Ein männliches Chamäleon der Gattung (Calumma ambreense) in den Regenwäldern des Amber Mountain im Norden Madagaskars. | picture alliance / imageBROKER
Interview

UN-Biodiversitätskonferenz "Geht um Erhalt unserer Lebensgrundlage"

Stand: 07.12.2022 06:28 Uhr

Bei der Weltnaturkonferenz in Kanada geht es konkret um mehr Flächen für Naturschutz. Doch insgesamt geht es um den Erhalt unserer Lebensgrundlage, sagt der Biologe Mosbrugger im Interview. Und darum, ein Massenaussterben zu verhindern.

tagesschau.de: Im kanadischen Montreal versammeln sich Vertreter von knapp 200 Staaten, zentrales Thema ist der Artenschutz. Was sind die konkreten Ziele der UN-Konferenz?

Volker Mosbrugger: Es geht um etwas ausgesprochen Wichtiges, nämlich um den Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Denn die biologische Vielfalt ist unsere Lebensgrundlage, ohne sie können wir nicht leben. Die Konferenz in Montreal will Maßnahmen beschließen, um diese Lebensgrundlage zu erhalten. Konkret hat man sich insgesamt 21 Ziele gesetzt. Eines der wichtigsten Ziele ist das Vorhaben, 30 Prozent der Landfläche und auch 30 Prozent der Meeresfläche unter Schutz zu stellen, sodass sich die Natur dort entwickeln kann.

Volker Mosbrugger | U. Dettmar/Goethe-Universität
Zur Person

Volker Mosbrugger ist Biologe und Geowissenschaftler. Er war Professor am Institut für Geowissenschaften der Universität Frankfurt am Main und Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung.

"Das sechste Massenaussterben hat begonnen"

tagesschau.de: Wo stehen wir denn aktuell beim Artenschutz?

Mosbrugger: Die biologische Vielfalt schwindet gerade in dramatischer Geschwindigkeit. Die Sterberate der Arten ist Dutzende bis Hunderte Male schneller als das, was normalerweise passieren würde. Und wir wissen aus der Erdgeschichte, dass diese Spur, die wir jetzt hinterlassen, noch mindestens eine Million Jahre lang zu sehen sein wird.

tagesschau.de: Manche Experten sprechen aktuell vom sechsten Massenaussterben in der Geschichte unseres Planeten. Das letzte war vor 65 Millionen Jahren, als die Dinosaurier verschwanden. Sehen Sie das auch so?

Mosbrugger: Ja, das sechste Massenaussterben hat begonnen, gar keine Frage - aber kann auch noch gestoppt werden. Letztlich zieht sich das schon über Hunderte Jahre. Es ist ja nicht erst seit heute so, dass Arten durch den Menschen verloren gehen, sondern seit der Mensch aktiv Landwirtschaft betreibt. Seitdem haben wir immer mehr Arten zum Aussterben gebracht. Und das hat sich in den letzten 50 Jahren mit dem explosionsartigen Wachstum der Weltbevölkerung noch mal dramatisch beschleunigt.

"Ohne die Natur können wir nicht leben"

tagesschau.de: Sie haben zusammen mit anderen Wissenschaftlern die Frankfurter Erklärung unterzeichnet, einen Aufruf für mehr Artenschutz. Warum ist der Erhalt der Biodiversität für uns Menschen so wichtig?

Mosbrugger: Weil die biologische Vielfalt unsere Lebensgrundlage ist. Sie stellt uns sogenannte Ökosystem-Dienstleistungen zur Verfügung, also Leistungen, von denen wir leben. Und das kann man auch in Euros quantifizieren: Diese Ökosystem-Dienstleistungen sind etwa doppelt so viel wert wie die gesamten volkswirtschaftlichen Leistungen, die wir Menschen erbringen. Das globale Bruttoinlandsprodukt liegt etwa bei 96 Billionen US-Dollar. Und das, was uns die Natur zur Verfügung stellt, liegt in der Größenordnung von 150 bis 200 Billionen US-Dollar pro Jahr.

Ohne die Natur können wir gar nicht leben: Das wird besonders deutlich zum Beispiel bei der Bestäubung von Pflanzen. Wir brauchen Insekten, Vögel oder Fledermäuse für die Bestäubung von Pflanzen und damit auch für den Großteil unserer Nahrungsmittel.

tagesschau.de: Wie schätzen Sie denn die politische Lage ein? Wird sich die Welt zu mehr Artenschutz aufraffen können?

Mosbrugger: Den Menschen und auch den Entscheidungsträgern wird mehr und mehr bewusst, wie dringend dieses Thema ist. Ich gehe schon davon aus, dass es deutliche Fortschritte geben wird, aber der entscheidende Punkt liegt nachher in der Umsetzung. Und nun muss man hoffen, dass wir in Montreal nicht nur ambitionierte Ziele vereinbaren, sondern dass es auch klare Maßnahmen dazu gibt, wie sie umgesetzt, wie sie kontrolliert und überwacht werden können.

"Jeder kann auf seinen Konsum achten"

tagesschau.de: Was könnten wir denn in Deutschland konkret tun? Und was kann auch jeder Einzelne für mehr Artenschutz tun?

Mosbrugger: Ein ganz wichtiger Punkt ist die Agrarpolitik, also die Subventionen für Forstwirte und die Landwirtschaft. Da gilt es, künftig darauf zu achten, dass nicht nur die intensive Landwirtschaft gefördert wird, sondern vor allem ökologischer Landbau.

Und auch jeder Einzelne kann etwas tun. Eine Möglichkeit ist, mein direktes Umfeld, also etwa meine Terrasse, meinen Garten, mein kleines Flurstück möglichst vielfältig zu bepflanzen und zu nutzen. Weniger mähen, weniger Golfrasen-Ambiente, sondern Wildnis wagen.

Und ein zweiter wichtiger Punkt ist der Konsum. Da hilft es viel, weniger Fleisch und tierische Produkte zu essen, denn die Fleischproduktion ist einfach an vielen Stellen umweltschädlich. Und man kann darauf achten, vor allem regionale Produkte zu kaufen und zu nutzen und nicht lange Lieferketten in Anspruch zu nehmen.

Ziel: Pestizide und Nährstoffe reduzieren

tagesschau.de: Auf der Konferenz wird es auch um Pestizide und Düngemittel gehen.

Mosbrugger: Das ist tatsächlich ein ganz großes Problem: Denn der Eintrag von Schadstoffen und zusätzlichen Nährstoffen wie Stickstoff und Phosphor schädigt die Natur und viele Arten. Die Ziele dazu in Montreal sind durchaus ambitioniert: Die Nährstoffe möchte man, so ist die Verhandlungsgrundlage, um 50 Prozent reduzieren und die Pestizide sogar um 60 Prozent. Und Plastikmüll möchte man eigentlich am liebsten ganz vermeiden.

Aber unabhängig davon, ob sie jetzt in Montreal von der Staatengemeinschaft verabschiedet werden, könnten Deutschland und die EU diese Ziele ja auch ohne Weiteres für sich umsetzen. Und das sollte auch das Ziel sein.

tagesschau.de: Was erhoffen Sie sich denn - persönlich und als Wissenschaftler - von der Konferenz?

Mosbrugger: Ich glaube, das Wichtigste ist, dass wir verstehen, wie dringend das Problem ist und dass wir alle handeln müssten. Man kann das Thema nicht nur bei den Staatenlenkern parken, sondern es muss uns alle betreffen, unser Konsumverhalten, unser Tourismusverhalten, unseren Energieverbrauch. Damit wir alle dazu beitragen, so wenig Naturressourcen zu verbrauchen wie möglich.

Ein zweiter wichtiger Punkt für mich ist, dass wir stärker die Wirtschaft in den Blick nehmen. Eigentlich müssten die Umweltschäden, die ein Wirtschaften immer mit erzeugt, auf die Preise draufgeschlagen und diese Erträge genutzt werden, um Umweltschäden zu reparieren. Das hieße, dass umweltschädliche Produkte teurer werden. Und das würde ich mir schon erhoffen, dass es hier ein grundlegendes Umsteuern gibt, wie wir die Natur in unserem Wirtschaftskreislauf berücksichtigen.

Das Interview führte Alexander Steininger, tagesschau.de. Es wurde für die schriftliche Fassung redigiert.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 07. Dezember 2022 um 06:28 Uhr.