Fackel in einem Erdgasfeld | picture alliance / dpa

Treibhausgas Mit Methan-Reduktion die Klimakrise abbremsen?

Stand: 01.10.2022 11:58 Uhr

Methan heizt die Erderwärmung deutlich stärker an als CO2. Bedeutet aber auch: Mit weniger Emissionen ließe sich die Klimakrise ausbremsen. Experten haben schon konkrete Ideen, wo und wie Methan eingespart werden kann.

Von Werner Eckert, SWR-Umweltredaktion

Die Lecks in der Ostsee haben ein Schlaglicht auf das Gas geworfen, das da ausströmt: Methan. Erdgas besteht zu rund 90 Prozent aus diesem kürzesten Kohlenwasserstoff-Molekül - ein Kohlenstoffatom mit vier Wasserstoffatomen daran - CH4. Es ist das zweitwichtigste Klimagas und so etwas wie der Turbo in die Klimakrise, denn seine Wirkung ist kurzfristig viel heftiger als die von CO2. Und die Konzentration von Methan in der Atmosphäre steigt viel schneller als die von CO2. Jenseits des aktuellen Lecks: woher kommt das alles und was bedeutet das?

Werner Eckert

Methan könnte aber auch ein Hebel im Kampf gegen die Klimakrise sein. Das wichtigste Treibhausgas ist zwar CO2 - es entsteht bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas, und ist für zwei Drittel der Erderwärmung verantwortlich. Methan ist dagegen für nur 15-20 Prozent verantwortlich. Aber: Methan wirkt unmittelbar und kurzfristig etwa 85 mal so stark wie CO2 - dafür ist es auf der anderen Seite viel schneller wieder weg. Wenn CO2 der Tanker des Klimaschutzes ist, dann ist Methan das Schnellboot. Klein, aber wendig. Wer den Methan-Ausstoß runterbringt, tut sehr schnell sehr viel Gutes für das Klima.

Methankonzentrationen steigen rasant

Tatsache ist aber: die Methankonzentration in der Atmosphäre steigt wesentlich schneller als die von CO2. Sie ist heute zweieinhalbmal höher als vor der Industrialisierung. Die CO2-Konzentration hat dagegen "nur" um 50 Prozent zugelegt. In den beiden letzten Jahrzehnten hat sich der Anstieg noch mal beschleunigt. Der Grund dafür ist noch nicht völlig klar. Oft wird hier der tauende Permafrostboden erwähnt, der schon zu steigenden Methanemissionen beiträgt, beziehungsweise in naher Zukunft beitragen könnte. Der Weltklimarat IPCC hält das aber für sehr unwahrscheinlich.

Die Datenlage ist sehr vage. Rund die Hälfte des Methans stammt aus natürlichen Quellen. Vor allem sind das Feuchtgebiete. Aber selbst hier sind die Emissionen auch von Faktoren abhängig, die von Menschen gesetzt werden: höhere CO2-Gehalte der Atmosphäre oder höhere Temperaturen etwa. Definitiv wird die andere Hälfte direkt vom Menschen beeinflusst.

Und hier wiederum dürfte rund die Hälfte aus landwirtschaftlichen Quellen stammen: Wiederkäuer, wie Rinder und Schafe, und Nassreisanbau sind die wichtigsten. Die andere hat mit der Erschließung fossiler Energien zu tun. Kohle- und Öl-, vor allem aber der Erdgasförderung und dem Transport. Wirklich belastbar sind die Daten aber nicht.

Rinder stehen auf einer Wiese | dpa

Methan entsteht in der Landwirtschaft vor allem bei Wiederkäuern wie Kühen. Bild: dpa

Hohe Emissionen bei Erdgasförderung

Ein sicheres Zeichen: Die offiziellen Daten der Staaten zum Methan-Ausstoß können den viel deutlicheren Anstieg der Konzentration dieses Gases in der Atmosphäre nicht annähernd erklären. Die Internationale Energie-Agentur IEA kommt zu dem Schluss, dass bislang offenbar vor allem die Emissionen aus dem Energiesektor deutlich unterschätzt werden. Und dafür gibt es zahlreiche wissenschaftliche Belege.

So zeigen neuere Studien, dass offenbar die Verluste von Methan aus der Erdgasindustrie bislang erheblich unterschätzt wurden. Erdgas besteht fast nur aus Methan. Messungen der europäischen Raumfahrtagentur ESA mit dem Sentinel-Satellitensystem haben ergeben, dass an den Gasbohrstellen selbst und entlang der Pipelines enorme Mengen an Erdgas entweichen.

Reduzierung um 70 Prozent möglich

1200 solcher Lecks, aus denen mindestens zeitweise Methan entwichen ist, haben die Satelliten alleine in den Jahren 2019 und 2020 entdeckt. Und das sind nur die wirklich großen. Die meisten dieser Emissionen kommen demnach aus Russland, Turkmenistan, den USA, dem Iran, Kasachstan und Algerien. Diese Emissionen könnten insgesamt um 70 Prozent reduziert werden, sagt die Welt-Energieagentur IEA. Das sei technisch machbar und sogar wirtschaftlich lohnend - eine mächtige Stellschraube.

Überschüssiges Gas in einer Rohölverarbeitungsanlage wird verbrannt. | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Ein großer Teil der Methanemissionen entsteht bei der Öl- und Gasförderung. Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Enormer Ausstoß durch Pipeline-Lecks

Die Dimension solcher Lecks macht der aktuelle Fall der beiden Nordstream-Pipelines deutlich. Dort sind bislang mindestens 350.000 Tonnen Methan frei geworden. Der größte Teil ist wohl nicht oxidiert, sondern in die Atmosphäre entwichen. Je nach dem, wie man rechnet, entspricht das 1,5 Prozent oder auch rund vier Prozent des jährlichen Treibhausgas-Ausstoßes in Deutschland.

Der Grund für die unterschiedlichen Angaben: alle Klimagase werden einheitlich auf die Klimawirkung von CO2 umgerechnet. Dabei wird in der Regel die Auswirkung auf das Klima über 100 Jahre hin betrachtet. Dann wirkt Methan rund 25 mal so stark wie CO2. So kommt man auf den niedrigeren Wert. Veranschlagt man dagegen die kurzfristige Wirkung über die kommenden zwei Jahrzehnte, dann kommt man eben zur Aussage, dass es 85 mal so stark wirkt wie CO2 und das verändert den Vergleich. Die höhere Zahl ist aber realistischer, denn die kommenden beiden Jahrzehnte werden entscheidend sein im Kampf gegen die Klimakrise.

Mehr Methan durch Fracking-Gas?

Oft wird versucht, das entweichende und überschüssige Methan aus Bergbau und Bohrungen zumindest zu verbrennen. Dabei entsteht "nur" CO2 - und das ist deutlich weniger klimawirksam. Eine aktuelle Studie zeigt aber, dass die Annahmen auch da bislang zu optimistisch waren.

Demnach wird an wichtigen Öl- und Gasfeldern in den USA etwa fünf Mal mehr Methan frei als bisher von Industrie und Behörden angenommen. Das Team um Genevieve Plant von der University of Michigan hat Messflüge vorgenommen und die Abgase von mehr als 300 Brandfackeln untersucht. Das Ergebnis: Es wird sehr viel mehr Methan gar nicht oder nur unvollkommen verbrannt, als in den Standard-Annahmen der Umweltbehörde berechnet wird.

Gerade auch der Fracking-Gas-Boom in den USA und die Produktion von Flüssiggas LNG daraus, fällt mit einem deutlich messbaren Anstieg der Methankonzentration in der Atmosphäre zusammen.

Temperaturanstieg ließe sich deutlich reduzieren

Auch weitere Methan-Quellen wären relativ einfach zu beseitigen: Das Gas entweicht auch in großem Umfang aus Mülldeponien. In Europa und den USA müssen diese abgedeckt und das Gas eingefangen werden. Das hat die Emissionen z.B. in den USA in den vergangenen 30 Jahren um 40 Prozent gesenkt. Eine einfache Abdeckung wäre auch für riesige Deponien im globalen Süden machbar. Doch tatsächlich geschieht das nicht. Und auch hier sind die Emissionen nach einer neuen Untersuchung 1,4 bis 2,6 mal höher als bisher angenommen.

Bei der Klimakonferenz im vergangenen November in Glasgow haben mehr als 100 Länder den von der EU und den USA gemeinsam vorgeschlagen Plan zur Methan-Reduzierung unterzeichnet. Die sollen bis 2030 gemessen an 2020 um 30 Prozent reduziert werden. Das würde den Temperaturanstieg zuverlässig um rund 0,2 Grad mindern. Nutzte man alle technischen Möglichkeiten weltweit, wurde das den Anstieg sogar um ein halbes Grad senken.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. September 2022 um 16:36 Uhr.