Migranten, die an der Küste nahe Obock in Dschibuti darauf warten, per Boot in den Jemen transportiert zu werden.
Weltspiegel

Horn von Afrika Flüchtlingsroute durchs "Tor der Tränen"

Stand: 29.11.2022 07:03 Uhr

Es ist eine von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommene Flüchtlingsbewegung: von Ostafrika über das Meer auf die arabische Halbinsel. Zehntausende wagen jährlich die Überfahrt - und geraten von einem Kriegsschauplatz zum nächsten.

Die Nachricht des Schleppers erreicht uns in Obock, einer kleinen Stadt im Norden Dschibutis. Noch am selben Tag, teilt er mit, würden Migranten aus der Steppe hinter der Stadt zu einem Boot gebracht. Die Gruppe solle mitten im Hinterland auf einen Pick-up verladen werden.

Viele Migranten stammen aus Äthiopien, sind vor Armut oder dem Krieg, der seit zwei Jahren in der Provinz Tigray tobt, geflohen. Einige kommen aus den Nachbarländern. Bis hierher haben sie es geschafft, nun soll es mit dem Schiff auf die arabische Halbinsel weitergehen.

"Es gibt Arbeit in Saudi-Arabien, da will ich hin", sagt einer der Migranten, der angeblich aus dem Sudan kommt. Dschibuti drückt bei illegalen Migranten ein Auge zu. Den Schleppern droht allerdings Gefängnis.

Geflüchtete versuchen über Dschibuti die arabische Halbinsel zu erreichen

Norbert Hahn, ARD Nairobi, Weltspiegel 18:30 Uhr

Die Zahl der Flüchtenden steigt

Allein bis zur Jahresmitte sind nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) schon mehr als 25.000 Menschen aus Ostafrika auf die arabische Halbinsel geflohen - fast so viele wie im gesamten Vorjahr.

Es ist eine der großen Flüchtlingsbewegungen, die von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen wird.

Übersetzen in den Krieg

Ein paar Kilometer weiter werden zwei Dutzend junger Männer am Kliff über dem Strand in zwei Gruppen hintereinander aufgereiht, sie alle sind auf der Suche nach einer besseren Zukunft.

Obock ist eine triste Kleinstadt mit etwa 30.000 Einwohnern, im Norden Dschibutis, am Horn von Afrika. Es gibt kaum Landwirtschaft, keine Industrie, kaum Arbeit. Der Ort liegt am Golf von Tadjoura, der etwas weiter nördlich in das Bab al-Mandab übergeht, dem "Tor der Tränen": eine 27 Kilometer breite Meerenge zwischen Afrika und der arabischen Halbinsel.

Auf der anderen Seite liegt schon der Jemen. Dass dort noch ein Krieg wartet, wissen viele der jungen Männer am Strand nicht. .

Fischfang und Schmuggel

In Obock lebt man vor allem vom Fischfang - und vom Schmuggel: Benzin, Alkohol, einfach alles. Auch Menschen. Aber Schmuggeln ist in Dschibuti natürlich verboten. Deshalb spricht hier niemand darüber.

"Man verdient hier nicht viel mit seiner Arbeit", sagt Fischer Abdou. "Dafür muss man raus aus Dschibuti. Im Jemen, da verdient man mehr." Es ist die Not, die Fischer zu Menschenschmugglern macht - die dann manchmal in die Fänge der Küstenwache gehen.

Die Fracht der kleinen Boote besteht aus Flüchtlingen, die tagelang durch die trockenen Landesteile Äthiopiens und Dschibutis gelaufen sind, oft ohne sauberes Wasser, oft ohne etwas gegessen zu haben. Was sie haben, tragen sie auf dem Leib, was sie an Geld hatten, mussten sie größtenteils den Schleppern überlassen.

Boote an der Küste von Dschibuti, wie sie auch für den Schmuggel von Migranten genutzt werden.

In Obock lebt man vor allem vom Fischfang - und vom Schmuggel: Benzin, Alkohol, einfach alles. Auch Menschen werden in Booten wie diesen in den Jemen transportiert.

Viele sind traumatisiert

Am Stützpunkt der Internationalen Organisation für Migration, kurz IOM, werden diejenigen aufgenommen, die nicht aus eigener Kraft weiterkommen. 250 Menschen finden hier Hilfe, doch viele Migranten müssen von den Helfern abgewiesen werden.

Manche von ihnen, oft Jugendliche, Frauen oder Kinder, haben auf ihrer Reise Unfassbares erlebt. Sozialarbeiterin Hawa Musa arbeitet mit den Kindern, die das Erlebte kaum allein verarbeiten können.

"Sie sprechen durch Bilder", sagt Hawa Musa. "Manchmal malen sie die Realität. Sie malen das Bild vom Schmuggler, wie er den Holzknüppel hebt. Sie kommen bei uns in Therapie." Es gebe zwei Richtungen: "Wenn sie aus Äthiopien kommen, haben sie noch Ziele. Wenn sie dann zurück kommen, dann lächeln sie nicht mehr und sind erschöpft."

Zehntausende gestorben oder verschwunden

Samsa ist eine von denen, die es nicht mehr ausgehalten haben. Sie kam aus Nordäthiopien, heiratete, ging mit ihrem Mann auf Arbeitssuche in den Jemen. Ihn zog es weiter nach Saudi-Arabien. Sie schlug sich mit kleinen Jobs im Jemen durch, musste ihre drei Kinder allein groß ziehen. Nun ist sie wieder in Dschibuti und will nur noch eins: "Ich möchte nach Hause und meine Kinder in die Schule bringen. Ich will nicht mehr in ein fremdes Land, ich habe genug davon."

Immerhin ist Samsa im IOM-Camp in Sicherheit. Zehntausende Migranten sind nach Erkenntnissen der Organisationen in den vergangenen Jahren umgekommen oder verschwunden, als sie auf verschiedenen Wegen nach Saudi-Arabien, Katar oder in die Golfstaaten waren.

"Krieg?" - Im Jemen?

IOM-Mitarbeiterin Khadija Ahmed führt uns mitten in die Einöde, in die Nähe eines Strandes, der für eine Flüchtlingstragödie steht. Zwei Steinhaufen, ein paar Muscheln: Neun Tote liegen hier, namenlos. Eine äthiopische Familie wurde ausgelöscht, als ihr Schlepperboot in Sturm und Wellen unterging. "Wenn wir ihre Adresse hätten, würden wir uns bei den Angehörigen melden", sagt Ahmed.

Während die Sonne schon untergeht, sind die letzten Migranten noch unterwegs. Auch sie waren Tage auf den Beinen. Das Essen sei zu teuer gewesen, das Wasser am Wegesrand schmutzig. Sie erzählen von ihren Hoffnungen - aber wissen sie auch, dass im Jemen Krieg herrscht? "Krieg?" fragt einer von ihnen und zögert. Dann sagt er, sichtbar frustriert: "Alles ist Krieg. Überall ist Gewalt."

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete das Erste am 27. November 2022 um 18:30 Uhr im "Weltspiegel".