Das neue Flüssiggas-Terminal in Wilhelmshaven | REUTERS
Hintergrund

Anlage in Wilhelmshaven Wie funktioniert ein LNG-Terminal?

Stand: 15.11.2022 15:56 Uhr

Noch in diesem Winter sollen die ersten Schiffe mit Flüssiggas in Wilhelmshaven anlegen. Doch welche Folgen hat die Technologie für die Umwelt, wie sieht die Klimabilanz aus?

Was ist LNG?

LNG steht für Liquified Natural Gas, als Flüssigerdgas. Flüssig wird das Gas durch extrem niedrige Temperaturen von etwa -162 °C. Gleichzeitig verliert es dadurch massiv an Volumen - verflüssigtes Flüssigerdgas braucht nur etwa ein Sechshunderstel des Platzes wie in gasförmigem Zustand. In diesem Zustand wird es in riesigen Transportschiffen - deren Tanks oft mit speziellem doppelwandigen Nickelstahl ausgestattet sind - nach Wilhelmshaven oder Brunsbüttel gebracht.

LNG - das zum allergrößten Teil aus Methan besteht - ist nicht zu verwechseln mit LPG (Liquified Petroleum Gas), das eine Mischung aus Propan und Butan meint. Im Gegensatz zum Flüssigerdgas wird beim Flüssiggas (LPG) die Verflüssigung durch Kompression erreicht. Es entsteht unter anderem als Nebenprodukt der Raffinierung von Erdöl zu Benzin. Damit können unter anderem auch Autos betrieben werden, wenn sie entsprechend umgerüstet sind.

Flüssiggas-Tankschiff | picture alliance / Zoonar

Die Flüssiggas-Tanker sind bis zu 300 Meter lang und können über 200.000 Kubikmeter LNG transportieren. Bild: picture alliance / Zoonar

Was ist ein (schwimmendes) LNG-Terminal?

Das Terminal ist keine feste Einrichtung, wie etwa bei einem Flughafen, sondern ein Spezialschiff, das fest vertäut und über Leitungen mit der Infrastruktur an Land verbunden ist. An diesem Schiff kann ein Tanker mit LNG an Bord festmachen. Dort wird das LNG dann wieder in seinen ursprünglichen gasförmigen Zustand versetzt. Auf Englisch heißen die Terminals daher auch Floating Storage and Regasification Units (FSRU). Weltweit gibt es nur etwa 50 Stück.

Das Unternehmen RWE hat beispielsweise zwei etwa 300 Meter lange FSRU im Auftrag der Bundesregierung gechartert. Laut RWE kann jedes der Schiffe in einem Entladevorgang bis zu 170.000 Kubikmeter LNG aufnehmen, an Bord in den gasförmigen Aggregatzustand überführen und anschließend ins Gasnetz einspeisen. Jährlich können damit etwa zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas verarbeitet werden. Der Jahresverbrauch in Deutschland liegt bei etwa 90 Milliarden Kubikmeter.

Was passiert mit dem Gas im Terminal?

Zunächst wird das LNG über Leitungen vom Tanker zum Terminal gepumpt. Dort wird es dann mithilfe von Wärmetauschern erwärmt und wieder ins Gas umgewandelt. Diese nutzen oft die Wärme des Seewassers oder sie verbrennen einen Teil des Gases und nutzen diese Wärme. Das dann wieder gasförmige Erdgas kann dann über Leitungen vom Terminal an Land gepumpt werden. Die Betreiber versichern, dass es sich um ein geschlossenes System handelt und daher kein Gas austreten kann.

Wie kommt das Gas in das deutsche Netz?

Vom Terminal wird das Gas an Land geleitet, wo es durch eine Gasmessanlage fließt, die etwa die Menge des gelieferten Gases misst oder prüft, ob der Druck stimmt. Die Station in Wilhelmshaven soll dann über eine 26 Kilometer lange Pipeline an das überregionale Gasnetz angebunden werden. Sie führt bis zum Anschlusspunkt Etzel und ist etwa zur Hälfte fertig. Die Arbeiten sollen bis Ende Dezember abgeschlossen sein. Die Röhre soll anfangs zehn Milliarden, später bis zu 28 Milliarden Kubikmeter pro Jahr transportieren können. Zudem soll sie langfristig auch für grünen Wasserstoff genutzt werden können. Auch in Brunsbüttel in Schleswig-Holstein soll eine neue, drei Kilometer lange Pipeline noch in diesem Winter fertig werden.

Neben Wilhelmshaven und Brunsbüttel für den kommenden Winter waren bereits zwei weitere Terminals geplant: Eines in Stade und eines in Lubmin an der Ostsee-Küste sind der Regierung zufolge wohl Ende 2023 betriebsbereit. In Lubmin hat ein privates Konsortium zudem ein zusätzliches auf den Weg gebracht.

Was sagen Umweltschützer?

Widerstand gegen Flüssiggas-Terminals kommt vor allem von Natur- und Meeresschützern: So kritisiert die Deutsche Umwelthilfe, das Energieunternehmen Uniper würde in Wilhelmshaven beim Import des Gases große Mengen umweltschädlicher Stoffe in die Nordsee einleiten - ohne vorherige Umweltprüfung.

Dabei geht es vor allem um Chlor, das bei der Umwandlung des LNG eingesetzt wird. Denn um das verflüssigte und heruntergekühlte Gas weitertransportieren zu können, muss es zunächst einmal erwärmt werden. Dies geschieht mit Hilfe von Meerwasser, dem Chlor beigefügt wird, damit Algen und Muscheln die Anlagen nicht verstopfen. Anschließend fließt das Wasser zurück in die Nordsee - eine Gefahr für die Nahrungskette, kritisieren Umweltschützer.

Das Terminalschiff "Höegh Esperanza", das Flüssiggas über Wilhelmshaven importieren soll, hat laut Umwelthilfe wegen der Einleitung dieses "Prozesswassers" an ihrem vorherigen geplanten Einsatzort im australischen Bundesstaat Victoria im Jahr 2021 keine Betriebserlaubnis erhalten. In der Umweltprüfung der dortigen Behörden, die der Deutschen Umwelthilfe vorliege, sei das Schiff durchgefallen - und das gesamte LNG-Projekt daraufhin abgesagt worden.

"In Wilhelmshaven und an den übrigen LNG-Standorten droht ein schleichender Chemieunfall", sagt der Bundesgeschäftsführer der Umwelthilfe, Sascha Müller-Kraenner. Laut Antragsunterlagen wolle Uniper mit seinem LNG-Terminalschiff zehnmal so viel Biozid in die Nordsee einleiten, wie die australischen Behörden zuvor an vergleichbarem Standort für vertretbar gehalten hätten.

Genau für solche Fälle sei die Umweltverträglichkeitsprüfung vorgesehen. Die Umwelthilfe fordert deshalb, die bisher unterlassenen Prüfungen unverzüglich für alle geplanten LNG-Projekte nachzuholen. Ein Betrieb dürfe nur zugelassen werden, wenn der Eintrag von Bioziden auf das absolut notwendige Minimum reduziert werde.

Wie sieht es mit der Klimabilanz aus?

Bei der Verbrennung von Erdgas wird immer CO2 freigesetzt - klimafreundlich ist der Brennstoff nie. Bei LNG kommt hinzu, dass der Prozess der Verflüssigung, die Kühlung auf weniger als minus 160 Grad Celsius für den Transport und der Transport selbst sehr energieaufwändig sind. All das führt dazu, dass LNG in der Regel klimaschädlicher ist als Erdgas, das über Pipelines transportiert wird.

Eine große Rolle spielt zudem die Herkunft des Gases: Insbesondere die USA fördern große Mengen Gas mit dem umstrittenen Fracking-Verfahren. Dabei wird es wird unter Hochdruck aus Gesteinsporen gepresst, im Fall älterer Technik kommt ein Chemikalien-Cocktail zum Einsatz. In Deutschland ist das Verfahren verboten.

Ein Beispiel: Ein Vier-Personen-Haushalt verbraucht in einer Woche durchschnittlich ein Gigajoule Erdgas. Allein beim Verbrennen werden 56 Kilogramm CO2 freigesetzt. Kommt das Erdgas als LNG aus den USA und wird per Fracking gefördert, kommen noch einmal 24 Kilogramm CO2-Emissionen hinzu. Bei Pipeline-Erdgas aus Norwegen dagegen werden nur rund vier Kilogramm CO2 zusätzlich ausgestoßen.

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk 03. November 2022 um 16:35 Uhr und die tagesschau am 15. November 2022 um 12:00 Uhr.