Gericht

Stand: 27.06.2011 06:01 Uhr

Vor dem Völkermord-Tribunal in Kambodscha hat einer der wichtigsten Prozesse zur Aufarbeitung der Gräueltaten der Roten Khmer begonnen. Mehr als 30 Jahre nach dem Ende des Terror-Regimes stehen die letzten noch lebenden Verantwortlichen vor Gericht.

Auf der Anklagebank sitzen Pol-Pot-Vize Nuon Chea, der Chefideologe und "Bruder Nr. 2" der Bewegung, der frühere Staatschef Khieu Samphan, Ex-Außenminister Ieng Sary sowie dessen Ehefrau Ieng Thirith, die Ministerin für soziale Angelegenheiten war. Sie sind unter anderem wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Alle vier haben sich für unschuldig erklärt. Das Gericht kann als Höchststrafe lebenslange Haft verhängen. Nuon Chea sagte, er sei "nicht glücklich" mit dem Verfahren. Dann verlangte er durch seinen Anwalt die Einstellung des Prozesses und verließ aus Protest den Saal. Er wurde zurück in seine Zelle gebracht.

Opfer auf der Zuschauertribüne

Auf der Empore des Gerichtssaals in Phnom Penh verfolgen rund 500 Zuschauer das Geschehen, von denen viele unter dem Regime Pol Pots zu leiden hatten, in den 1970er Jahren 1,78 Millionen Menschen zum Opfer fielen - durch Folter, Hinrichtung, Zwangsarbeit und Hungersnöte. Die Roten Khmer unter ihrem Führer Pol Pot wollten das jahrelang durch Bürgerkrieg und amerikanische Bomben geschundene Land zu einem kommunistischen Musterstaat machen. Nach der Machtübernahme 1975 verdächtigten sie bald Hunderttausende Menschen als Verräter.

Buddhistische Mönche in Kambodscha

Viele Kambodschaner, auch buddhistische Mönche, stellten sich an, um den Prozess zu verfolgen.

In einem ersten Prozess war im vergangenen Jahr bereits der Chef des berüchtigten Foltergefängnisses "S21" (Toul Sleng) zu 35 Jahren Haft verurteilt worden. Kaing Guek Eav alias "Duch" legte aber Berufung gegen das Urteil ein.

Sondertribunal arbeitet seit 2006

Das Sondertribunal für Kambodscha war nach langen Verhandlungen zwischen der UNO und der Regierung in Phnom Penh im Jahr 2006 ins Leben gerufen worden. Tausende Verantwortliche werden jedoch niemals belangt werden können. "Bruder Nr. 1", Pol Pot, starb unter ungeklärten Umständen 1998. Acht Jahre später starb auch sein gefürchteter Militärbefehlshaber Ta Mok im Gefängnis.

Hintergrund

Die Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha dauerte von 1975 bis 1979. Durch Zwangsarbeit, Hungersnöte, Folter und Mord kamen in diesen Jahren Schätzungen zufolge etwa 1,7 Millionen Menschen ums Leben - fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

1975 stürzten sie die von den USA unterstützte und unbeliebte Regierung. Das neue Regime unter Pol Pot wollte einen geldlosen Bauernstaat verwirklichen. Es zwang die Städter aufs Land und verordnete ihnen Schwerstarbeit.

Hunderttausende Menschen starben durch Hungersnöte, Seuchen und Zwangsarbeit. Weitere Hunderttausende Verdächtige wurden als Feinde des Regimes gefoltert und ermordet. Insgesamt fielen der Schreckensherrschaft der Roten Khmer fast zwei Millionen Menschen zum Opfer - fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

1979 vertrieben vietnamesische Truppen die Roten Khmer und zogen in die seit vier Jahren verlassene Hauptstadt Phnom Penh ein. Jahrelang wurde niemand zur Rechenschaft gezogen, weil Kambodscha zum Spielball der Weltmächte wurde und im Bürgerkrieg versank. Pol Pot starb 1998 unbehelligt in der Provinz.