Eine Frau sitzt in Torovelo (Madagaskar) mit ihren Kindern vor einer Hütte aus Holzbalken. | dpa
Interview

Hungerkrise in Afrika "Vor Ort nach Lösungen schauen"

Stand: 13.10.2022 13:38 Uhr

Klimakrise, Konflikte und Corona lassen die Zahl der Hungernden auf der Welt steigen. Forscher wie Christoph Gornott versuchen das zu ändern. Im Interview erklärt er, worauf es bei der Hilfe für die betroffenen Regionen ankommt.

tagesschau.de: Wenn man auf den Welthungerindex schaut, fällt auf, dass in den letzten Jahren immer wieder ähnliche Länder dort aufgelistet werden. Warum ist das so?

Christoph Gornott: Ja, wir sehen da eine gewisse Systematik. Insbesondere Länder auf dem afrikanischen Kontinent sind immer wieder stark betroffen, auch in diesem Jahr wieder. Das ist sicherlich der Tschad zu nennen, Somalia, die Demokratische Republik Kongo oder Länder in Westafrika wie Burkina Faso.

Christoph Gornott | Universität Kassel
Zur Person

Christoph Gornott ist Agrarwissenschaftler und leitet die Arbeitsgruppe "Anpassung in Agrarsystemen" am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und das Fachgebiet "Agrarökosystemanalyse und -modellierung" an der Universität Kassel. Er forscht zur Verbesserung der Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft und dazu, wie die Landwirtschaft auf veränderte Klimabedingungen reagieren kann.


tagesschau.de: Sie haben verschiedene Projekte in diesen Ländern - woran arbeiten sie da?

Gornott: Ein Schwerpunkt liegt etwa auf Burkina Faso, Niger und auch dem Tschad. Und dann haben wir auf der östlichen Seite aber zum Beispiel auch Länder wie Tansania, Kenia, Äthiopien. Wir haben in diesen Regionen sehr große Probleme, teilweise klimabedingt, die zu Ernährungsunsicherheit führen. Wir erleben beispielsweise gerade in Ostafrika eine der schwersten Dürren, die überhaupt jemals beobachtet wurden. Vier Regenzeiten in Folge sind jetzt ausgefallen, und gerade in Somalia und Teilen von Äthiopien und Kenia wird jetzt einfach Wasser knapp. Entsprechend kommt es auch zu Unterernährung in diesen Regionen. Auf der Westseite von Afrika sehen wir das Gleiche, dass wir hier auch entsprechend Veränderungen im Klimasystem haben.

Hinzu kommen natürlich noch andere Gründe wie beispielsweise ökonomische Verluste durch die Corona-Pandemie und auch noch bewaffnete Konflikte auf dieser Seite, die natürlich das Leben für die Menschen dort sehr schwierig gestalten und insbesondere für die landwirtschaftliche Produktion große Herausforderungen darstellen.

tagesschau.de: Wie muss man sich Ihre Forschungsarbeit konkret jetzt vorstellen?

Gornott: Wir machen Forschung wirklich vor Ort und schauen etwa, welche klimatischen Bedingungen dort vorherrschen. Welche Böden haben wir, welche Anbautechniken gibt es, die seit Jahren praktiziert werden? Und wie verändert sich das, wenn sich jetzt das Klimasystem ändert? Wie können Kleinbauern auf so etwas reagieren?

Und das ist die große Herausforderung: Nach Lösungen zu schauen. Also etwa welche Maßnahmen, die vielleicht in den vorigen Jahren funktioniert haben, werden auch in zehn, 20 Jahren oder in 30 Jahren funktionieren? Es geht aber nicht nur um Wissenschaft, sondern - wenn entsprechendes Wissen vorhanden ist - natürlich auch um die Implementierung, dass auch dieses Wissen vor Ort genutzt werden kann. Und da arbeiten wir auch sehr eng zusammen mit beispielsweise der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, aber auch mit UN Organisationen.

tagesschau.de: Was verändert sich denn durch den Klimawandel, haben sich beispielsweise die Böden verändert?

Gornott: In Ostafrika beispielsweise wird viel weißer Mais angebaut und daraus wird beispielsweise in Tansania ein traditionelles Gericht gemacht namens Ugali. Entsprechend gibt es eine große Präferenz auch in den Ernährungsgewohnheiten der Menschen für diesen Mais. Aber durch die Trockenheit kann beispielsweise der Mais nicht mehr angebaut werden. Oder wir haben mehr und mehr Missernten zu verzeichnen.

Und jetzt gibt es natürlich andere Arten, die vielleicht besser passen, andere Maissorten oder auch man wechselt komplett Mais vielleicht zu Hirse. Hirse beschreibe ich immer als das Kamel unter den Pflanzen, weil sie mit weniger Wasser klarkommt. Aber es ist natürlich nicht nur eine Frage von: 'Was passt irgendwie logisch und vom Boden her', sondern das ist natürlich auch eine Frage der Präferenzen. All das muss berücksichtigt werden, um da entsprechend auch gute Antworten zu geben.

tagesschau.de: Wie schwer ist es denn, den Menschen vor Ort zu sagen: Euer nationales Gericht wird jetzt aus gelbem Mais gemacht?

Gornott: Ernährungsgewohnheiten sind natürlich ein ganz sensibles Thema. Da ist es auch falsch, wenn wir als westliche Wissenschaftler in die Dörfer gehen würden und sagen: 'Wir haben da jetzt die Lösung und das ist der gelbe Mais'. Oder ihr macht das traditionelle Gericht jetzt nicht mehr aus Mais sondern aus Hirse.

Es geht eher darum, mit den Menschen vor Ort zu schauen: Wie kann das, was präferiert ist, weiterhin angebaut werden? Geht es vielleicht in speziellen Regionen, auf speziellen Böden. Genauso die Frage, welche Gerichte werden angenommen, welche werden nicht angenommen? Und das ist ein sehr sensibles Thema, wo wir wirklich sehr eng auch mit der lokalen Bevölkerung, aber auch mit Organisationen, die vor Ort tätig sind, gemeinsam nach Lösungen suchen.

tagesschau.de: Wissen ist ja selten eine Einbahnstraße - was können Sie denn von den Menschen vor Ort lernen?

Gornott: Wir lernen jeden Tag und ich denke, das ist ein ganz wichtiger Punkt, weil es viel lokales Wissen über etwa Anbaupraktiken gibt, wo wir auch sehr viel lernen können. Also Sachen, die wirklich auch gut funktionieren, die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern seit Jahrzehnten betreiben und wo auch wirklich viel Wissen herrscht etwa über die Böden oder die speziellen Anbaubedingungen.

Und das versuchen wir mit den entsprechenden Gruppen weiterzuentwickeln. Das funktioniert nicht in allen Fällen, insbesondere dann, wenn neue Herausforderungen durch den Klimawandel auf die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zukommen. Dann müssen die sich teilweise auch stärker umstellen. Aber ich glaube, dieses gegenseitige Lernen und dieses gegenseitige Verständnis auch für die entsprechenden Systeme ist extrem wichtig.

tagesschau.de: Was bräuchte es denn, um den Hunger in diesen Regionen irgendwann in den Griff zu kriegen?

Gornott: Wir müssen noch besser erforschen, wie entsprechende Systeme auf den Klimawandel reagieren. Nur leider haben wir nicht mehr allzu viel Zeit: Das Klima ändert sich immer schneller und die Lösungen werden jetzt gebraucht. Wir brauchen also in einer sehr kurzen Zeit jetzt sehr schnell mit Lösungen. Und dafür braucht es einfach auch noch mehr wissenschaftliche Evidenz.

Es wird also wichtig sein, wie wir jetzt ganz schnell diese Evidenz gewinnen und wie wir diese dann auch tatsächlich in die Praxis bringen können. Dafür braucht es eine enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und beispielsweise Organisationen vor Ort oder der Entwicklungszusammenarbeit. Entsprechend haben wir auch einen sehr engen und intensiven Austausch mit all diesen Akteuren.

Das Interview führte Anja Martini, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete BR24 am 13. Oktober 2022 um 12:39 Uhr.