Das Braunkohlekraftwerk Weisweiler | dpa
Interview

Erwartungen an die Klimakonferenz "Müssen Steuer rasch rumreißen"

Stand: 05.11.2022 08:29 Uhr

Die Politik reagiere zu langsam auf die globale Erderwärmung, sagt der Klimaforscher Stefan Rahmstorf im Gespräch mit tagesschau.de. Mit Blick auf die Klimakonferenz in Ägypten fordert er, die Anstrengungen zu verdoppeln.

tagesschau.de: Auf der Weltklimakonferenz 2015 wurde das Ziel ausgerufen, die Erhitzung der Erde möglichst auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Schaffen wir dieses 1,5-Grad-Ziel aus Ihrer Sicht noch?

Stefan Rahmstorf: Das hängt im Wesentlichen von der Politik ab. Der letzte Bericht des Weltklimarats IPCC, der im April erschien, hat ja wieder gezeigt: Es gibt diesen Pfad, das zu schaffen. Und gerade hat die Internationale Energieagentur, die immer vor diesen Klimagipfeln den World Energy Outlook publiziert, auch gesagt, dass es einen schmalen, aber noch gangbaren Weg gibt, 1,5 Grad einzuhalten. Der ist aber jetzt wirklich sehr schmal. Und das heißt: Wir müssen sehr rasch das Steuer herumreißen, um diesen Weg einzuschlagen.

tagesschau.de: Wenn Sie sagen, das Steuer herumreißen, was müssen wir konkret tun?

Rahmstorf: Wir müssen die weltweiten CO2-Emissionen bis 2030 halbieren. Das ist in acht Jahren. Das klingt sehr drastisch, liegt aber daran, dass seit dem Gipfel in Rio 1992, als die Weltgemeinschaft beschloss, einen gefährlichen Klimawandel zu verhindern, die Emissionen immer weiter angewachsen sind. Die Politik hat immer weiter verzögert und auf die Lobby der fossilen Energien gehört. Deswegen müssen wir jetzt eine Vollbremsung bei den Emissionen hinlegen.

tagesschau.de: Sehen Sie uns denn da auf einem guten Weg, dass wir das irgendwie schaffen könnten?

Rahmstorf: Es gibt durchaus positive Anzeichen, gerade auch wenn man den Bericht der Internationalen Energieagentur anschaut. Die gehen jetzt in allen Szenarien davon aus, dass in fünf Jahren spätestens der Höhepunkt der fossilen Energienutzung erreicht und sie danach fallen wird. Nur ist das eben mit der jetzigen Politik nicht schnell genug. Wir müssen die Anstrengungen verdoppeln, um die Emissionen schnell genug herunterzufahren.

tagesschau.de: Sind es denn alleine die Emissionen, die wir jetzt reduzieren müssen?

Rahmstorf: Ja, die globale Erwärmung ist ja zu 100 Prozent vom Menschen verursacht, also durch unsere Emissionen. Und das ist ja eine gute Nachricht, weil wir sie deswegen auch stoppen können. Es wäre ja schlecht, wenn die globale Erwärmung von anderen Faktoren - etwa der Sonnenaktivität - verursacht worden wäre. Wir wissen, dass das nicht der Fall ist. Die Sonnenaktivität hat sogar leicht abgenommen und der Erwärmung leicht entgegengewirkt, die wir verursacht haben. Also liegt es in unserer Hand. Die Politik muss einfach wesentlich entschlossener reagieren. Es kann nicht sein, dass in Deutschland Sektoren, wie der Verkehrssektor, ihre Klimaziele einfach verfehlen und man nicht mal die einfachste Gratis-Maßnahme, nämlich ein allgemeines Tempolimit, ergreift.

tagesschau.de: Jetzt haben Sie ein konkretes Beispiel schon genannt, nämlich das Tempolimit. Was wäre aus Ihrer Sicht als Wissenschaftler noch eine schnell umsetzbare Möglichkeit, um die Emissionen zu reduzieren?

Rahmstorf: Das, was jetzt schnell passieren muss, ist Kohle durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Das ist ein billiger und schnell möglicher Weg, wie auch die Internationale Energieagentur aufzeigt. Die Erneuerbaren wachsen weltweit exponentiell. Sie haben bereits die Stromerzeugung aus Kernkraft überholt, und sie können innerhalb der nächsten zehn Jahre auch die Stromerzeugung aus Kohle überholen. Und ja, das ist natürlich nur ein Teil der Maßnahmen im Stromsektor. Es gibt ja auch noch die anderen Sektoren wie eben Verkehr, Industrie, Landwirtschaft. Aber gerade der Ersatz der Stromerzeugung durch erneuerbare Energien ist wirklich relativ leicht zu schaffen. Die Technologien haben wir, sie werden immer billiger.

Stefan Rahmstorf  | picture alliance / dpa
Zur Person

Stefan Rahmstorf leitet die Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und ist Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam.
In seinen Forschungsarbeiten beschäftigt sich der Physiker und physikalische Ozeanograph mit den Auswirkungen der Klimaveränderung auf die Meereströmungen, den Meeresspiegel und auf Extremwetterereignisse sowie mit der Modellierung des Erdsystems.

tagesschau.de: Aber da haben wir gerade das Problem, dass der Ausbau irgendwie dann doch nicht so richtig schnell vorangeht, wie es sich einige wünschen würden, weil vielleicht Fachleute fehlen, die es aufbauen können. Das heißt, richtig gut läuft es da auch noch nicht ...

Rahmstorf: Im Weltmaßstab funktioniert es durchaus, wir müssen es jetzt nur durchhalten. Und das wird natürlich schwerer bei exponentiellem Wachstum, weil die absoluten Zahlen natürlich immer stärker ansteigen. Wir müssen jetzt also die Hemmnisse sehr schnell beseitigen. Dazu gehört, dass man den Netzausbau voranbringen muss, dass man Hemmnisse wie Abstandsregeln für Windräder und so weiter beseitigen muss. Und natürlich, dass man auch die entsprechenden Fachleute ausbildet, Produktionskapazitäten aufbaut. China baut zum Beispiel derzeit gigantische Produktionskapazitäten für Photovoltaik auf. Die rechnen sehr stark mit diesem Boom und werden bei sich allein in diesem Jahr wesentlich mehr Photovoltaik installieren als Deutschland in der gesamten Geschichte bisher.

tagesschau.de: Dass wir die erneuerbaren Energien ausbauen müssen, wissen wir eigentlich schon etwas länger. Warum dauert es so lange, bis wir das verstehen? Haben die Klimaforscherinnen und -forscher vielleicht nicht deutlich genug gesagt, was passiert, wenn wir es nicht tun?

Rahmstorf: Meiner Meinung nach sagen die Klimaforscher seit 30 Jahren sehr deutlich, was Sache ist. Aber es hat sich eine sehr starke Lobby formiert, die Falschinformationen streut und Menschen mit Klimaskeptiker-Thesen bombardiert, mit sehr hohem Geldaufwand übrigens, mit Hunderten Millionen Dollar durch PR-Agenturen. Und es gibt eben leider auch in den Medien viele, die da mitgespielt haben und so getan haben, als sei alles umstritten in der Klimaforschung, obwohl es da seit Jahrzehnten einen Konsens gibt.

tagesschau.de: Sind Sie als Klimaforscher da an irgendeinem Punkt frustriert und sagen: "Ich kann irgendwann auch nicht mehr?"

Rahmstorf: Ich bin natürlich öfters frustriert. Das ist schon häufig bedrückend, aber ich denke, es ist einfach eine Frage des professionellen Umgangs damit, dass man sich nicht von seinen persönlichen Gefühlen leiten lässt, sondern von dem, was notwendig ist. Wenn ich ein Arzt bin, der eine lebensrettende Operation durchführt, kann ich auch nicht auf meine Gefühle achten, sondern muss einfach professionell meinen Job machen und nicht plötzlich denken: "Um Gottes Willen, das klappt alles nicht."

tagesschau.de: Das bedeutet, wenn Sie jetzt auf die Klimakonferenz schauen, was würden Sie sich wünschen? Was müssten die Staaten, die da zusammenkommen, erreichen?

Rahmstorf: Also es steht ja auch in der Agenda für diese Konferenz. Man muss endlich die Lücke zwischen dem, was man in Paris versprochen hat, nämlich Anstrengungen, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, und dem, was die einzelnen Staaten an Reduktionszielen angegeben haben, schließen. Das ist jetzt die Herausforderung. Man muss sich klarmachen: Das Ausmaß der Erderwärmung hängt ja von den kumulativen Emissionen ab. Weil die Lebensdauer von CO2 so lange ist, Zehntausende von Jahren, ist es die Gesamtmenge seit Beginn der Industrialisierung, die zählt.

Man kann also nicht sagen: Wenn wir das Klimaziel dieses Jahr nicht erreichen, dann erreichen wir es vielleicht in fünf Jahren oder zehn Jahren. Das funktioniert eben nicht. Wenn wir es nicht schnell erreichen, können wir es gar nicht mehr erreichen, weil dann schon zu viel CO2 in der Luft ist. Und wie gesagt, das bleibt dort Zehntausende von Jahren.

tagesschau.de: Wenn wir auf die allgemeine Weltlage blicken: Glauben Sie, dass die Zeichen gut stehen?

Rahmstorf: Ich glaube, dass die Staaten durchaus bereit sind, bei einem für die gesamte Menschheit überlebenswichtigen Thema auch zusammenzuarbeiten. Und interessanterweise findet ja die Internationale Energieagentur in ihrem Energy Outlook, dass der russische Angriff auf die Ukraine sogar den Übergang zu erneuerbaren Energien und den Ausstieg aus den fossilen Energien wahrscheinlich beschleunigen wird.

tagesschau.de: Das bedeutet, Sie sehen hoffnungsvoll auf die diesjährige Klimakonferenz?

Rahmstorf: Also, ich weiß nicht, was man von der Konferenz jetzt konkret erwarten kann. Ich sehe aber positive Entwicklungen - die gehen nur nicht schnell genug. Das Problem wird aber auch nicht allein von einer solchen Konferenz gelöst werden, sondern es muss eben auch der entsprechende politische Druck vorhanden sein, in jedem Land auf die eigene Regierung. Fridays for Future hat ja zum Beispiel erreicht, dass das Thema Klima in den vergangenen Jahren in vielen Ländern eine größere Priorität bekommen hat, auch in der deutschen Politik.

Das Interview führte Anja Martini, Wissenschaftsredakteurin tagesschau

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 04. November 2022 um 18:00 Uhr.