Der ukrainsische Oppositionspolitiker Vitali Klitschko.

Ukrainischer Oppositionsführer im Porträt Klitschkos größter Kampf

Stand: 03.12.2013 12:15 Uhr

Als Boxer ist Vitali Klitschko für die Ukrainer ein Nationalheld. Als Politiker steht er für eine stärkere Anbindung an den Westen und den Kampf gegen Korruption. Doch ob er dem derzeitigen Machtkampf gewachsen ist, muss sich noch zeigen.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Inmitten einer Menge aufgeregter Politiker und Journalisten bleibt er ganz die Ruhe. Mit seinen zwei Metern Körpergröße überragt Vitali Klitschko alle. Geduldig bleibt er im Hintergrund, bis es an ihm ist, ein Statement abzugeben.

Breitbeinig stellt er sich dann hinter einem viel zu kleinen Sprecherpult auf, die langen Arme lässt er hängen, die Hände sind leicht zur Faust geballt. Konzentriert und mit erstaunlich verhaltener Stimme spricht der 42-jährige Boxweltmeister und Oppositionspolitiker: Die Ukraine sei europäisch, das Land brauche demokratische Reformen, Präsident Viktor Janukowitsch habe Angst um seine Macht und wolle die EU erpressen.

"Außerordentlich kluger Gesprächspartner"

Diese Botschaft verbreitet er unermüdlich, ob in der Ukraine oder vor wenigen Tagen am Rande des EU-Gipfels in Vilnius. Dort traf er mit wichtigen Vertretern aus der EU zusammen, von Kommissionspräsident José Manuel Barroso über Erweiterungskommissar Stefan Füle bis zu Elmar Brok, dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Europa-Parlament.

"Er ist ein außerordentlich kluger und zunehmend auch politisch erfahrener Gesprächspartner, der eindeutig den westlichen Werten zugeneigt ist und der von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit als Bedingung für wirtschaftlichen Erfolg spricht", lobt Brok den promovierten Sportwissenschaftler. Deswegen sei Klitschko ein sehr vertrauenswürdiger Gesprächspartner.

Der ukrainische Oppositionspolitiker Vitali Klitschko.

Auch als Politiker will Vitali Klitschko kämpfen - einen Vertrauensvorschuss dafür beim Volk hat er, weil er nicht mehr nach Ruhm und Geld strebt.

Doch ist Klitschko als Politiker den enormen politischen Herausforderungen seines Landes gewachsen? Erfahrungen als Politiker sammelte er bereits in den vergangenen Jahren. 2006 und 2008 trat er bei der Bürgermeisterwahl in Kiew an. 2012 wurde seine Partei "Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen" drittstärkste Kraft im Parlament. Im Oktober kündigte er bereits seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2015 an.

Nationalheld im Osten und im Westen

Klitschko bringt einen großen Vorteil mit in der Ukraine, deren Bevölkerung eine eigene Identität zwischen Westeuropa und Russland sucht. Als erfolgreicher Profiboxer ist er Nationalheld sowohl im Osten als auch Westen des Landes. Er wird auch nicht qua Geburt einer der Regionen zugeordnet. Denn als Sohn eines ukrainischen Offiziers der Sowjetarmee wurde er im fernen Kirgistan geboren und kam erst als Jugendlicher nach Kiew.

Dank seiner erfolgreichen Sportlerkarriere braucht Klitschko nicht mehr nach Ruhm und Geld zu streben. Das macht ihn vertrauenswürdiger als andere Akteure. "Als Politiker hat er bisher keine negativen Schlagzeilen über Verrat oder Betrug gemacht. Seine Fraktion im Kiewer Stadtrat blieb bei ihren Positionen. Auch seine Fraktion im Parlament ist noch nicht beschädigt", sagt der Journalist Iwan Gaiwanowitsch vom ukrainischen Nationalradio.

Dies ist ein großer Vorteil, ist doch bekannt, dass die Familie des Präsidenten und fünf bis sechs Oligarchengruppen die wichtigen Positionen in Ministerien und Behörden mit Getreuen besetzt halten und damit Zugriff auf die staatlichen Ressourcen haben. Kontrollinstanzen wie Gerichte, die Finanz- und Wettbewerbsaufsicht sind so weit geschwächt, dass sie kein Korrektiv in diesem korrupten System sind. Deshalb vertraut eine Mehrheit der Menschen in der Ukraine dem Staat und der Politik nicht mehr.

In politischen Intrigen unerfahren

"Klitschkos Schwäche ist, dass er in politischen Intrigen unerfahren ist", sagt Gaiwanowitsch. So wirft das Bündnis mit der Freiheitspartei und mit der Vaterlandspartei der inhaftierten Politikerin Julia Timoschenko Fragen auf. Im Moment ist das Bündnis geeint. Was aber, wenn es einen gemeinsamen Kandidaten aufstellen muss? Darauf gibt Klitschko eine ausweichende Antwort: "Es ist noch zu früh, über dieses Thema zu sprechen. Wir koordinieren unsere Aktionen im Parlament. Ich bin sicher, dass wir in absehbarer Zeit eine Lösung finden werden."

Timoschenko wird in der Ukraine keineswegs als Märtyrerin angesehen. Auch ihr werden Korruption und Intrigen nachgesagt. Problematischer noch ist die nationalistische Freiheitspartei, deren Führer Oleh Tiahniboh zwar in Vilnius und anderswo als smarter und westeuropäisch orientierter Politiker auftritt. Doch der Mann aus dem westukrainischen Lemberg fiel auch schon mit antisemitischen und homophoben Äußerungen auf. Tiahniboh treibt die Demonstranten zu "revolutionären" Taten. Seine Leute besetzten am Sonntag das Kiewer Rathaus. Er fordert den Sturz Janukowitschs.

Der ukrainische Oppositionspolitiker Vitali Klitschko.

Von der EU verlangt Klitschko, Sanktionen gegen die Führung von Präsident Janukowitsch zu erheben.

Auch Klitschko will einen Rücktritt des Präsidenten und der Regierung sowie baldige Neuwahlen. Fragen nach seinem politischen Geschick warf er mit seiner Forderung an die Europäische Union auf, Sanktionen gegen Janukowitschs Führung zu erheben. Eine EU-Sprecherin wies dieses Ansinnen sogleich zurück.

Friedensangebot an Russland

Die größte Herausforderung käme jedoch auf Klitschko zu, sollte das Oppositionsbündnis Regierungsverantwortung übernehmen. Dann müsste er den Menschen verständlich machen, dass der versprochene Weg in Richtung Westeuropa lang und beschwerlich ist. Eine neue Regierung müsste die Wirtschaftseliten für sich gewinnen und die staatlichen Institutionen dem Einfluss der Oligarchen entziehen.

Dann wäre da noch der große Nachbar im Osten. Reizvoll ist die Vorstellung, dass der Schwergewichtsboxer Klitschko auf den schmächtigen Judoka Wladimir Putin trifft. Der russische Präsident wird allerdings noch lange über wirtschaftliche Knebeltechniken verfügen, um die Ukraine auf die Matte werfen zu können. Klitschko versucht es mit einem Friedensangebot: "Wir müssen mit allen Nachbarländern, vor allem der Russischen Föderation, gute nachbarschaftliche Beziehungen pflegen, uns gegenseitig respektieren und nach beiderseitigen Vorteilen suchen. Aber unsere nationalen Interessen stehen uns dabei im Weg."

Ob Klitschko über genügend politisches Geschick verfügt, wird sich erweisen. Ebenso, ob ihn das Wohlergehen seiner Landsleute motiviert, oder wie sehr er neben Ruhm und Geld auch Macht anstrebt.

Ausdauer, Disziplin und Selbstbeherrschung bewies er bislang nicht nur in seiner sportlichen Karriere. Aus den häufigen Parlamentsraufereien zwischen den zu Emotionen und Körpereinsatz neigenden Politikern hielt er sich heraus. Einmal, 2009, stellte er sich schlichtend zwischen Kontrahenten in einen Streit im Kiewer Stadtrat. Seine Fäuste nutzt er nur symbolisch als Argument.