Ein Reh steht mit einem Kitz in einem Feld. | picture alliance / imageBROKER

Wert der Artenvielfalt Natur bewerten, um sie zu schützen

Stand: 19.12.2022 05:04 Uhr

Oft stehen gutem Artenschutz kurzfristige, wirtschaftliche Interessen entgegen. Umweltökonomen wollen deshalb den wirtschaftlichen Nutzen der Natur berechnen - um sie zu schützen.

Von Jenny von Sperber, BR

Ein Moor in Deutschland hat auf den ersten Blick keinen wirtschaftlichen Wert. Das Moor wird also trockengelegt und ein Landwirt baut auf der Fläche Mais für Biogasanlagen an. Das passiert häufig in Deutschland. 

Ökonomen haben die Konsequenzen dieser Entscheidung mal mit den Zahlen von 2014 durchgerechnet: Dem Landwirt brachte sein Mais damals 656 Euro Agrarförderung pro Hektar und Jahr und nochmal gut 667 Euro für den Mais, den er verkauft hat. Es gab auch noch ein Plus für alle: Denn die Bioenergie aus dem nachwachsenden Mais sparte CO2-Emissionen ein. Und diese hätten laut Umweltbundesamt einen Schadenswert von 649 Euro gehabt. Insgesamt lässt sich also einen Gewinn pro Jahr und Hektar von 1972 Euro notiert.

Verluste durch den Maisanbau

Das klingt erstmal gut. Aber der Umweltökonom Bernd Hansjürgens vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung in Leipzig sagt, bei dieser Rechnung sei ein großer Teil einfach weggelassen worden. Wenn man sich Gewinn und Verlust für die Allgemeinheit anschaue, dann sehe es anders aus. Einmal, weil ein Großteil der Gewinne des Landwirts Subventionen sind. Die zahlen alle.

"Außerdem hat Maisanbau mit hohen Belastungen der Böden zu tun, wenn Nitrat eingetragen wird oder wenn Pestizide benutzt werden", so Hansjürgens. Und der Schaden an der Natur - das sind wieder Verluste für uns alle.

Der wahre Wert des Moores

Und das Moor? Hat es wirklich keinen ökonomischen Wert? "Moore speichern mit ihren kohlenstoffreichen Böden, die unter Wasser stehen, in hohem Maße Treibhausgase. Hinzu kommt ein Riesenvorteil für die biologische Vielfalt, denn diese Standorte sind oft sehr biodiversitätsreich", erklärt der Umweltökonom.

Hansjürgens und sein Team haben errechnet, dass der Wert des Moores vier bis fünfmal höher ist als der des Maisackers. Um den Wert der biologischen Vielfalt oder der Speicherkapazität von Treibhausgasen zu berechnen, haben sie mit unterschiedlichen Schätzungen gerechnet. Für den Mais bleiben nach Abzug der Subventionen und Umweltschäden nur noch 1011 Euro Gewinn. Fürs Moor wäre der Gewinn dagegen über 4000 Euro pro Hektar und Jahr.

Der blinde Fleck in unserem Wirtschaftssystem

Das Problem ist also, dass die Werte der Natur nicht einberechnet werden, wenn Entscheidungen getroffen werden, sagen Umweltökonomen. Sie sprechen von einem "blinden Fleck" in unserem Wirtschaftssystem.

Wenn Experten zum Beispiel berechnen, wie wohlhabend ein Land ist, dann berechnen sie in der Regel nur, was in diesem Land alles hergestellt wurde und wieviel Geld dort verdient wurde. Der Wert der Natur mit all ihren Gratisleistungen - oder eben der Verlust dieser hohen Werte - wird einfach weggelassen. Ein hohes Bruttoinlandsprodukt gilt deshalb als Zeichen für Wohlstand. Dabei ist es das nicht unbedingt, sagt Hansjürgens: "Die Natur mit ihrem unermesslichen Reichtum, auch mit ihrem Nutzen für den Menschen, geht überhaupt nicht in diese Rechnung mit ein. Und das ist ein grundlegender Fehler, der behoben werden müsste."

Die Leistungen der Natur beziffern

Um die Werte der Natur zu berechnen, versuchen Ökonomen zuerst, die einzelnen Vorteile zu beziffern, die uns die intakte Natur kostenfrei zur Verfügung stellt. Ökosystemleistungen nennen das die Experten, sagt die Landschaftsplanerin Aude Zingraff-Hamed von der TU München. Sie berät Entscheidungsträger bezüglich naturbasierter Lösungen: "Ökosystemleistungen sind eben das, was die Natur für uns tut. Zum Beispiel die Fähigkeit eines Waldes, CO2 aus der Atmosphäre zu binden. Oder die Fähigkeit des Bodens, Wasser zu speichern. Denn das verhindert Überschwemmungen."

Konkrete Zahlen sollen in erster Linie den hohen Wert der Natur deutlich machen. Der Gedanke dabei: Die klare Bezifferung könnte den einen oder andere Entscheidungsträger dazu bringen, Entscheidungen für den Erhalt der Natur zu treffen, anstatt gegen sie. Oder zumindest verhindern, dass die Zerstörung von Naturkapital noch subventioniert wird - wie beim Mais.

Monetäre Bewertung bleibt unzureichend

Allerdings: Manche Naturschützer und Ökologen kritisieren die Idee, den Nutzen der Natur monetär zu bewerten. Auch der Ökologe Karl Matthias Wantzen von der Universität Tours sagt: "Wenn eine Biene besonders wertvoll ist, weil sie eine Bestäuberdienstleistung in einer Apfelbaumplantage darstellt, dann ist das eine tolle Sache. Wenn ich aber an einer anderen Stelle Weizen anbaue, der vom Wind bestäubt wird, dann brauche ich keine Bienen. Und damit ist der Wert dieser Biene dann praktisch nicht mehr vorhanden." Wantzen macht deshalb auf die vielen Werte der Natur aufmerksam, die nicht zu einem unmittelbaren Nutzen für uns Menschen führen.

Auf lange Sicht entscheidender sei beim Wert der Natur das große ganze Zusammenspiel, sagen viele Ökologen, nämlich dass sich die Natur durch ihre Vielfalt selbst erhalten kann. Oder ökonomisch gesagt: Dass Wartungs- und Entwicklungskosten gleich null bleiben. Diese Selbsterhaltung funktioniert aber nur, solange eine große Vielfalt erhalten bleibt. "Das Leben ist ständig in Veränderung", sagt Wantzen, "und wenn wir diese Veränderungsmöglichkeiten, diese Evolutionskapazitäten nicht aufrechterhalten, dann bricht uns dieses Natursystem früher oder später zusammen, weil es einfach genetisch verarmt ist."

Ökosystemleistungen zu ersetzen wird teuer

Die Folge: Die Gratisleistungen der Natur - wie Hochwasserschutz oder sauberes Trinkwasser - können nicht mehr von der Natur übernommen werden. Und somit werden sie für uns sehr teuer.

Es gibt also Werte der Natur, die sich vermutlich nie in volkswirtschaftlichen Bilanzen ausdrücken lassen. Bei einzelnen Entscheidungen aber können Geldwerte helfen, vernünftiger zu handeln.  

Über dieses Thema berichtete BR24 am 19. Dezember 2022 um 08:31 Uhr.